Cadbury-Porträt Auf der Schokoladenseite

Der englische Süßwarenfabrikant George Cadbury bewies mitten in der industriellen Revolution, dass Menschlichkeit dem Kapitalisten dienlich sein kann

Die drei Männer sind sich nie begegnet. Und doch befiel sie gleichermaßen der heilige Schrecken beim Anblick von Slums, Elend und Seuchen. Mitte des 19. Jahrhunderts wagten sich der deutsche Fabrikantensohn Friedrich Engels, der englische Schriftsteller Charles Dickens und sein junger Landsmann George Cadbury in die Hinterhöfe und Kellerlöcher von Manchester, London, Birmingham – dorthin, wo die „arbeitende Klasse“ (Engels) ein Dasein fristete, wie man es heute allenfalls von Bildern aus den ärmsten Regionen der Dritten Welt kennt. Der britische Sozialroman, der revolutionäre Marxismus und die nahrhafte englische Schokolade haben so im Grunde den gleichen Ursprung. Keiner der drei Männer wollte die entsetzliche Armut als Preis der industriellen Revolution einfach auf sich beruhen lassen.

George Cadbury (1839 bis 1922) machte zunächst da weiter, wo sein Vater John mit einem Ein-Mann-Betrieb 1824 angefangen hatte. Der Quäker hatte in jenem Jahr in der Bull Street No.93, im schicken Viertel mitten in Birmingham gelegen, ein Geschäft für Tee, Kaffee und Trinkschokolade eröffnet. Sieben Jahre später erwarb John Cadbury eine alte Mälzerei und begann selbst mit der Herstellung von Schokolade und Kakao.

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Die Quäker zählten im viktorianischen England zu den Nonkonformisten, denen lange der Zugang zur Universität, der Kaderschmiede der anglikanischen Kirche, versperrt blieb. Ihr engagierter Pazifismus machte auch eine militärische Laufbahn unmöglich. Die Cadburys erlebten ihre geschäftliche Blüte am Ende des 19. Jahrhunderts, in der Hochzeit des Imperialismus – und gehörten dennoch zu den erklärten Gegnern britischer Weltmachtansprüche. Ihr Glaube verpflichtete die Quäker allerdings auch, sich für Gerechtigkeit, Gleichheit und die Bekämpfung der Armut einzusetzen – ein Auftrag für soziales Unternehmertum. John Cadbury und seine Frau Candia waren eifrige Mitglieder der örtlichen Temperance Society, eine Bewegung, die im ganzen Land die Trunksucht besonders der armen und arbeitenden Klassen bekämpfte – zum Beispiel mit Schokolade und Kakao. Kurz, schon Cadbury senior betrieb ein moralisches Geschäft. Und dann erst sein Sohn George…

In der Auslage warben Cadbury Brothers of Birmingham (stolz kündete seit 1847 das Firmenschild vom Familienbetrieb) für ihre Ware mit so klingenden Namen wie Churchman’s Chocolate oder Spanish Chocolate. Von Spanien aus hatte die dort kräftig gesüßte Trinkschokolade – als xocoatl, „bitteres Wasser“, von den Azteken und Maya erfunden und von Eroberern an den spanischen Hof gebracht – im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts von Süden her die feine Gesellschaft in ganz Europa erobert. Im hohen Nährwert lag für Spaniens Herrscher der eigentliche Reiz des Getränks, und ihre kirchentreue Entourage eiferte ihnen nach. Denn Flüssiges bricht nicht das Fasten. Nach und nach avancierte die Schokolade, modisch französisiert, zum Lieblingsgetränk der europäischen Aristokratie. Ein bisschen lasziv – Casanova zog sie in Damengesellschaft dem Champagner vor –, ein bisschen dicklich, stand die Schokolade ganz in Opposition zum schlanken, bürgerlichen Kaffee, der die Arbeitsgeister wecken und wach halten sollte.

