Stellen wir es uns vor: eine sandige Straße, niedrige, enge Häuser, das Bett steht neben dem Herd, die vier Kinder schlafen auf Strohsäcken in der Ecke, das jüngste baumelt in einem Korb von der Decke. Um sechs Uhr morgens feuert man den Herd an und kocht Tee, träumt noch etwas im Morgenlicht neben dem Feuer und schlürft die erste Tasse im Stehen. Zu Fuß ist das nächste Städtchen nicht zu erreichen, der einzige Fuhrmann fährt, wann er will, und nimmt mit, wer ihm passt. Am Freitagabend scheuert man den Holzfußboden, bis er safrangelb glänzt, dann sitzt man am blank gehobelten Tisch, geht früh zu Bett, um Petroleum zu sparen. Wenn man krank wird, kommt der Rabbi. An Reisen, an Zerstreuungen ist nicht zu denken. Das Leben gehört Gott und nicht den Menschen. Bücher gibt es nicht, allerdings lernt man das Alte Testament auswendig. So vergehen die Jahre. Es wird Morgen, es wird Abend. Es wird Sommer und Winter. Und alles, was geschieht, ist, dass man Tee trinkt, alt wird und stirbt.

 Seien wir ehrlich: Wir können es uns nicht vorstellen. Doch es gibt viele Bücher, die in dieser Welt spielen. Sie sind nahezu das Einzige, das von ihr übrig geblieben ist. Wenn man heute nach Galizien, Russland,   nach Polen, in die Ukraine reist, ist es, als habe es die Welt des Ostjudentums, die die ostjüdischen Schriftsteller beschrieben haben, nie gegeben. Als der galizische Schriftsteller Joseph Roth 1930 im Exil in seinem Roman Hiob von dem kleinen jüdischen Schtetl und dem safrangelben Holzfußboden schrieb und die Geschichte in einer deutschen Zeitung als Fortsetzungsroman veröffentlichte, waren das Schtetl und seine Bewohner ihrer Vernichtung durch die Deutschen schon recht nahe. Vielleicht hat er das geahnt. Denn es ist viel Untergangsstimmung in diesem gleichnishaften Buch, das kurz vor einem anderen Untergang spielt, der von Joseph Roth damals noch für den größten aller denkbaren Untergänge gehalten wurde: der Erste Weltkrieg.

 Es handelt vom frommen Lehrer Mendel, seiner Frau, seinen drei Söhnen und seiner Tochter. Davon, wie Mendel beinahe alles verlor und durch ein Wunder beinahe alles und noch viel mehr wiederbekam. Ein Märchen also, eine Heilsgeschichte wie die von Hiob, den Gott lehren wollte, dass Leiden und Entbehrungen nie sinnlos sind.

Böse gesagt, leidet Lehrer Mendel daran, dass sich die Zeiten ändern und den Stumpfsinn seines Lebens bedrohen. Die Söhne sollen Soldaten werden, was ihnen die Religion verbietet. Die Tochter lässt sich mit Russen ein, was das Gesetz untersagt. Für die Reinheit der Lehre riskiert Vater Mendel das Leben der Kinder. Der Sohn wird unter Lebensgefahr außer Landes gebracht und geht nach Amerika. Um die Tochter von den Kosaken fern zu halten, folgt die Familie dem Sohn nach New York und lässt das behinderte jüngste Kind hilflos zurück. Dieses Kind, Menuchim, trägt eine übermenschliche Last auf seinen schiefen Schultern. Es ist das schlechte Gewissen der Familie, das Symbol des Untergangs der alten ostjüdischen Welt und ihrer glorreichen Wiederauferstehung. Er ist der Frosch des Ostens und der Prinz des Westens. Er ist viel auf einmal, aber das ist im Märchen nicht ungewöhnlich. Im Märchen vom armen Lehrer Mendel geht seine Geschichte so: Menuchim kann nicht laufen und nicht sprechen, neigt zu Epilepsie und bringt Vater und Mutter großes Unglück. Ein Rabbi aber weissagt ihm Großes, sein Schmerz wird ihn weise machen, die Hässlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark. Mit anderen Worten: Joseph Roth wünscht sich, dass die Leiden des Ostens belohnt werden, nicht nur im Himmel, sondern schon im Westen.

Und so kommt es dann auch. Die Missgeburt reist der Familie eines Tages nach. Jemand muss den Frosch an die Wand geworfen haben: Aus dem Krüppel ist ein hoch gewachsener Mann geworden, der mitten im Osterfest wie der lang erwartete Erlöser das New Yorker Zimmer des Vaters betritt und ihn mit Augen ansieht, wie sie Männer haben, "zu denen Gott selbst gesprochen hat". Ein berühmter Musiker ist der verlorene Sohn, die Seele des Ostens bringt er zum Klingen, und die Konzertsäle des Westens singen ein Lied davon. Ins Astor-Hotel führt der verstoßene Sohn den gefallenen Vater, der in der Neuen Welt Weib, Kinder und Gottesglauben verlor. Das religiöse Dogma ist zerbrochen, der Aufbruch in die neue Zeit gelungen, Versöhnung naht. Nach allem, was bald darauf geschehen ist, kann man über so viel Willen zum Glück nur verzweifeln. Iris Radisch

π Joseph Roth: Hiob Roman eines einfachen Mannes; dtv, München 2002; 187 S., 7,50 ¤