Von selbst wird die Welt nicht besser
In seiner Autobiografie legt der große britische Gelehrte Eric J. Hobsbawm Zeugnis ab über das Jahrhundert der Extreme
Ist es allzu große Bescheidenheit oder nur Koketterie? Zu Beginn seiner Autobiografie, die in diesen Tagen in einer gelungenen deutschen Übersetzung erschienen ist, entschuldigt sich Eric. J. Hobsbawm fast dafür, dass er sich überhaupt an ein solches Unternehmen gewagt habe. Denn er gehöre nicht zu den Menschen, die „so bekannt sind, dass allein schon ihr Name Neugier auf ihr Leben weckt“.
Welch ein Irrtum! Hobsbawms Name ist natürlich jedem vertraut, der sich auch nur flüchtig mit der Geschichte der Geschichtsschreibung im 20. Jahrhundert befasst hat. Ihm verdanken wir nicht nur eine großartige Trilogie des „langen 19. Jahrhunderts“ von 1789 bis 1914, sondern ebenso eine luzide Analyse des „kurzen 20.Jahrhunderts“ von 1914 bis 1991: Das Zeitalter der Extreme, sein meisterliches Spätwerk aus dem Jahr 1994, wurde in viele Sprachen übersetzt. Heute gilt der mittlerweile 86-jährige britische Gelehrte, der sich selbst als undogmatischer Marxist versteht, zu Recht als einer der bedeutendsten Historiker der Gegenwart.
Prägende Erfahrungen in Berlin
Nun führt uns Hobsbawm noch einmal durch das 20.Jahrhundert, diesmal jedoch nicht als distanzierter Historiker, sondern als teilnehmender Beobachter, als „Zeitzeuge“, wie man heute zu sagen pflegt. Dabei ist er sich der Schwierigkeiten seiner Aufgabe wohl bewusst. Eine Geschichte des eigenen Lebens zu schreiben bedeute, „über sich nachzudenken, wie man dies nie zuvor wirklich getan hat“: „In meinem Fall heißt es, die geologischen Sedimente von drei Vierteln eines Jahrhunderts abzutragen und einen verschütteten Fremden freizulegen oder zu entdecken und wiederherzustellen.“
Freilich geht es Hobsbawm nicht um persönliche Bekenntnisse oder private Enthüllungen, sondern darum, herauszufinden, wie die geschichtlichen Umbrüche und Zäsuren seinen Lebensweg bestimmt und seine Sicht auf die Welt geformt haben. Es handelt sich also, wie bei diesem Autor kaum anders zu erwarten, um eine politisch akzentuierte Autobiografie, gewissermaßen um „die B-Seite von Das Zeitalter der Extreme“, wie es im Vorwort heißt.
Der Historiker als Autobiograf – das ist eine ebenso reizvolle wie problematische Konstellation. Denn als Historiker besitzt Hobsbawm einen genaueren Einblick in bestimmte Phasen seiner Biografie, als er ihn als Zeitgenosse bereits haben konnte. „Wie kann ich meine Erinnerungen von dem freihalten, was ich heute als Historiker weiß?“ Es ist kein geringer Vorzug des Buches, dass es dieses Spannungsverhältnis ständig reflektiert und bewusst hält.
Für die deutschen Leser besonders interessant sind die ersten Kapitel über Kindheit und Jugend in Wien und in Berlin. Eric Hobsbawm wurde 1917, im Jahr der russischen Oktoberrevolution, im ägyptischen Alexandria geboren. Sein Vater war ein britischer Kolonialbeamter aus kleinen Verhältnissen, seine Mutter Tochter eines wohlhabenden jüdischen Wiener Juweliers. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zog das ungleiche Paar in die Hauptstadt des untergegangenen Habsburgerreiches, um hier eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Doch in der Hyperinflation der frühen zwanziger Jahre verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der Familie rasch. Hobsbawm schildert die verzweifelten Versuche, den sozialen Abstieg aufzuhalten. 1929 starb der Vater, bereits zwei Jahre später die Mutter.
