Klangbildung Nichts gegen Allüren

»Könner brauchen Gönner!«, meint Irene Schulte-Hillen, 55, Vorsitzende der Deutschen Stiftung Musikleben. Ein Gespräch über Nachwuchspflege und Starrummel

Viele kennen Dieter Bohlens Superstar-Hymnen, wenige eine Bruckner-Sinfonie. Ärgerlich?

Klassik war schon immer etwas Elitäres. Ich bin sicher: Versuche, mit Cross-over und anderen populären Mischungen neue Käuferschichten zu erreichen, greifen auf Dauer nicht.

Immerhin wirken CD-Titel wie »Barock zum Baden« den Klassik-Verkaufseinbrüchen entgegen.

Solange die Auswahl von Kennern getroffen wird und Musik Menschen glücklich macht, stört mich das nicht. Wenn ich in aller Frühe im Büro 600 Spenderbriefe unterschreibe, höre ich auch lieber laut Bach for Breakfast als das neueste Werk von Penderecki, das einen stark fordert.

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Die Orchester klagen über Nachwuchsprobleme; viele Musiker wollten bloß Solisten werden.

Nein, für viele ist das Orchester keineswegs die zweite Wahl, zumal sie oft auch als Kammermusiker im Rampenlicht stehen. Wer unzählige Auftritte und Konkurrenzvergleiche hinter sich hat, verfügt in der Regel über eine realistische Selbsteinschätzung.

Schon die jungen Solisten zeigen Starallüren…

Der Begriff allure meint im Französischen sogar etwas Positives: Haltung und Charisma. Um als Musiker im Orchester oder als Solist an die Spitze zu kommen, ist es gesund, sich mit großem Selbstbewusstsein durchzusetzen. Das zu verdammen ist sehr deutsch. Unsere Stipendiaten kehren nach ihrem Aufbaustudium in den USA meist mit einer ganz anderen Bühnenpräsenz und einem natürlichen Verhältnis zum Starsein zurück.

Viviane Hagner wird als eine von zwei Ihrer Stipendiatinnen vom 25. August an mit Kurt Masur auf Deutschlandtournee gehen. Sie bezeichnet ihre Geige als Lebewesen – Kalkül oder Tiefgang?

Würden Sie erleben, wie sich Streicher in einem monatelangen Ringkampf, häufig von Versagensängsten begleitet, mit einer neuen Geige vertraut machen, würden Sie so nicht fragen.

Erleben Sie bei »Jugend musiziert« viele Eltern, die unbedingt Wunderkinder haben wollen?

Ich hasse das Wort »Wunderkinder«. In großen Künstlern stecken 80 Prozent Begabung und noch einmal so viel Fleiß. Wenn uns die Spezies Eislaufmutter unterkommt, mischen wir uns als Stiftung ein. Diese Einzelfälle verglühen wie Kometen. Und sie grenzen an Missbrauch.

Warum ist musikalische Früherziehung wichtig?

Weil Kinder mit unzähligen Ablenkungen aufwachsen. Aktives Musizieren fördert Konzentration, Intelligenz und den Blick aufs Wesentliche.

Mussten Ihre vier Kinder auch musizieren?

Ich habe alle immerzu der Musik ausgesetzt. Aber mein Versuch, Hausmusik zu machen, scheiterte.

Was war Ihr prägendes Musikerlebnis?

Wahrscheinlich das Ritual, mit dem meine Mutter uns vier Kinder ins Bett brachte. Nach einem Satz Mozart am Klavier sang sie uns den Andachtsjodler vor – ein überirdisch schönes, sehr bayerisches Stück Musik, das ich heute noch höre, wenn ich Ruhe finden will.

Das Interview führte Andrea Thilo

 
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