Vornehmer ging es früher auch nicht zu, als die Schallplattenindustrie noch von so genannten Moguln beherrscht wurde: vierschrötigen, aufbrausenden Männern, die ihre Herkunft von der Straße nicht verbergen konnten. "O Herr, schick mir einen Hundesohn, der Talent hat!", hing eingerahmt über dem Schreibtisch von Morris "Moishe" Levy, einem berüchtigten Plattenboss aus der Bronx. Immerhin, Talent scheint noch gefragt gewesen zu sein, und wenn die Hundesöhne es wagten, keine Hits zu liefern, nahm man es persönlich.

Allenfalls Spurenelemente sind davon geblieben, seit die Branche sich zum content provider gewandelt hat. Das Wort bezeichnet auf möglichst wohlklingende Weise den Umstand, dass die fonografische Wirtschaft heute vor allem Zulieferindustrie ist: Sie pumpt ihre Erzeugnisse in die vielen Kanäle, die es nun einmal gibt auf dieser Welt, wobei es ebenso schelmisch wie verfehlt wäre, von "Inhalten" zu sprechen. Content, das ist das Schmiermittel, das den Laden am Laufen hält, verwaltet von Media-Managern, denen Musik so viel bedeutet wie ein Aktienkurs. Trotzdem ist das Staunen groß, dass die Kundschaft sich entsprechend verhält, die teure Erzeugerabfüllung verschmäht und den Stoff direkt aus dem Internet zapft.

Regelmäßige Besucher der Kölner Entertainment-Messe Popkomm wissen nur zu gut, was sie ab heute erwartet, wenn die Unterhaltungsindustrie sich wieder vier Tage lang selbst zur Schau stellt: wortreiche Brand- und Ruckredner mit statistikgestützten Klagegesängen über weitere dramatische Umsatzeinbußen. Fono-Funktionäre, die ausschließlich den so genannten Peer-to-Peer-Tausch – das kostenfreie Zirkulieren von Musikdateien übers Netz – für die Krise verantwortlich machen. Lobbyisten, die angesichts schlechter Zeiten herzzerreißend den Schutz der Politik erflehen. Auch der bevorstehende Umzug von Köln nach Berlin wird nichts daran ändern. Same procedure as last year, same procedure as every year: Das Geschehen hat etwas von einem wiederkehrenden Schwank und erinnert, was Performance und Strategie anbelangt, an eine Tagung des Bauernverbands. Leider fehlt den Darstellern nicht nur jeglicher Sinn für Selbstkritik, sie machen auch kaum den Eindruck, als wüssten sie, was sie tun.

Wenn irgendeine Industrie in den letzten Jahren den Eindruck völliger Planlosigkeit hinterlassen hat, dann jene Branche, die einmal für ihren Glamour bekannt war. Lange wähnte man sich in einem endlosen Aufwind, feierte noch rauschende Feste, als bereits die Piratenflagge der Internet-Börse Napster am Horizont auftauchte und mit ihr die Vorhut der Surfer und Netz-Tauscher. Dann ging der Kurs hektisch in diametral entgegengesetzte Richtung: Ein spektakulärer, dem Image nicht eben förderlicher (außerdem folgenloser) Schauprozess gegen die Mutter aller Tauschbörsen begleitete die volle Fahrt voraus ins Internet. Heute, da aus den Dotcoms längst "Dotgones" geworden sind, scheint wieder mehr Bodenhaftung gefragt zu sein. Man beschränkt sich darauf, einzelne User (oder sich gegenseitig) auf Schadensersatz zu verklagen, und entwickelt digitale Geschäftsmodelle, die selten wirklich funktionieren. Wenn alles nichts hilft, muss eben der Staat regulierend eingreifen. Das mag leidlich unterhaltsam sein, lösungsorientiert ist es nicht.

Nehmen wir nur die Forderung nach einer Quote für das "nationale Produkt", wie Pop aus Deutschland im Wirtschafts-Slang heißt. Der Artenschutz soll vor allem Nachwuchsbands zugute kommen, deren Titel in den Dudelfunksendern nicht gespielt werden. Hoppla, da haben wir wohl etwas missverstanden! Waren es nicht gerade die Musikkonzerne, die in den fetten Jahren auf Mainstream-Pop setzten und alles, was keine schnelle Mark brachte, verhungern ließen? Quotierungen ersetzen kein dauerhaftes Investment, ganz abgesehen davon, dass staatlicher Protektionismus in einem Milieu, das traditionell von seiner Staatsferne lebt, von zweifelhaftem Nutzen ist. Kurzfristig mögen sich so Wettbewerbsvorteile sichern lassen. Popmusik fürs globale Zeitalter muss auf Dauer auf den globalen Märkten bestehen können.

Gibt es bald auch auf dem Mond eine Star-Search-Bude?

Ein klassisches Eigentor auch die Idee, CDs mit einem Kopierschutz zu sichern, der sie faktisch unabspielbar macht. Das so genannte "elektronische Wasserzeichen" soll die Nutzung der gespeicherten Musik auf die Person des Käufers beschränken, erweist sich jedoch in vielen Fällen als grobschlächtige Verletzung jener Datenstruktur, die im Normalfall das Funktionieren eines Tonträgers garantiert – kein Wunder, dass die Kundschaft sich angesichts solcher Maßnahmen lieber selbst hilft. All diese Versuche sind letztlich so kontraproduktiv wie die Kriminalisierung einzelner Computerfreaks. 90 Milliarden Dollar Schadensersatz sollen der amerikanische Student Daniel Peng und einige seiner Kommilitonen zahlen, weil sie Musikdateien elektronisch auflisteten und den Ringtausch auf dem Campus über eine kleine Suchmaschine erleichterten. Die Ende April eingereichte Klage wird ihre einschüchternde Wirkung nicht verfehlen, doch es gibt viele Daniel Pengs, und sie alle plagt kein Unrechtsbewusstsein, wenn sie sich weiter digital bedienen.

Die Wahrheit ist: Die Musikindustrie krankt an den Folgen derselben Erfindung, die ihr bis in die Neunziger hinein einen letzten Boom bescherte. Als die Compact Disc marktreif wurde, bot sich die einmalige Chance, fertig produzierte Musik aus drei Jahrzehnten neu verpackt (und mit riesigen Gewinnspannen) noch einmal an den Kunden zu bringen. Doch in Verbindung mit dem Internet ist die CD eben auch ein perfekter Informationsträger, der sich ohne Qualitätsverlust beliebig oft reproduzieren lässt. Im Laufe weniger Jahre wanderte der Geist des Rock ’n’ Roll, der von der Industrie nur mehr schnöde verwaltet wurde, auf die Seite der Hacker, der Mobilen, der Rebellen im Datendschungel. Sich Sound direkt zu besorgen, einen Konzern mit ein paar Tastenbewegungen als tumben Riesen vorzuführen – das rockt! Und auch wenn die Schlacht um Napster heute geschlagen ist, die freie Verfügbarkeit elektronischer Information hat sich vom Hacker zum gemeinen User weitervererbt. Von keiner Gewalt der Welt wird sie sich in die Grenzen des 20. Jahrhunderts zurückzwingen lassen.