Auf meiner dauerhaften Wanderschaft durch die Bundesrepublik habe ich gewisse Kenntnisse über die innere Architektur der deutschen Kleinstädte gewonnen und brauche schon längst keine Karte mehr, um in einer neuen Stadt das richtige Hotel und die lebenswichtigsten Geschäfte zu finden. Denn in einer perfekten deutschen Kleinstadt hat alles am richtigen Platz zu sein, und die Bahnhofstraße kreuzt immer die Hauptstraße. Diese Kreuzung ist das Herz jeder Kleinstadt. Dort angekommen, muss der Wanderer erst einmal nach links und rechts gucken. Sofort sieht er alles, was er für den alltäglichen Bedarf und für unterwegs braucht. Dort, zwischen dem Marktplatz und dem Kirchplatz, sind alle wichtigen städtischen Einrichtungen zu finden: der Hauptlebensmittelladen, die Apotheke, die Kreissparkasse, das Hotel.

Als ich in Sinsheim ausstieg, wusste ich sofort Bescheid. Der Bach direkt vor dem Bahnhof und eine hübsche Brücke mit dem Schild "Bahnhofstraße" verrieten mir sofort, wo ich war. Wieder mal lag eine perfekte deutsche Kleinstadt vor mir. Mein Hotel befand sich wie erwartet in der Hauptstraße. Alles andere ließ sich in wenigen Minuten erkunden. Die Kneipen, Geschäfte und Sparkassen waren genau dort, wo ich sie vermutete.

Als wäre Sinsheim ein Puzzle, das ich schon tausendmal zusammengesetzt hatte, als hätte ich selbst Sinsheim gebaut. Links vom Hotel war ein Italiener, rechts – ein gehobener Italiener. Weiter rechts ein Chinese sowie eine Drogerie und ein Optiker. Im Hotel wimmelte es von Engländern – mehrere große Familien mit Kleinkindern. Die großen Engländer saßen im Foyer und rauchten, die Kleinen krabbelten auf dem Fußboden herum. "Was machen denn die ganzen Engländer hier?", fragte ich die nette Dame an der Rezeption. Sie wusste es nicht so richtig. "Wahrscheinlich wollen sie ihren Kindern das Technikmuseum zeigen, es ist das größte Privatmuseum Deutschlands und ist gleich hier in der Nähe", meinte sie. Doch es klang ziemlich unglaubwürdig. Die Kinder waren für das Technikmuseum zu klein, die Eltern zu müde. Aber vielleicht, so rätselte die nette Hotelangestellte, "befinden sie sich hier auch einfach auf der Durchreise…"

"Auf einer Durchreise? In Sinsheim? Wo soll eine solche Reise hingehen? Nach England wohl kaum!", wunderte ich mich. Die Engländer saßen fest in ihren Sesseln, sie gingen nicht zum Museum und auch nicht in die Stadt. Vielleicht hatten sie sich in Deutschland verlaufen?

"Don’t worry", sagte ich zu einem, der besonderes müde aussah, um ihn ein wenig aufzumuntern, "in Germany everything goes according to the plan!"

Danach ging ich zum gehobenen Italiener essen. Das Restaurant war leer und dunkel, doch das hatte nichts zu sagen. Die Türen standen offen, und als ich reinkam, ging das Licht automatisch an, und orientalische Musik floss aus den Lautsprechern. Eine ältere Dame brachte die Speisekarte und fragte mich, ob ich besondere Wünsche hätte. Immerhin war ich beim gehobenen Italiener. Ich konnte mich nicht zwischen einem Schweinebraten und einem Lammbraten entscheiden, und bat sie um einen Rat. "Also, wenn ich Sie wäre", fing sie an, "würde ich mich für eine Portion Lammbraten entscheiden. Denn so einen Schweinebraten haben Sie bestimmt schon mehrmals gegessen und wissen nur zu gut, wie der schmeckt."

"Aber so einen Lammbraten habe ich auch schon mehrmals gegessen", unterbrach ich sie, "das letzte Mal gestern in Ulm." – "Dann kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen", meinte die Dame. Ich überlegte kurz, ob ich nicht ausnahmsweise mal einen Salat nehmen sollte oder gar einen vegetarischen Eintopf, letztlich blieb es jedoch beim Schweinebraten.