Schule Freiheit, Gleichheit, Kleiderstreit

Mit dem neuen Schuljahr stellt sich wieder die drängende Frage: Sollen statt bauchfreier Tops vielleicht doch besser Schuluniformen Pflicht werden? Eine Güterabwägung

Zwei Debatten, die in Deutschland seit einiger Zeit geführt werden und die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: die Gebissbezahldebatte und die Schuluniformdebatte. In der Gebissbezahldebatte geht es darum, ob wir in Zukunft unseren Zahnersatz hundertprozentig selber finanzieren. Die Gegner dieser Sparmaßnahme sagen: »Man soll nicht am Gebiss erkennen können, ob jemand arm oder reich ist.« Wieso eigentlich nicht? Ob jemand arm oder reich ist, erkennt man an der Kleidung, an der Brille, am Auto, an der Wohnung, an dem Viertel, in dem die betreffende Person lebt, an der durchschnittlichen Lebenserwartung…Warum darf man’s nicht auch am Gebiss erkennen?

Vielleicht geht es ja in der Gebissfrage um etwas anderes, Grundsätzlicheres. In Deutschland wurden soziale Unterschiede in den letzten Jahrzehnten eher versteckt, sensible Menschen genierten sich fast, Millionär zu sein. Wir waren, in unserem Alltag, relativ egalitär. Wir lagen in dieser Hinsicht näher bei Schweden als bei den USA.

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Seit ein paar Jahren ändert sich das. Viele denken heute, zumindest tendenziell: Die Armen sind oft selber schuld, sie leisten eben zu wenig. Die Reichen haben es schon irgendwie verdient, reich zu sein. Die Neoliberalen meinen: Zu viel Mitleid bremst den Aufschwung. Diese Art des Denkens finden nicht alle gut. Solche Menschen sagen zum Beispiel den Gebiss-Satz und geben sich so als Romantiker zu erkennen. Neoliberale, ihr könnt uns alles nehmen – aber lasst uns wenigstens unser Gebiss. In der Schuluniformdebatte geht es ebenfalls um die Gleichheit. Aber sie kommt aus der entgegengesetzten Richtung. Es ist sozusagen eine sozialdemokratische Gegenoffensive. Sollen deutsche Kinder Schuluniformen tragen? Immer wieder finden Versuche statt, zum Beispiel vor zwei Jahren in einer Hauptschule und einem Gymnasium in Berlin oder im vergangenen Herbst in der Klasse 9b der Realschule Herkenrath, in einem Ortsteil von Bergisch Gladbach.

Die Versuche enden stets mit dem gleichen Ergebnis: Die Welt geht offenbar wegen der Einheitskleidung nicht unter, die Schüler finden ihre Uniform ganz okay, obwohl es am Anfang ein seltsames Gefühl ist, klar, in der letzten Woche aber klagen die Schüler über Langeweile. In Herkenrath trugen sie nicht direkt eine Uniform, lediglich schwarze Strickjacken, weiße T-Shirts und Jeans. In Berlin waren es Sweat-Shirts.

Wie viel Freiheit, wie viel Gleichheit wollen wir haben? Ist Deutschland wieder ein normales Land? Es ist lustig zu sehen, wie aus den großen politischen Themen einer Umbruchzeit in null Komma nichts kleine Themen des Alltags werden und wie die Fronten sich verschieben.

Vor ein paar Jahren stand die Schuluniform-Debatte noch im Schatten der Geschichte. Deutsche Kinder in Uniform? Hitlerjugend! FDJ! Das hat stark nachgelassen. Die Gegner der Uniform argumentieren nicht mehr mit dem „Dritten Reich“, sondern, ganz im Gegenteil, mit der Freiheit. Die Schuluniform, sagen sie, unterdrückt den kindlichen Individualismus.

Kaum zu glauben: Die Schuluniform wird heute tatsächlich als ein eher linkes Projekt wahrgenommen. Schuluniformen gelten als Mittel gegen den »Markenfetischismus« der Kinder und gegen den Konsumterror (schönes, altes 70er-Jahre-Wort!). Schuluniformen verwischen den Unterschied zwischen reichen und armen Elternhäusern. Sie bringen, wie ein Berliner Lehrer sagte, die Schüler dazu, »endlich nicht mehr über Markenlabels zu fachsimpeln, sondern sich über die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu unterhalten«, was für Dinge das auch immer sein mögen.

Man muss sich einen Schulhof vorstellen. Große Pause. Alle Kinder in Uniform. Sie stehen mit ernsten Gesichtern beisammen und reden über ihre Gesundheit. Denn Gesundheit ist das Allerwichtigste.

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