Von selbst wird die Welt nicht besserSeite 4/4
Denken in globalen Perspektiven
Hellsichtig erwies sich Hobsbawm freilich, als er Ende der siebziger Jahre in einem Vortrag den Niedergang der britischen Gewerkschaftsbewegung und den Triumph Margaret Thatchers ankündigte. In der Kritik an den Auswirkungen des Thatcher-Ära nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund: Sie habe „den größten Teil der traditionellen britischen Werte“ zerstört und das Land „bis zur Unkenntlichkeit“ verändert. Aber auch New Labour unter Tony Blair verfällt dem Verdikt, weil sie sich allzu bereitwillig der Ideologie des Neoliberalimus verschrieben habe. Kann man das als Klage eines linken Nostalgikers abtun, der die Zeichen der Zeit nicht mehr versteht?
Paradoxerweise ist der entschiedene Kritiker der Globalisierung unter marktradikalem Vorzeichen einer der wenigen Historiker, für den die globale Perspektive selbstverständlich ist. „Unser Ideal“, heißt es einmal, „kann nur der Zugvogel sein, der in der Arktis ebenso zuhause ist wie in den Tropen und über den halben Globus fliegt.“ Provinzialismus bezeichnet Hobsbawm als eine „Todsünde der Geschichtswissenschaft“; jede nationale Nabelschau ist ihm verhasst. Er ist ein polyglotter Kosmopolit, der nicht nur in globalen Zusammenhängen denkt, sondern viele Länder und Kontinente bereist hat. Die letzten Kapitel seines Buches legen davon Zeugnis ab. Darin berichtet er von seinen zahlreichen Forschungsaufenthalten und Lehrtätigkeiten in Frankreich, Spanien, Italien, den Vereinigten Staaten und in der Dritten Welt, vor allem in Lateinamerika.
Man versteht, wenn man dieses Werk aus der Hand legt, warum Eric Hobsbawm für viele ehemalige linke Intellektuelle (etwa in Frankreich) ein rotes Tuch ist. Er hat dem Marxismus nicht abgeschworen, im Gegenteil: Er betont, wie wichtig es sei, die Aufmerksamkeit junger Historiker wieder auf die materialistische Geschichtsauffassung zu lenken – „gerade heute, da selbst linke akademische Moden sie ebenso abqualifizieren wie in den Tagen, als sie als totalitäre Propaganda verdammt wurde“. Und er weigert sich beharrlich, von seinem Traum einer menschenwürdigen Welt Abschied zu nehmen. „Soziale Ungerechtigkeit muß immer noch angeprangert und bekämpft werden. Von selbst wird die Welt nicht besser“, lauten die letzten Sätze.
So ist dieses Buch nicht nur der eindrucksvolle Lebensbericht eines großen Gelehrten, der Rechenschaft ablegt über sein Jahrhundert der Extreme, sondern auch das Vermächtnis eines linken Humanisten, der nach wie vor auf die verändernde Kraft der Utopie setzt. Man wünscht sich, es gäbe einen wie ihn unter den deutschen Historikern.
Eric J. Hobsbawm: Gefährliche Zeiten Ein Leben im 20. Jahrhundert; aus dem Englischen von Udo Rennert; Carl Hanser Verlag, München 2003; 499 S., 24,90 ¤Gefährliche ZeitenSpezialenglischEin Leben im 20. Jahrhundert; aus dem Englischen von Udo RennertEric J. HobsbawmBuchCarl Hanser Verlag2003München24,90499Udo Rennert- Datum 14.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.08.2003 Nr.34
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