Das Philadelphia-ExperimentSeite 3/3
Der Börsenkurs des Unternehmens ist im Keller
Die Absetzbewegung hat auch jene erfasst, von denen das nicht zu erwarten war. Die Wirtschaftspresse zum Beispiel, die während des Börsenbooms privatisierte Schulen für den letzten Schrei hielt. Jetzt titelt das Magazin Fortune: „Warum Edison nicht funktioniert“. Es sei einfach keine gute Geschäftsidee. „Profitorientierte Schulen müssen viel besser sein als öffentliche Schulen, um die Skepsis der Bevölkerung zu überwinden. Bisher ist das nicht geschehen.“ Die Edison-Aktie stürzte ab, von 37 auf weniger als 2 Dollar. Inzwischen hat der Gründer die Firma zurückgekauft, um sie vom Druck des Aktienmarktes zu befreien. Er glaubt weiterhin, dass sie profitabel und zugleich akzeptiert sein kann.
Ob die Auftraggeber das auch noch glauben, weiß niemand genau. Edisons größter Fan, der ehemalige konservative Gouverneur von Pennsylvania, amtiert nicht mehr. Ein Demokrat hat ihn ersetzt, was kein gutes Omen für Edison ist. Außerdem hat Philadelphia einen neuen Schulsuperintendenten. Der Mann gilt als Anhänger des öffentlichen Schulsystems. Kaum im Amt, kündigt er Nachmittagsunterricht für die schlechtesten Schüler der öffentlichen Schulen an, Sommerkurse, neue Curricula und: erneut weniger Geld für die privatisierten Schulen.
Edison ist plötzlich nicht mehr das Zauberwort für die Lösung aller Probleme. Schon kursieren Gerüchte, der neue Schulchef wolle die privatisierten Schulen austrocknen, damit sie nach dem kommenden Jahr von selbst aufgeben. Geschieht das nicht, ist er es, der entscheiden muss, wie es weitergehen soll. Öffentlich wirbt er bislang für Geduld. Die Demokratie müsse abwarten und nicht sofort ein Urteil über den Systemwechsel fällen.
Im Rektorat sitzt Schulleiterin Cheryl Hackett an ihrem Schreibtisch, 44 Jahre alt, trägt eine weiße Bluse und einen blauen Blazer, so förmlich wie sonst niemand hier. Sie ist ein Produkt des Edison-Zeitalters und zugleich sein Opfer. Niemals wäre sie Direktorin geworden, hätten nicht andere Kandidaten abgelehnt. Niemals wäre sie derart gefordert worden wie in den vergangenen Monaten. Eine gewaltige Aufgabe, zu wenig Personal, zu wenig Geld, neue Verwaltungsstrukturen. Überall Reibereien – und sie selbst völlig unerfahren.
Plötzlich klingelt das Telefon. Ein Mann, den sie „John“ nennt, ist dran. „John“, sagt die Rektorin, „kann ich noch irgendwie Geld aus meinem Budget rausquetschen, wenigstens für zwei Lehrer für den zweisprachigen Unterricht? Zwei nur?“ Dann ein langes Schweigen. „John“ scheint über die schöne neue Edison-Welt zu reden. Dann wieder die Rektorin: „Aber John, du weißt doch, ich bin in diesem Jahr fast wahnsinnig geworden ohne diese Lehrer.“ Rektorin Hackett hat offenbar noch nicht recht verstanden, dass ihre Schule Geld verdienen soll.
- Datum 14.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.08.2003 Nr.34
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