Bildung und Kultur Ein Fürst träumt von AfghanistanSeite 4/4
Für die Reparatur hat das AKDN eine deutsche Spezialfirma engagiert und hofft wie immer auf einen Lerneffekt für die heimischen Hilfskräfte und Architekten auf der Baustelle. Tatsächlich aber prallen zwei Welten aufeinander: „Die arbeiten mit Fuchsschwänzen, mit denen wir in Deutschland nicht einmal eine Kartoffel durchsägen würden. Wir kommen uns manchmal ziemlich großkotzig vor, obwohl wir es gar nicht wollen“, sagt ein Polier aus Essen.
Noch krasser erfährt man den Gegensatz, wenn man die wackeligen Holzleitern erklimmt und vom Turm herunterschaut. Zu den Füßen des Mausoleums hat sich ein Basar aus Wellblechbaracken und Lastwagencontainern ausgebreitet. Davor betteln Krüppel mit verstümmelten Beinen und Armen. Und immer noch verminte Ruinen, so weit das Auge reicht. Kabul, dieser Schutthaufen bei einem großen internationalen Militärlager, sieht anderthalb Jahre nach dem Sturz der Taliban kaum besser aus als Berlin Ende 1946. Was macht es für einen Sinn, ein Mausoleum zu reparieren, wenn die ganze Stadt als ein solches erscheint – und zwar irreparabel?
„Der Nationalstolz in diesem Land hat sich auf das Kämpfen konzentriert. Ein Teil unserer Aufgabe ist es, ihn auf das kulturelle Erbe zurückzulenken“, sagt Karel Bos vom Historic Cities Support Program des AKDN. Und Kulturminister Raheen versichert: „Das Wissen um ihre große historische Tradition gehörte zum täglichen Leben der Afghanen. Sobald sich die Situation normalisiert, werden sie von ganz allein danach suchen.“ Die Bundeswehr unterstützte seit 2002 mit ihrem Sonderhilfs-Corps Cimic den Wiederaufbau von Schulen, Jugendzentren, Kindergärten und Krankenhäusern. Der erfolgreiche Einsatz des Kontingents wird 2004 voraussichtlich jedoch nicht verlängert, falls die Bundeswehr ihr Engagement insgesamt reduziert. Das Auswärtige Amt hat das AKDN seit 2002 mit 515000 Euro für die Restaurierung der Babur-Gärten unterstützt. Die angedachte Erweiterung der Grabungen außerhalb von Kabul wird man aus Sorge um die Sicherheit der deutschen Archäologen vor Ort vermutlich aber nicht finanzieren.
Die Babur-Gärten sehen aus wie ein europäischer Barockgarten, nur schlichter im Design. Die breiten Blumenterrassen am Südrand Kabuls waren einst mit Fontänen und Wasserläufen geschmückt. Heute sind die meisten Beete leer und die Brunnen trocken. Der obere Teil des Parks überdauerte die Zeitläufte als öffentliches Schwimmbad, denn ein breites Auffangbecken für Regen und Wasser von den umliegenden Hängen wurde 1930 hinzugebaut, in dem sich heute die männliche Jugend in bunten Badeshorts vergnügt. Nichts von dem Ausblick, der sich ihnen von hier auf die Ruinen und die mit klapprigen Vehikeln verstopften Straßen bietet, erinnert an Baburs geliebte Stadt. In den Augen des persischen Dichters Sa’ib-i-Tabrizi aus dem 17. Jahrhundert war Kabul mit seinen zahlreichen Parks, Schreinen und Palästen lieblich genug, um das Paradies neidisch zu machen. Heute sehen die Kinder nichts als eine formlose braune Stadtmasse. Was hilft es da, wenn Archäologen die alten Bewässerungsanlagen Baburs freilegen? Was sollen die guten Worte eines Ministers?
An einem Nachmittag im Altstadtviertel Ashequan wa Arefan findet sich vielleicht eine Antwort. Das AKDN renoviert hier – mit 39000 Euro ebenfalls vom Auswärtigen Amt – eine Moschee, die als Militärlager gedient hatte. Helfer aus der Nachbarschaft kratzen mit Drähten geduldig die Wände ab, damit unter den zahlreichen Überstreichungen die alten Stukkaturen wieder zum Vorschein kommen. Einige haben angefangen, ihre eigenen Häuser auf diese Weise zu renovieren. Auf dem Hügel über der Moschee hat eine Menschenmenge einen alten Stadtführer gefunden. Die Kinder betrachten die Fotos. Überraschenderweise erkennen sie die meisten abgebildeten Denkmäler. Die alten Männer wissen, wo die Monumente einst lagen oder liegen. Sie deuten mit ausgestreckten Armen in die Richtungen – „Timur Shah, yes, Babur Shah, yes“ – und kommen ins Erzählen. Ein lebhaftes Gespräch entspinnt sich zwischen den Alten und Jungen. Am Ende hält einer das Buch hoch in die Luft, und alle rufen: „Thank you, thank you, thank you!“
- Datum 14.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.08.2003 Nr.34
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