Wie verkraftet ein sensibler Heranwachsender den plötzlichen Tod seiner Eltern? Hobsbawm äußert sich dazu nur sehr zurückhaltend. Irgendwo, sagt er, müsse er „die Narben der emotionalen Verletzungen“ jener düsteren Jahre an sich tragen, doch hütet er sich, daran zu rühren. Psychologie ist seine Sache nicht.
Als der 14-Jährige im Spätsommer 1931 Aufnahme bei einem Onkel in Berlin-Wilmersdorf fand, lag die Weimarer Republik bereits in den letzten Zügen, kletterte die Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau. Die knapp zwei Jahre, die Hobsbawm in der hochgradig radikalisierten Atmosphäre der deutschen Hauptstadt verbrachte, verdichten sich in der Rückschau zur entscheidenden politischen Prägephase. Sie hätten aus ihm einen „lebenslangen Kommunisten“ gemacht – eine überraschende Feststellung, denn theoretische Kenntnisse über den Marxismus besaß der Gymnasiast zu diesem Zeitpunkt kaum. Einen Versuch, Das Kapital zu lesen, gab er rasch auf.
Bemerkenswert freundliche Erinnerungen hat Hobsbawm an seine Zeit auf dem Prinz-Heinrichs-Gymnasium in Schöneberg aufbewahrt, und das, obwohl es sich um eine sehr konservative preußische Anstalt handelte. Aber, so betont der Autor, „es war eine anständige Schule“. Unter Antisemitismus hatte er nicht zu leiden, was er auch darauf zurückführt, dass er, der seit seiner Geburt britischer Staatsbürger war, nicht als „Jude“, sondern als „Engländer“ identifiziert wurde.
Im Frühjahr 1933, nur wenige Monate nach Hitlers „Machtergreifung“, siedelte Hobsbawm nach London über – und zwar nicht, wie er klarstellt, als Verfolgter des NS-Regimes, sondern weil sein Onkel seine beruflichen Aktivitäten ins Ausland verlagert hatte. Nach den aufregenden Erfahrungen als Jungkommunist in Berlin erschien ihm das Leben in der britischen Metropole zunächst als langweilig. Doch bald entdeckte er eine zweite Leidenschaft, der er sich mit ebenso großer Hingabe widmen sollte: die Liebe zum Jazz. Jahrzehnte später machte er daraus, als Jazzkritiker des New Statesman, einen Nebenerwerb zur schlecht bezahlten Hochschullehrertätigkeit. Die Autobiografie geht auch auf diese weniger bekannte Seite seines Wirkens ausführlich ein.
Als Kommunist in Cambridge
Nach Abschluss der St Marylebone Grammar School 1936 erhielt Hobsbawm ein Begabtenstipendium für Cambridge. Er zitiert, was er damals in sein Tagebuch notierte: „Er möchte ein Revolutionär werden und hat vorläufig keine Organisationsgabe; er möchte Schriftsteller werden und hat weder Gestaltungskraft noch Energie… Er ist eitel und eingebildet. Er ist ein Feigling. Er liebt die Natur sehr. Und er vergißt die deutsche Sprache.“ Die ironische Distanz des jungen Studenten sich selbst gegenüber – sie kennzeichnet auch die Autobiografie des alten Gelehrten. Und das unterscheidet sie recht vorteilhaft von den Memoirenwerken mancher anderer Intellektueller.
In Cambridge nahm Hobsbawm sein politisches Engagement wieder auf. Er trat nun auch offiziell der KP Englands bei und übernahm eine Funktion in der kommunistischen Hochschulgruppe. Der Absolvent des King’s College kratzt ein wenig am Mythos der englischen Eliteuniversität. Er schildert den Betrieb als „weltabgewandt und borniert“. Andererseits singt er ein Loblied auf die damalige Studentenschaft. Nie zuvor und niemals danach, schreibt er, hätten die Linken in Cambridge eine so große Rolle gespielt wie in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre, als der Zweite Weltkrieg immer näher rückte.
