[Sagen Sie uns Ihre Meinung und diskutieren Sie mit anderen Lesern: Soll der Arzt Ihres Vertrauens Partner oder Patriarch sein? ] Der väterliche Arzt – die Hand auf der Schulter des Patienten, die einzig richtige Therapie im Kopf – ist ein Auslaufmodell. In Zukunft nimmt der Mensch sein gesundheitliches Schicksal selbst in die Hand. Er informiert sich über das Internet, organisiert sich in einer der zigtausend Selbsthilfegruppen, ordert seine Medikamente in der Internet-Apotheke, analysiert jede Arztrechnung und trägt alle Befunde auf einer Chipkarte mit sich herum. Gelegentlich diskutiert er mit dem Hausarzt die Optionen. Der ist ein legerer, medizinisch bewanderter Partner, der seinen Kittel längst an den Nagel gehängt hat.

Der aufgeklärte Patient soll nicht nur sich, sondern auch das Gesundheitssystem heilen. Wer fit ins Alter gehen wolle, müsse Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen, forderte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Ihre für die Justiz zuständige Kollegin Brigitte Zypries will die Patientenrechte stärken, das "traditionelle Arzt-Patienten-Verhältnis überwinden und zu einem partnerschaftlichen Miteinander gelangen". Ob Regierung, Bundesärztekammer oder Krankenkasse: Sie alle heben mittlerweile das Selbstbestimmungsrecht des Kranken auf den Schild. Der Trend trifft die Wünsche der Patienten: Drei Viertel aller Europäer möchten nach einer aktuellen Untersuchung des britischen Picker-Instituts aktiv in die Therapieentscheidung eingebunden sein.

Doch je tiefer der Laie in die Materie eintaucht, desto mehr dämmert ihm, dass ihm die schöne neue Medizindemokratie harte Entscheidungen abnötigt. Noch vor 20 Jahren entschieden viele Ärzte einfach über die Köpfe ihrer Patienten hinweg. Dann stärkten Bürgerrechtsbewegungen und Justiz dem Patienten den Rücken. Inzwischen erfährt er immer häufiger en détail, was ihm fehlt und warum sein Arzt eine bestimmte Therapie wählt.

"Ich habe das Gefühl", sagt Bianca Senf, Psychologin bei der Deutschen Krebsgesellschaft, "jetzt wird das Kind mit dem Bad ausgeschüttet." Manche Urologen stellen den Mann mit Prostatakrebs vor die Wahl: "Wir können das radikal operieren. Wir können auch abwarten und eine Hormonbehandlung machen. Oder wir bestrahlen den Tumor. Das müssen Sie entscheiden." Wie betäubt wanken die meisten Patienten aus solchen Gesprächen und fragen sich verzweifelt, was sie tun sollen. Täglich wird Bianca Senf angerufen und muss verunsicherten Menschen helfen, die Infos zu sortieren. Ihre Klienten seien zwar reichlich mit Informationen versorgt, aber nicht aufgeklärt – dafür hatten die Ärzte keine Zeit mehr. "Durch Wissen zum Leben" ist der Slogan ihres Arbeitgebers. Doch er geht an der Realität vorbei.

Der Geist der Aufklärung ist aus der Flasche – und dorthin wird er nicht mehr zurückkehren. Noch nie konnten sich Menschen besser über medizinische Fragen informieren als heute. Und viele nutzen die Gelegenheit. Medizinische Ratgeber sind der Renner. Die Hälfte aller Deutschen ist mit dem Internet verbunden, drei Viertel von ihnen suchen darin medizinische Informationen. Die Ärzte haben es mit einer neuen (gefürchteten) Spezies von E-Patienten zu tun, die in der Sprechstunde Computerausdrucke auf den Tisch legen und Erklärungen – oder schlimmer: gleich Rezepte verlangen.

Chronisch Kranke mit Rheuma oder Diabetes profitieren von der neuen Welle. Nach einer Weile sind sie Experten in eigener Sache und können durchaus als Cotherapeuten die Ärzte unterstützen. Schwer lastet der Recherchedruck hingegen auf Krebspatienten. Sie wollen nichts verpassen. Denn irgendwo da draußen, hoffen sie, muss es doch den besten Arzt und die richtige Methode geben. Freunde werden befragt, zahllose Mediziner konsultiert, bis einer die umfassenden Antworten auf die drängenden Fragen gibt. Wie stehen die Chancen? Gibt es ein Heilmittel?

Aber das angesammelte Wissen entspannt die meisten Betroffenen nicht, löst oft erst recht Panik aus. Die medizinische Wissenschaft ist eben nicht statisch. Hinter den Kulissen stößt der Laie auf debattierende Experten, denen er nicht folgen kann. Und so scheitert der mündige Patient bereits am Beipackzettel. Dort sind aus juristischen Gründen auch extrem seltene Nebenwirkungen aufgelistet. Nicht wenige Patienten sind derart erschrocken, dass sie die lebenswichtigen Pillen gar nicht erst schlucken. Medikamente im Wert von zwei Milliarden Euro landen jährlich im Hausmüll.

Verloren im Faktendschungel