Tumult in Kabuls Gärten
Die deutsche Haltung zu Afghanistan zeugt von Meinungsvielfalt in einem pluralistischen Land. Während der Verteidigungsminister kundgetan hat, am Hindukusch werde Deutschlands Sicherheit verteidigt, meint die Mehrheit der Deutschen, ihre Soldaten hätten dort eigentlich nichts verloren. Längst ist vergessen, dass Deutsche in Zentralasien einst nach Ruhm und Einfluss suchten, stets in der Absicht, bei der Konkurrenz ein wenig Tumult zu stiften.
Es war im Sommer 1915, als eine Karawane unter deutscher Führung in Richtung Osten zog: durch die zentraliranische Salzwüste an die afghanische Grenze, von dort aus weiter nach Herat und Kabul. Nicht nur Russen und Briten waren die natürlichen Feinde der Reisegesellschaft. Die Hitze laugte den Tross aus, Futter und Wasser waren knapp, die Kamele blieben auf der Strecke. Auf Maultieren schleppte sich die Expedition weiter, manchmal 80 Kilometer am Tag unter der sengenden Sonne, bis endlich die Gärten Kabuls vor ihr lagen.
Einer der beiden Leiter des deutschen Trupps war Oskar von Niedermayer, dem Hans-Ulrich Seidt eine sehr anschauliche, detailreiche Biografie gewidmet hat. Niedermayer, ein Abenteurer, Agent, Militärkartograf, Geopolitiker und Wehrmachtsgeneral, steht für eine eigenwillige Generation Berlin des frühen 20. Jahrhunderts: weltoffen, machthungrig, sprachenkundig, tollkühn, auf Kriegsfuß mit dem englischen Weltreich und dem Osten zugewandt. In Kabul paraphierte Niedermayer 1916 ei- nen deutsch-afghanischen Freundschaftsvertrag. Ziel war, das „geostrategisch wichtige Land“ auf die Seite der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg zu ziehen.
Niedermayer hoffte, das britische Weltreich von Osten her aufrollen zu können, wenn die Kronkolonie Indien im Völkerkrieg versänke. Von Kabul aus drängte er die Berliner Regierung, Truppen für die Erschütterung des Subkontinents zu schicken. Er selbst bereitete Sabotageakte und Agitation in Indien vor. Die indischen Mitglieder der deutschen Delegation proklamierten in Kabul eine provisorische Exilregierung. Derweil unterrichteten Deutsche und Österreicher die Afghanen in der Disziplin des Handgranatenwerfens. Ein den Deutschen nahe stehender Paschtunenführer rief den Emir von Kabul zur Attacke gegen Indien auf: „Friss, Aga, auf dass Du nicht gefressen werdest.“
Doch der Angriff fiel aus. Der Emir stand den Briten zu nahe, die Deutschen den Indern zu fern. Afghanistan war im Katastrophenwinter 1917 nicht die erste Sorge der Berliner Außenpolitik. Heute, 86 Jahre später, ist Afghanistan die anspruchsvollste Auslandsmission deutscher Soldaten. Mit durchaus anderen Zielen, sollte man sagen, und übrigens: im vorigen Jahr unter britischem Kommando.
Hans-Ulrich Seidt: Berlin, Kabul, Moskau Oskar Ritter von Niedermayer und Deutschlands Geopolitik; Universitas, München 2002; 510 S., 24,90 EuroBerlin, Kabul, MoskauSachbuchOskar Ritter von Niedermayer und Deutschlands GeopolitikHans-Ulrich SeidtBuchUniversitas2002München24,90510
- Datum 14.08.2003 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 14.08.2003 Nr.34
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