Hobsbawm fragt, warum damals gerade die besten Köpfe unter den Studenten vom Kommunismus angezogen wurden. Bei vielen sei es zunächst der Wunsch gewesen, den Vormarsch der faschistischen Diktaturen aufzuhalten. Die Bewegung habe sich auch gegen die Appeasement-Politik der britischen Regierung gerichtet, die Hitler in seinen aggressiven Absichten nur bestärken konnte. Darüber hinaus aber sei es um die Verwirklichung einer gesellschaftlichen Utopie gegangen, um „das Ideal einer Überwindung der – individuellen wie kollektiven – Selbstsucht“. Heute, nachdem das Scheitern des kommunistischen Projekts vor aller Augen liegt, mag man derlei hochgespannten Idealismus belächeln. Doch es ist gut, dass Hobsbawm nicht versucht, sich klüger zu machen, als er war, sondern nüchtern Aufschluss darüber gibt, wie er und seine Mitstreiter damals gedacht und gefühlt haben.
Die Zäsur des Jahres 1956
Der Titel der englischen Ausgabe lautet Interesting Times. Die deutsche Ausgabe macht daraus Gefährliche Zeiten. Das ist eine Akzentverschiebung, die dem Inhalt des Buches nicht gerecht wird. Den ganzen Zweiten Weltkrieg verbrachte Hobsbawm in der Etappe – zunächst als Königlicher Pionier beim Schanzen von Verteidigungsanlagen gegen eine mögliche deutsche Invasion, danach als eine Art Bildungsoffizier beim Südkommando der britischen Armee. Und auch der bald nach 1945 einsetzende Kalte Krieg konnte seiner akademischen Karriere nicht nachhaltig Abbruch tun. In England nahm der Antikommunismus nicht die hysterischen Züge an wie in den USA. Kommunistische Hochschullehrer wurden nicht entlassen, aber sie wurden bei Beförderungen zurückgesetzt. Hobsbawm wurde 1947 Lehrbeauftragter am Birkbeck College der Universität London. Doch den Titel eines Professors bekam er erst 1971, als er bereits eine internationale Berühmtheit war.
Scharf markiert Hobsbawm die Zäsur des Jahres 1956. Chruschtschows Enthüllungen der Stalinschen Verbrechen im Februar, die Niederschlagung der ungarischen Revolution durch sowjetische Panzer im Herbst erschütterten die kommunistische Bewegung in ihren Grundfesten. „Noch nach fast einem halben Jahrhundert schnürt es mir die Kehle zu, wenn ich mich an die fast unerträglichen Spannungen erinnere, unter denen wir Monat für Monat lebten.“ Manche seiner marxistischen Historikerkollegen – Christopher Hill oder Edward P. Thompson – traten aus Protest aus der KP aus, doch Hobsbawm blieb (bis zur Selbstauflösung der Partei 1991). Warum? Diese Frage ist ihm oft gestellt worden. Nun versucht er sie ein für alle Mal zu beantworten.
Für ihn (und die Generation von Kommunisten, der er sich zurechnet) sei die Oktoberrevolution „der zentrale Bezugspunkt im politischen Universum“ gewesen. Sie habe ihn „wie eine unzerreißbare Nabelschnur mit der Hoffnung auf Weltrevolution“ verbunden, mochte er mittlerweile auch der Politik der Sowjetunion noch so skeptisch gegenüberstehen. Hinzu sei ein Gefühl des Stolzes gekommen: Ein Austritt aus der KP wäre seiner Karriere nur förderlich gewesen. Er aber habe gerade beweisen wollen, dass er auch als Kommunist erfolgreich sein konnte.
Das ist ein Standpunkt, der Respekt verdient, auch wenn er nicht alle Leser überzeugen wird. Tatsächlich fragt sich, ob es nicht ehrlicher gewesen wäre, schon 1956 einen klaren Trennungsstrich zu ziehen, denn politisch war er, wie er selbst bemerkt, seitdem in der KP kaum noch aktiv. Er konzentrierte sich nun ganz auf Lehre und Forschung – und aufs Bücherschreiben.
Zum beruflichen Erfolg gesellte sich Mitte der sechziger Jahre das private Glück des Familienvaters und Besitzers eines Eigenheims. Wasserscheide hat er dieses Kapitel seiner Biografie überschrieben, und in gewisser Weise gilt das auch für die Autobiografie. Die Spannung lässt nach; die Erzählung verliert an Tempo, und manchmal wird Hobsbawm, der so wunderbar pointieren kann, direkt geschwätzig.
