Wo in dieser Republik, in welchem Panzerschrank, wird eigentlich der Generationenvertrag aufbewahrt? Wer die aufgeregte Debatte über Generationengerechtigkeit verfolgt, könnte glauben, dieses Dokument existiere tatsächlich, lege rechtsverbindlich die künftigen Lebensbedingungen der heute 20- bis 30-Jährigen fest – und sei von "den Alten" eiskalt gebrochen worden. Sie erlaubten sich regelwidrig, immer zahlreicher zu werden, unverschämt lange zu leben, medizinische Luxusversorgung zu konsumieren, stetig steigende Renten zu verprassen und jedwede Politik zu verhindern, die etwas daran ändern wollte. Alles auf Kosten der Jungen, natürlich.

Was für eine Scheindebatte! Der Generationenvertrag ist in Wirklichkeit ein ideelles Konstrukt, das gesellschaftliches Einvernehmen über zwei Dinge beschreiben soll: zum einen, dass die Erwerbstätigen mit Beiträgen aus ihrem Einkommen für die Alten sorgen, die das Gleiche schon für ihre Eltern getan haben. Zum anderen, dass die junge Generation die Kinder bekommt und großzieht, die ihnen später ihre eigene Rente erwirtschaften werden.

Die Ästhetik des Single-Lebens

Alle Deutschen, die 60 Jahre und älter sind – von der Generation der Achtundsechziger aufwärts –, haben beide Verpflichtungen eingehalten: Sie haben für die Eltern die Rente gezahlt, und sie haben sich bevölkerungspolitisch korrekt vermehrt. Dennoch ist die soziale Sicherung der zukünftigen Rentner in Schieflage geraten. Das hat viele Gründe: Auf die Alten wartet heute ein längeres Leben nach der Arbeit. Sind sie erst einmal 65 geworden, dann steigt ihre Lebenserwartung um 35 bis 40 Tage pro Jahr. Das bedeutet: Auf zehn Lebensjahre kommt ein Rentenjahr mehr. Damit wächst die Belastung der nachfolgenden Generation. Ist das ein Vertragsbruch? Oder einfach eine Veränderung, auf die die Politik konventionell sozialpolitisch reagieren könnte, ohne gleich den Generationenkrieg auszurufen? Immerhin hat die Bundesregierung mit der Riester-Rente ein Modell vorgelegt, das die demografisch riskante staatliche Daseinsvorsorge um private Sicherung ergänzt. Doch die jüngere Generation nimmt die Riester-Rente nicht an. Sie jammert lieber.

Deutschlands geburtenstarke Jahrgänge reichen bis in die Mitte der sechziger Jahre. 1964 brachte eine Frau, statistisch gesehen, 2,54 Kinder zur Welt. Die Nettoreproduktionsrate lag bei 1,18 – das heißt, dass diese Eltern durch ihre Kinder mehr als ersetzt wurden. Die narzisstische Lebensideologie der Achtundsechziger hat zwar zur Auflösung von Traditionsfamilien beigetragen – aber sie haben viele Kinder bekommen.

Die neue planmäßige Kinderlosigkeit – von ungewollter ist hier nicht die Rede – beginnt erst in den siebziger Jahren. Sie ist oft mit dem Emanzipationswunsch der Frauen erklärt worden; heute kommt ganz offensichtlich eine neue Bindungsunwilligkeit der Männer dazu. Die Entwicklung erreichte ihren dramatischen Tiefpunkt 1994: Da lag die Nettoreproduktionsrate bei 0,59. Frauen bekommen heute im Schnitt 1,35 Kinder und sind beim ersten Kind schon 29 Jahre alt. Eine Wende ist nicht in Sicht, in der Gesellschaft dominiert die Single-Ästhetik. Nicht die Alten haben den Generationenvertrag gekündigt. Ausgestiegen sind, höchst effektvoll, die heute 30- bis 45-Jährigen.

Alle bekannten Finanzierungsprobleme der Rentenversicherung sind Peanuts im Vergleich zum Mega-Trend: Eine ganze Elterngeneration reproduziert sich nur noch zur Hälfte. Während heute drei Erwerbstätige für einen Rentner aufkommen, wird es, setzt man nicht irrsinnige Einwanderungszahlen voraus, im Jahr 2050 ein Berufstätiger sein, der für einen Ruheständler zahlen muss. Der Wohlfahrtsstaat von einst wird nicht wiederzuerkennen sein.

Wir haben es uns ganz allein eingebrockt, und schlimmer noch: Die Politiker, die Unternehmer, die Verbände, wir alle konnten seit 25 Jahren wissen, was geschehen würde, wenn der Kinderstreik anhielte – die Zahlen lagen längst auf dem Tisch.