Generationenvertrag Wo sind die Kinder?Seite 2/2
Die möglichen Antworten auf diese Bevölkerungskrise verlangen eine andere Art von Radikalität, als sie die Sprecher einer neoliberal geprägten jungen Generation auf Kosten anderer Leute pflegen. Der Staat, „die“ Politik, kann den gesellschaftlichen Individualisierungsprozess nicht aufhalten. Dieser ist ein kulturelles Problem, das sich normalen Gesetzesinitiativen entzieht. Wenn die Menschen als Dinks (double income, no kids) oder heute noch lieber als Singles leben wollen, kann niemand sie daran hindern. Aber mutige Politiker müssten ihnen unverblümt sagen, dass ihre individuelle Entscheidung gegen Kinder, die sich mit Millionen von gleichgerichteten Entscheidungen zum Massenphänomen summiert, nicht folgenlos bleiben wird. Wer, als Kinderloser, die halbe Million Euro (Existenzminimum), die zum Großziehen von drei Kindern mindestens nötig wäre, im Frühling des Lebens für Tauchurlaube ausgibt, kann nicht im Herbst die Sparbücher seiner Eltern plündern; die werden überdies leer sein.
Das gibt es: Liebe in der Familie
Niemand hindert die Kinderlosen daran, ihr Geld schon heute privat anzulegen, wie es in lebhafter Rhetorik gegen die staatlichen „Zwangssysteme“ gern gefordert wird. Ist man allerdings ganz und gar auf sich gestellt, wird schnell deutlich, wie unsicher ganz normale „Versorgungswerke“ ohne zusätzliche staatliche Rentenversicherungen sind.
So ernst die Lage in mittlerer Zukunft auch werden wird, das aktuelle Gerede über den „Zusammenbruch“ der Sozialsysteme und den „radikalen Systemwechsel“, der angeblich nötig sei, um Renten-, Pflege- und Krankenversicherung zu retten, hat einen allzu schrillen Ton. Der war schon immer typisch für politische Großmoden in Deutschland. Sein Lärm übertönt die entscheidende Frage: Wollen wir weiter so leben wie bisher? Heißt das Zukunftsmodell: Allein, ohne Kinder, privat versichert?
Darüber ließe sich eine produktive, eine große gesellschaftliche Auseinandersetzung führen. Eine ehrliche Debatte über die vielfältigen Gründe unserer Kinderlosigkeit könnte allerdings noch viel bitterer verlaufen als das kleine Generationengerangel dieser Tage. Denn der Verdacht liegt nahe, dass uns Kinder – jenseits aller finanziellen Argumente – einfach zu anstrengend sind. Weil wir andere Prioritäten setzen, beweglich sein müssen, aber auch wollen; weil wir Konsum für angenehmer halten als nervtötende Stunden mit Holzbauklötzen – und unseren Nachtschlaf schätzen.
Doch es hilft alles nichts: Die einzige Zukunftssicherung, die zuverlässig funktioniert, sind Kinder, nichts anderes. Sie erwirtschaften die Sozialversicherungsbeiträge, die Steuern, die Zinsen, den Wohlstand, von dem wir leben werden, wenn wir alt sind. Den demografischen Abwärtstrend, der in Deutschland die Bevölkerungspyramide auf den Kopf stellen wird, könnten höhere finanzielle Transfers für Familien und bessere Betreuungsangebote für die Kinder berufstätiger Eltern verlangsamen. Aufhalten oder gar umkehren kann ihn aber nur ein revolutionärer Mentalitätswechsel, ein kultureller Wandel dieser Gesellschaft. Man kann es aber auch ganz altmodisch sagen: Was spricht eigentlich gegen die Wiederentdeckung der tröstlichen Erfahrung von jener Liebe, die Eltern erleben? Der Staat kann keine Kinder verordnen. Die müssen die Deutschen schon selbst machen. Dann erst gilt, mit Norbert Blüm: „Die Rente ist sicher.“
- Datum 14.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.08.2003 Nr.34
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