Dieses Image hält sich, und Anfang des 19. Jahrunderts verschwindet die Schokolade. Als Kakao taucht sie wieder auf: Der Holländer C. J. Van Houten entwickelt um 1820 das moderne, entölende Kakaoverfahren, das auch John Cadbury übernimmt. Und in der Schweiz wird die Milchschokolade erfunden, mit der später Sohn George ein Vermögen machen wird. Aus dem katholisch-aristokratischen Genussmittel wird auf der Insel ein protestantisch-proletarisches Nährmittel, in flüssiger wie fester Form eine süße Versuchung für alle, die der Bierkneipe entrinnen wollen oder sollen. Cadbury’s heißt die heile Gegenwelt zum bösen Pub.

Die vierziger Jahre bringen stetiges Wachstum fürs Geschäft der Cadburys, mit ein paar Dutzend Angestellten und Arbeitern lange Zeit ein typischer Familienbetrieb, wie er die industrielle Revolution prägt und vorantreibt. Seit 1854 darf sich die Firma mit dem stolzen Titel „Manufacturers of cocoa and chocolate to Queen Victoria“ schmücken. Die Königin avanciert gar zum Werbestar des Hauses. Cadbury zeigt Victoria mit Schokolade im Eisenbahnteil und vereint so gleich drei Ikonen des Industriezeitalters im Bild. Sohn George Cadbury hält es schon früh mit dem liberalen Premierminister William Gladstone, Vater des Freihandels, der die Importzölle auf Getreide, später auch auf Kakaobohnen abschaffte. Als seine Mutter stirbt, erholt sich der Vater nicht mehr von diesem Schicksalsschlag. Daher übernimmt George zusammen mit seinem Bruder Richard im Jahr 1861 das Geschäft.

Das ist ein wichtiger Übergang, fraglos, aber keineswegs der Moment, der den Namen Cadbury für Mit- und Nachwelt zu einem Markenzeichen der Unternehmergeschichte macht. Diese Stunde schlägt auch nicht 1897, als die erste Milchschokolade in den eigenen Manufakturen hergestellt wird (in den Annalen wird ehrlich darauf hingewiesen, dass die Firma dabei auf das Wissen des Schweizer Confiseurs Friedrich Kinchelmann zurückgriff). Ja, der große Augenblick kommt nicht einmal im Jahr 1905, als Cadbury’s Milch, nach dem Rezept „ a glass and a half of full cream milk in every half pound“ gerührt, auf den Markt kommt und binnen kurzem zur Weltmarke im britischen Empire wird. Jetzt wirbt die Firma auf ihren Plakaten mit fröhlich hüpfenden Kindern. Ein Zeichen der Zeit, denn es ist die viktorianische Epoche, die nicht nur den keuschen (also alkoholfreien) Vater und die die fürsorgliche Mutter (Vorbild war die Queen) propagiert, sondern auch das Kind als Konsumenten entdeckt, besser noch: erfindet.

Nein, George Cadburys großer Moment der Entscheidung fällt auf den 18. Juni 1878. Der Fabrikant erwirbt an diesem Tag vier Meilen südlich von Birmingham ländliche 15 Morgen Land. Die Stadt ist mittlerweile von 70000 Einwohnern zu Anfang des Jahrhunderts auf 300000 Menschen angeschwollen, die allermeisten darben in eilig hochgezogenen Billigbleiben und Elendsquartieren, ein Opfer von Ausbeutung und Armut, Typhus und Tuberkulose. Diesen Slums entflieht Cadbury. Das neue Areal, bislang Wiesen und Weiden, berührt den Birmingham- und den Worcester-Kanal, die nach Bristol (von dort kommt der Nachschub an Kakaobohnen) und London (dort sitzt die neue Massennachfrage nach Süßem) führen. Das Gelände wird von zwei Fernstraßen und einer Bahnlinie bedient, auch die Wasserversorgung bereitet keine Probleme.

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