Von Henrike Thomsen

Das Streben nach Wissen ist die Pflicht aller Muslime – eines jeden Mannes und jeder Frau" lautet das Motto von Zentralasiens ältester Hochschule. Die Inschrift steht in das Eingangsportal der Medresse Ulug Beg in Buchara gemeißelt, aber aus ihr spricht der vergessene Stolz der alten Seidenstraßenregion zwischen Iran, Russland, China und Indien. Zentralasien gilt heute als Brutstätte eines unaufgeklärten Islamismus. Von hier ging der Fundamentalismus in seiner krassesten Form hervor: die Taliban, ein Lumpenkriegerproletariat, in radikalen Koranschulen in Nordpakistan und Afghanistan gedrillt für den Dschihad. Dass die Region der Bamiyan-Vandalen einmal für ihre kulturellen Leistungen berühmt war, ehe sie zum bloßen Spielball der Weltpolitik verkam, ist beinahe verschüttet.

Die Seidenstraße zählt zu den mythischen Orten der islamischen Geistesgeschichte. Bis zum 15. Jahrhundert hatte sie urbane Zentren wie Buchara und Samarkand hervorgebracht, deren Universitäten, Sternwarten, Hospize und Moscheen es mit den europäischen Zentren der Renaissance aufnehmen konnten. Das hellenistische Erbe von Alexander dem Großen, buddhistische Traditionen sowie der Sufismus, eine mystische Spielart des Islam, hinterließen ihre Spuren. In der jahrhundertealten Toleranzkultur nahmen auch die schönen Künste eine hohe Stellung ein. "Die Menschen verbringen ihre Zeit fast nur damit, auf Instrumenten zu spielen, zu singen und zu tanzen", notierte Marco Polo.

Nichts könnte weiter entfernt sein von diesem goldenen Vergangenheitsbild als die aktuelle Realität. Tadschikistan, das alte Mutterland der heute usbekischen Städte Buchara und Samarkand, zählt zu den 20 ärmsten Ländern der Welt. Bei den Nachbarn Usbekistan, Kasachstan, Kyrgystan oder Pakistan sieht die Lage kaum besser aus. Von Afghanistan schwappten islamistische Fundamentalisten, Drogen- und Waffenschmuggler herüber, die das Staats- und Gesellschaftsgefüge gefährden. Das Bildungswesen ist marode. Die Staatsuniversität von Tadschikistan verfügt nicht einmal über genügend Geld, um die morschen alten Bankpulte der Studenten zu ersetzen. Ein ehemaliger Dorfschullehrer unterrichtet sein radebrechendes Englisch an der Sprachenfakultät in der Hauptstadt Duschanbe. Umso irrealer wirkt es, wenn man hier plötzlich ein funkelnagelneues Sprachlabor entdeckt, in dem ein redegewandter Kanadier mithilfe von Musikbeispielen unterrichtet. Der Lehrer befeuert seine Studentinnen mit einem wilden Mix aus Béla Bartók, Sex Pistols und dem türkischen Schlagerstar Tarkan. Er konfrontiert sie mit Fragen zum Verhältnis zwischen Musik und Politik, zwischen Kunst und Macht. Immer wieder sagt er einen Satz: "I want you to think."

Das Sprachlabor und der englischsprachige Pädagoge verdanken sich dem Aga Khan Humanities Project. Die geistes- und sozialwissenschaftlichen Förderkurse dieses Programms bilden neuerdings Teil des Uni-Angebots in Tadschikistan, Kyrgystan und Kasachstan. Doch ihr Signal an die ganze Region lautet: Neue Denker, Meinungsführer und Eliten müssen her, oder Zentralasien wird seiner Probleme nicht Herr werden. Nach dem jahrelangen Schwund der gesellschaftlichen Führungsschicht durch Bürgerkriege und Verfolgung ist das eine naheliegende Einsicht. Dennoch erhält der Appell durch den Spiritus Rector des Humanities Project eine besondere Brisanz.

Der Aga Khan ist ein Muslimführer, der um die Aussöhnung zwischen der islamischen Welt und dem Westen bemüht ist. Das spirituelle Oberhaupt der Ismaeliten, einer schiitischen Splittergemeinde von weltweit 17 bis 20 Millionen Gläubigen, ist ein liberaler Vordenker, der selbstbewusst sowohl an seine Harvard-Erziehung als auch an den Koran anknüpft. Nebenbei ist der Aga Khan ein Lebemann und findiger Unternehmer – kurz, er verkörpert das Ideal eines modernen Islams, wie es die Vereinten Nationen sich nicht schöner ausmalen könnten.

Bei uns ist der 67-jährige Karim Aga KhanIV. eher aus der Klatschpresse bekannt: Er gilt als einer der reichsten Männer der Welt mit einem Schloss bei Paris, einem Stall voll kostbarer Rennpferde und einer eleganten deutschen Gräfin als zweiter Ehefrau. Dass der 49. Imam der Ismaeliten ein studierter Islamwissenschafter ist und laut Spiegel das weltweit größte private Entwicklungshilfe-Netzwerk betreibt, wissen nur wenige. In Zentralasien hingegen erweist man ihm eben deshalb besonders Reverenz. Das Aga Khan Development Network (AKDN) ist hier seit den neunziger Jahren aktiv, nicht nur zur Unterstützung für die hier zahlreich lebenden Ismaeliten, sondern zur Stabilisierung der gesamten Region, besonders seit dem 11. September.

Die Ismaeliten nahmen in der islamischen Welt stets eine Rolle ein, die an die der Juden gegenüber den Christen erinnert. Die Gemeinde, die im 8. Jahrhundert aus unterschiedlichen Auffassungen über die Nachfolge des schiitischen Glaubensführers Ali hervorgegangen war, blieb eine Minderheit. Als solche aber definierte sie sich besonders über ihre geistigen und literarischen Interessen, ihren Fleiß und ihren betont rationalen Glaubensansatz. (Insofern haben die Ismaeliten auch einen protestantischen, wenn nicht gar kalvinistischen Zug.) Nach dem Mongolensturm im 13. Jahrhundert verstreute sich die Gemeinde von Nordafrika und Nordiran bis nach China und Indien. Die Imame residierten bis um 1830 in Persien, wo sie vom Schah den Fürstentitel "Aga Khan" erhielten. Der Großvater des amtierenden Imam begann im frühen 20. Jahrhundert, die Spenden seiner Gläubigen nachhaltig in Universitäten, Schulen und Begabtenförderung zu investieren. 1937 wurde er Präsident des Völkerbundes und zog von Bombay nach Genf, wo heute das AKDN seinen Sitz hat und Karim Aga KhanIV. geboren wurde, der seit 1957 die Geschicke der Ismaeliten lenkt.