Der Studentenrevolte von 1968 begegnete er mit einer gehörigen Portion Skepsis. „Wir benutzten wohl dasselbe Vokabular, aber wir sprachen anscheinend nicht dieselbe Sprache.“ Von den studentischen Rebellen trennte ihn vor allem die Einsicht, dass eine Sozialrevolution in den entwickelten kapitalistischen Ländern nicht auf der Tagesordnung stand. Nachträglich räumt er allerdings ein, die kulturrevolutionäre Rolle der 68er unterschätzt zu haben.
Denken in globalen Perspektiven
Hellsichtig erwies sich Hobsbawm freilich, als er Ende der siebziger Jahre in einem Vortrag den Niedergang der britischen Gewerkschaftsbewegung und den Triumph Margaret Thatchers ankündigte. In der Kritik an den Auswirkungen des Thatcher-Ära nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund: Sie habe „den größten Teil der traditionellen britischen Werte“ zerstört und das Land „bis zur Unkenntlichkeit“ verändert. Aber auch New Labour unter Tony Blair verfällt dem Verdikt, weil sie sich allzu bereitwillig der Ideologie des Neoliberalimus verschrieben habe. Kann man das als Klage eines linken Nostalgikers abtun, der die Zeichen der Zeit nicht mehr versteht?
Paradoxerweise ist der entschiedene Kritiker der Globalisierung unter marktradikalem Vorzeichen einer der wenigen Historiker, für den die globale Perspektive selbstverständlich ist. „Unser Ideal“, heißt es einmal, „kann nur der Zugvogel sein, der in der Arktis ebenso zuhause ist wie in den Tropen und über den halben Globus fliegt.“ Provinzialismus bezeichnet Hobsbawm als eine „Todsünde der Geschichtswissenschaft“; jede nationale Nabelschau ist ihm verhasst. Er ist ein polyglotter Kosmopolit, der nicht nur in globalen Zusammenhängen denkt, sondern viele Länder und Kontinente bereist hat. Die letzten Kapitel seines Buches legen davon Zeugnis ab. Darin berichtet er von seinen zahlreichen Forschungsaufenthalten und Lehrtätigkeiten in Frankreich, Spanien, Italien, den Vereinigten Staaten und in der Dritten Welt, vor allem in Lateinamerika.
Man versteht, wenn man dieses Werk aus der Hand legt, warum Eric Hobsbawm für viele ehemalige linke Intellektuelle (etwa in Frankreich) ein rotes Tuch ist. Er hat dem Marxismus nicht abgeschworen, im Gegenteil: Er betont, wie wichtig es sei, die Aufmerksamkeit junger Historiker wieder auf die materialistische Geschichtsauffassung zu lenken – „gerade heute, da selbst linke akademische Moden sie ebenso abqualifizieren wie in den Tagen, als sie als totalitäre Propaganda verdammt wurde“. Und er weigert sich beharrlich, von seinem Traum einer menschenwürdigen Welt Abschied zu nehmen. „Soziale Ungerechtigkeit muß immer noch angeprangert und bekämpft werden. Von selbst wird die Welt nicht besser“, lauten die letzten Sätze.
So ist dieses Buch nicht nur der eindrucksvolle Lebensbericht eines großen Gelehrten, der Rechenschaft ablegt über sein Jahrhundert der Extreme, sondern auch das Vermächtnis eines linken Humanisten, der nach wie vor auf die verändernde Kraft der Utopie setzt. Man wünscht sich, es gäbe einen wie ihn unter den deutschen Historikern.
Eric J. Hobsbawm: Gefährliche Zeiten Ein Leben im 20. Jahrhundert; aus dem Englischen von Udo Rennert; Carl Hanser Verlag, München 2003; 499 S., 24,90 ¤Gefährliche ZeitenSpezialenglischEin Leben im 20. Jahrhundert; aus dem Englischen von Udo RennertEric J. HobsbawmBuchCarl Hanser Verlag2003München24,90499Udo Rennert- Datum 14.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.08.2003 Nr.34
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