Sinsheim Die perfekte deutsche KleinstadtSeite 2/2
Nach dem reichlichen Abendessen ging ich zur Volkshochschule, dem Herd der städtischen Kultur. Dort sollte die Lesung stattfinden – in einem Gebäude aus Asbestplatten und Glas, das mich stark an DDR-Architektur erinnerte. Die Volkshochschule Sinsheim organisiert schon lange eine Veranstaltungsreihe unter dem Motto »Literatur – Kunst – Gestalten«. Vor mir war dort der Szene-Superstar von Baden-Württemberg, Dr. Manfred Rommel, aufgetreten, der berühmte Sohn des berühmten Generals und Exbürgermeister von Stuttgart, der jetzt Witze und Gedichte schreibt. Nach mir wurde mit großem Interesse der Autor eines Buches über Börsenschwindeleien erwartet.
»Letzten Mittwoch hatten wir Rommel, die Leute haben sehr viel gelacht«, sagte der Veranstalter zu mir. »Hoffen wir, dass Sie heute auch so komisch sind.«
Ich war aber nicht komisch, eher cool.
Der Schweinebraten in meinem Magen bewegte sich ständig hin und her und führte Selbstgespräche. Nach der Lesung saß ich noch mit den Veranstaltern bei dem nicht gehobenen Italiener. Von dem Buchhändler bekam ich als Andenken an Sinsheim drei Rommel-Bände geschenkt.
Am nächsten Tag musste ich meine Reise fortsetzen, die englischen Kleinkinder auf der Durchreise krabbelten noch immer im Hotelfoyer herum. Ich lief durch die Hauptstraße zur Bahnhofstraße wie auf einem geordneten Rückzug – und verabschiedete mich von der perfekten Stadt.
- Datum 14.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.08.2003 Nr.34
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