Erste Anzeichen der Veränderungen finden sich im Gang hinter dem Schultor. Da hängen, hübsch gerahmt, Benimmregeln: "Hände an die Hosennaht, Augen nach vorn gerichtet, Lippen geschlossen, langsam gehen." So ein Bekenntnis zur Ordnung gab es vor einem Jahr noch nicht, als hier – den Philadelphia Daily News zufolge – "das kühnste Experiment in der Geschichte des großstädtischen Bildungswesens in Amerika" begann.

Die Stetson Middle School gehört zu jenen öffentlichen Schulen in Philadelphia, die im Sommer 2002 von der Firma Edison übernommen wurden. Nirgendwo in den USA war bis dahin versucht worden, fast einen ganzen Schulbezirk zu entstaatlichen (ZEIT NR. 24/02). Das börsennotierte Unternehmen versprach, die Leistungen der 10- bis 13-Jährigen zu verbessern – und nebenbei mit den Schulen Geld zu verdienen. Dafür bekommt Edison jenen Anteil vom öffentlichen Budget, den der Staat bisher für die 20 Schulen ausgegeben hat. Gutes tun mit Profit – das ist der Traum aller konservativen Schulreformer in den USA. In Philadelphia soll er Wirklichkeit werden. Was ist aus dem Großversuch geworden? Was hat sich an der Stetson Middle School getan?

Babette DeWree ist in dieser Trutzburg aus Backstein das Gesicht der Firma Edison Schools, genauer: das einzige Gesicht der neuen Hausherrin, die mitten in den Ghettos von Philadelphia die Fackel der Bildung anzünden soll, wo sonst nur die Feuerchen der Jugendgangs leuchten. Die Englisch lehren soll, wo die Kinder "Phila-Rican" sprechen, die örtliche Variante des puertoricanischen Spanisch. Die Rechnen lehren soll, wo Familien mit nichts rechnen dürfen als mit ein paar Groschen Sozialhilfe.

Die neue Bildungsphilosophie heißt Wettbewerb

DeWree, die hier von allen nur Babette genannt wird, hockt in einem lichtlosen Zimmerchen im Direktorat. Sie ist eine Dame mit ausladendem Selbstbewusstsein. "Ich liebe Situationen, die hoffnungslos erscheinen", sagt sie. Insofern dürfte die Stetson Middle School geradezu ideal sein: Nur eine einzige Schule Philadelphias liefert bei den standardisierten Vergleichstests, denen sich jedes Jahr alle Schüler im Staate stellen müssen, noch schlechtere Ergebnisse.

Vor 20 Jahren hat Babette mexikanische Wanderarbeiter am texanischen Ufer des Rio Grande unterrichtet. Von dieser Erfahrung geprägt, sagt sie heute, mit 42: "Soll mir doch niemand erzählen, dass die Herkunft determiniert, was aus einem wird." Einmal pro Woche schaut sie nun bei Stetson nach dem Rechten. An jedem Wochentag beaufsichtigt sie eine andere Schule, 5 von jenen 20, die Edison vor einem Jahr übernommen hat. Und diese 20 sind Teil jener 45 Schulen, die Philadelphia aus der öffentlichen Hand gab, alle gelegen in jenen Slums, die sich wie eine Gürtelrose um die historischen Stätten im Stadtkern legen. Aus allen will Babette DeWree "richtige Edison-Schulen" machen, was für sie den höchsten Qualitätsmaßstab darstellt, bei Lehrern aber die Vorstellung auslöst, sie erlebten gerade eine feindliche Übernahme.

Darum antwortet Babette auf die Frage, wie sie in Stetson aufgenommen wurde: "Persönlich? Gut." Sie hört dann oft: "Wir mögen dich, bloß nicht Edison." – "Aber", gibt sie zurück, "ich bin doch Edison." Schulprivatisierung sei eben Gewöhnungssache. Schon bald werde das "Edison-Design" erkennbar sein. Wer nun längere pädagogische Ausführungen erwartet, wird enttäuscht. Die hausinterne Bildungsphilosophie ist recht kompakt. "Richtig gepaukt" werde in Zukunft und "Konkurrenz ausbrechen" – auch zwischen den Schulen einer Region. Lehrer müssten "verantwortlich gemacht werden" für die Testresultate ihrer Schüler.

"Accountability", Rechenschaftspflicht, heißt das Zauberwort konservativer Bildungspolitik, und niemand hat sich die Losung so sehr zu Eigen gemacht wie die Edison Schools. Was ein Schüler lernt, ist demnach messbar und in Zahlen darstellbar. Weshalb staatliche Testergebnisse die Währung sind, in der Bildung gehandelt wird. Machen die Schüler nicht beständig an den richtigen Stellen ihr Kreuzchen, ist alles nichts – der Lehrer, das Curriculum, die Schule und, schließlich, die Firma Edison. Wenn binnen zwei Jahren die im Multiple-Choice-Verfahren ermittelten Resultate nicht emporschnellen, werden die Kritiker der Schulprivatisierung – und die gibt es zuhauf – den Vertrag von Edison annullieren wollen. Im ersten Jahr ist die Leistungsexplosion ausgeblieben. "Zugegeben, der Anfang war ein bisschen holprig", sagt Babette DeWree, "aber für das kommende Jahr habe ich große Hoffnungen."