bildung Eine Schule verschwindet
Bald wird es das Kopernikus-Gymnasium im mecklenburgischen Torgelow nicht mehr geben. Es fehlen die Schüler – in Ostdeutschland kein Einzelfall
Am Kopernikus-Gymnasium in Torgelow gibt es einen schönen Brauch: das Einklingeln. Dazu versammeln sich die neuen Fünftklässler am ersten Schultag im Schulhof. Beim Klang einer kleinen Glocke wird der Name eines jeden auf eine Tafel geschrieben. Neun Jahre später beendet am Tag vor der ersten schriftlichen Abiturprüfung das Ritual des „Ausklingelns“ die Gymnasialzeit. „Da werden die Namen der Schüler wieder weggewischt“, erklärt Marén Heinzelmann.
Die 19-Jährige hat das „Ausklingeln“ schon hinter sich. Mit dem Abi 2003 in der Tasche, will sie Germanistik und Theaterwissenschaften in Berlin studieren. Gern wäre die ehemalige Schulsprecherin in zehn, zwanzig Jahren zu den traditionellen Jahrgangs-Treffen an ihre alte Schule zurückgekehrt. Doch das wird nicht gehen: Die Lehranstalt soll von nun an „jahrgangsweise auslaufen“ und in vier Jahren geschlossen werden, so hat es der Kreistag im Frühjahr beschlossen. Wenn am kommenden Montag der Unterricht wieder beginnt, treten keine aufgeregten Fünfer durch das Schultor – und die Glocke bleibt stumm.
Das Kopernikus-Gymnasium teilt sein Schicksal mit vielen Lehranstalten in der Republik. Vor allem im Osten greift das Schulsterben um sich. Der Grund: Die Geburtenzahlen sind seit mehr als zehn Jahren am Sinken, in den neuen Ländern verstärkt die Abwanderung noch den Schülerschwund. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Laut Prognosen der Kultusministerkonferenz wird sich die Schülerzahl in Deutschland bis 2020 um fast 20 Prozent gegenüber 2000 verringern. Die neuen Länder müssen bis 2010 sogar mit einem Rückgang um rund 35 Prozent von 2,6 auf 1,7 Millionen Schüler rechnen.
Das Kopernikus-Gymnasium ist eine von vier Abiturientenschmieden im Landkreis Uecker-Randow und die einzige in Torgelow, einer Kleinstadt mit 11000 Einwohnern, nahe der polnischen Grenze. Ein hufeisenförmiger Altbau in typisch graubraunem DDR-Putz und ein helles, flaches Pavillongebäude, das nach der Wende dazugekommen ist, umschließen eine Wiese im Zentrum der Stadt. An warmen, sonnigen Tagen sitzen die Kids während der Pausen in kleinen Grüppchen auf dem Campus, ein heiteres Bild.
Angst vor fremden Lehrern
Aus dem Altbau ragt eine Kuppel auf: Die Schule verfügt als einziges Gymnasium des Bundeslandes über ein Planetarium und eine Sternwarte, der ganze Stolz der „Kopernikaner“. Die genießen im ganzen Landkreis einen guten Ruf, nicht zuletzt wegen der vielen außerschulischen Aktivitäten, die das nicht sehr üppige Kulturangebot in der Region bereichern. Die Aufführungen der Theater-AG seien ein echtes Lokalereignis, sagt Marén Heinzelmann. Sie selbst hat regelmäßig auf der Bühne der Schulaula gestanden, zuletzt als Mrs. Martin in dem Ionesco-Stück Die kahle Sängerin, und hat dabei ihre Leidenschaft fürs Theater entdeckt. Auch die Kunstgalerie in einem umgebauten Fahrradkeller, in der Schüler und Künstler ihre Arbeiten zeigen können, zieht auswärtiges Publikum an.
Die traditionsreiche Schule wird langsam schrumpfen, zusammenschnurren wie ein Ballon, aus dem die Luft entweicht. Denn während ein Abitursjahrgang nach dem andern abgehen wird, wachsen von unten keine neuen Schüler mehr nach. Der Rumpf von etwa 400 Schülern, der am Ende des Schuljahrs 2006/07 übrig bleiben wird, muss die restlichen Gymnasialjahre im Nachbarort Ueckermünde absolvieren.
45 Jungen und Mädchen hätten sich zum jetzt beginnenden Schuljahr bei Schulleiter Gerd Michalik angemeldet. Zu wenig, um drei fünfte Parallelklassen zu bilden. Doch laut Verordnung des Kultusministeriums zur Schulentwicklungsplanung in Mecklenburg-Vorpommern müssen Gymnasien „in der Regel mindestens dreizügig“ geführt werden. Die Torgelower hätten 61 Fünfer gebraucht, denn „der 31. und der 61. Schüler teilt“, erklärt der Schulleiter die Klassenbildungs-Formel. Auch in den folgenden Jahren würden sich nicht genügend Abitursanwärter unter den Grundschülern im Einzugsbereich von Torgelow finden, hieß es aus der Kreisverwaltung in Pasewalk, die für die Planung des Schulnetzes in ihrem Hoheitsgebiet zuständig ist. Die Lösung: Aus vier Gymnasien im Kreis werden drei. Aufgestockt mit den Torgelowern, bringt das Ueckermünder Albert-Schweitzer-Gymnasium, das ebenfalls unter starkem Schülerschwund leidet, dann genügend Fünfer für die nötige Dreizügigkeit zusammen.
- Datum 14.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.08.2003 Nr.34
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