Als ob in jenen vier Flugzeugen nicht Terroristen, sondern avantgardistische Künstler das Steuer übernommen hätten, kam es nach den Anschlägen in den USA zu einer Debatte, die sich um das Verhältnis von Kunst und Terror drehte. Den Anfang machte der Direktor des Musée Picasso Jean Clair, der manche Künstler als Wegbereiter des Terrors vom 11. September bezeichnete. Bereits die Surrealisten der zwanziger Jahre, so Clair, hätten die Zerstörung zu ihrer Lebensaufgabe erklärt und wollten alles vernichten, was die westliche Überlegenheit ausmacht. Der Orient hingegen sei von den Surrealisten umschwärmt worden, und tief hätten sie auch Afghanistan in ihr Herz geschlossen. Für den Künstler Robert Desnos zum Beispiel waren "orientalische Barbaren" die Einzigen, die "auf den Fußspuren des Erzengels Attila wandeln" könnten.

Folgt man Clair, führt eine direkte Linie von der Glorifizierung Attilas zum Attentäter Atta: Die Surrealisten waren die Ersten, die in ihren Fantasien die beiden Symbole des westlichen Fortschritts, Flugzeug und Wolkenkratzer, gegeneinander richteten und damit vorwegnahmen, was mit den Anschlägen in den USA schreckliche Wirklichkeit wurde.

Nur in der Kunst kann sich die Anarchie frei ausleben

Mit seinem Avantgardisten-Bashing blieb Clair nicht allein. Seit dem 11. September gab es auch im deutschsprachigen Raum eine Reihe von Veranstaltungen, die sich um das Verhältnis von Avantgarde und Terror drehten. So stellte die Ausstellung Iconoclash im Karlsruher ZKM die Avantgardisten als Bilderstürmer in die Nähe afghanischer Buddha-Statuen-Zerstörer. Vielerorts wurde über die innere Beziehung zwischen Künstlern und Terroristen spekuliert – und immer offenkundiger wurde, wie nah sich beide Gruppen sind.

Der Terror begleitete bereits die Herausbildung des modernen Kunstsystems wie sein Schatten. Das Wort Terrorismus entstand im Gefolge der Schreckensherrschaft der Jakobiner 1793/94, und deren terreur war es, die den Ausgangspunkt für Schillers Epoche machende Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen von 1795 bildete. Angesichts einer revolutionär entfesselten Gesellschaft, die in das Elementarreich enthemmter Triebe und Gewalt zurückfiel, entwarf Schiller einen künstlerischen Gegenraum. Er wollte zeigen, dass in einer autonomen, von allen unmittelbaren Zwecken entbundenen Kunstsphäre – und nur in dieser – die Humanität befördert werden könne.

Allerdings fehlte schon damals nicht die höhnische Gegenstimme: In seiner etwa gleichzeitig zu Schillers Briefen entstandenen La nouvelle Justine bejahte der Marquis de Sade selbst die äußersten Grausamkeiten. Bereits ein Jahrzehnt vorher, noch unter dem Ancien Régime, war ihm die Literatur zum Medium der Sprengung aller Rahmen geworden, als er in seinen Hundertzwanzig Tagen von Sodom die Alleinherrschaft des Terrors im Schloss des Herzogs von Blangis imaginierte.

Was im Gegensatz zwischen Schiller und de Sade erstmals aufblitzt, explodiert 1910 in Gestalt der historischen Avantgarde. Für gewöhnlich wird ihre Entstehung damit erklärt, dass sich die Kunstautonomie im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr entfaltete und in der Jahrhundertwende im Ästhetizismus und im L’art pour l’art vollendete. In dieser Sackgasse angelangt, habe es der Avantgarde bedurft, um die Kunstsphäre von innen her zu sprengen. Schock, Terror, Gewalt waren die Mittel dazu und zeigten sich in einer Besessenheit für gewalttätige Sprechakte. Besonders beliebt war das Manifest, dessen Wirkung sich einer impliziten Gewaltandrohung verdankte.

Und auch heute hat die Gewalt, hat das Kokettieren mit dem Terror für manche Künstler nichts an Faszination verloren. Von den Gewaltfantasien André Bretons ("wahllos wie wild in die Passanten ballern") scheint sich eine schwarze Linie weiterzuziehen bis hin zur Bewunderung Foucaults für die iranische Revolution und den "terroristischen Fantasien" Baudrillards angesichts der zerstörten Zwillingstürme. Unsere Avantgarden, so könnte man meinen, sind der Schatten des Terrors, der die Modernisierung im Westen begleitet, Avantgardisten nichts anderes als halbherzige, verhinderte Terroristen.