England "Sexed up" oder "sexed down"

Nicht das Waffendossier der Regierung Blair war aufgebauscht, sondern die Berichterstattung der BBC darüber - dies haben die ersten Untersuchungen durch Lordrichter Brian Hutton ergeben

Die ersten 5 Tage der Hutton Enquiry sind vorüber. Die Untersuchung der Umstände, die zu dem Selbstmord des britischen Waffenexperten Dr David Kelly führten, wird noch Monate dauern. Eine Flut detaillierter Informationen dringt unablässig an die Öffentlichkeit: Befragungen von Zeugen, die oft Stunden dauern, Tonbandaufnahmen von Telefonaten, E-Mails, Notizen und Dokumente. An Lordrichter Hutton und seinen Anwälten ziehen Beamte, Politiker, Geheimdienstler und Journalisten vorbei. Es sind nicht dramatische Ereignisse oder düstere Verschwörungen, die bislang zu Tage gefördert wurden, sondern die graue Welt verschlungener Bürokratien und hierarchisch strukturierter Apparate von Whitehall und der BBC, die einander in verblüffender Weise ähneln. Eines kristallisiert sich nach der ersten Woche heraus: Es wird der Öffentlichkeit nicht leicht fallen, das Gewirr von Fakten und Details zu durchschauen, das da vor ihr ausgebreitet wird. Erschwert wird das Verständnis durch die Neigung eines Gutteils der Medien, die Untersuchung als Tribunal über die Regierung Blair zu behandeln. Man war gegen den Krieg, nun soll zumindest die Propagandaschlacht danach gewonnen werden. Kampagnenjournalismus aber verleitet zu selektiven Umgang mit Fakten. Aus der Anhörung wird oftmals nur das herausgepickt, was in die eigene Agenda passt und die Regierung schlecht aussehen lässt.

Täglich werden Beispiele geliefert für journalistischen Spin durch Schlagzeilen und Auslassungen. Allen voran ausgerechnet vom Independent, einer Zeitung, die einst in den 80ern ausgezogen war, um die britische Presselandschaft um eine neue seriöse Stimme zu bereichern. Nachdem Verteter der BBC vor Hutton ausgesagt hatten, verkündete die Schlagzeile auf der Titelseite des Independent in riesigen Lettern „Zwei Reporter, eine Schlussfolgerung: Campbell bauschte das Dossier auf“. Es hätte zumindest genau anders herum heißen müssen “Zwei Reporter, zwei völlig unvereinbare Schlussfolgerungen.“ Neben Andrew Gilligan hatten nämlich zwei weitere Journalisten der BBC mit Dr. Kelly gesprochen; beide gingen auf klare Distanz zu Gilligans Berichterstattung. Die Aussagen von Susan Watts, Wissenschaftsredakteurin von Newsnight, dem Flaggschiff des seriösen TV Journalismus der BBC, trugen mehr dazu bei, Gilligan und die Führung der BBC zu beschädigen, als es der Regierung Blair jemals hätte gelingen können. Weder habe Kelly ihr gesagt, das Waffendossier (vom September 2002) sei „in der letzten Woche vor der Veröffentlichung verwandelt (transformed) worden“, erklärte die Redakteurin, noch habe Kelly unterstellt, dass Alistair Campbell oder ein anderes Mitglied des Regierungsapparates in das Dossier die ominöse Warnung vor einem möglichen Einsatz irakischer Chemiewaffen binnen 45 Minuten eingefügt hätte. Genau das aber hatte Gilligan behauptet, mit dessen Bericht vom 29. Mai die Affäre begann. Die Regierung Blair habe das Waffendossier über den Irak gegen den Willen der Geheimdienste aufgebauscht; schlimmer noch – Tony Blairs Kommunikationsdirektor Alistair Campbell hätte, wiederum gegen den Widerstand des Secret Service, in das Waffendossier die 45 Minuten Warnung hineingedrückt. Überdies habe die Regierung da schon gewusst, verbreitete Gilligan am 29.5. in seinem Bericht auf Radio 4 der BBC, dass diese Information falsch sei.

Gilligans Journalismus hat sich als dubios und unseriös entpuppt. Seine Berichte waren aufgebauscht und enthielten Schlussfolgerungen, die durch Fakten nicht gestützt werden. In der BBC selbst gab es hinter der Fassade der Geschlossenheit seit geraumer Zeit schon erhebliche Zweifel an Gilligans journalistischer Zuverlässigkeit. Bereits Ende Juni fällte Kevin Marsh, Chef der Today Redaktion von BBC‘s Radio 4 und direkter Vorgesetzter von Gilligan, ein vernichtendes Urteil. In einer internen Email spricht Marsh von „fehlerhafter Berichterstattung“, „ungenauem Umgang mit Sprache“ und „Mangel an Urteilskraft“. Trotzdem verteidigte die Spitze der BBC noch lange danach den Bericht Gilligans, mit Argumenten, die sich inzwischen als unhaltbar oder unrichtig herausgestellt haben. So schrieb Richard Sambrooks, Direktor News der BBC an Alistair Campbell, Blairs Kommunikationsdirektor, der Reporter habe „akkurat die Aussage der Quelle wiedergegeben, wonach die Regierung gewusst habe, dass die 45 Minuten Warnung falsch“ gewesen sei.

Während dieser hektischen Wochen hielt es Susan Watts sogar für nötig, Anwälte zu bemühen, um sich des Druckes der BBC-Hierarchie zu widersetzen. Sie hatte den Eindruck gewonnen, teilte sie der Hutton Enquiry mit, Richard Sambrook wolle sie zur Preisgabe ihrer Quelle bewegen und ihren Bericht über das Waffendossier in die Verteidigung für Gilligan einspannen. Eine Absicht, gegen die sie sich entschieden zur Wehr setzte und die sie vor Hutton mit scharfen Worten als „falsch und unangebracht“ geißelte. Inzwischen erklärte sich die BBC bereit, die privaten Anwaltskosten der zornigen Redakteurin zu übernehmen. Susan Watts verkörpert den klassischen BBC Journalismus – gründlich, seriös und vorsichtig, was Schlussfolgerungen betrifft. Gilligan, ruppig, nicht zimperlich in Methoden und auf knalligen Effektjournalismus bedacht, verkörpert die neuen Tendenzen, die in den letzten Jahren den journalistischen Ausstoß der BBC zunehmend prägen und den Public Broadcaster in die Nähe zum hochentwickelten, oftmals giftig kämpferischen Tendenzjournalismus der britischen Presse gerückt haben.

Hätte die BBC Führung sich vor ein paar Wochen zu einer behutsamen Distanzierung von Gilligan entschlossen, wäre die Eskalation der Affäre vielleicht noch zu vermeiden gewesen. Womöglich weilte David Kelly dann noch unter den Lebenden. Stattdessen entschied sich die Führung unter Genreraldirektor Greg Dyke für einen harten Konfrontationskurs gegen die Regierung. Das mag sie jetzt reuen, angesichts einer schwarzen Woche für die BBC. Nicht nur die Reputation der BBC hat Schaden gelitten. Beschädigt sind auch die Governors, die 12 Mitglieder jenes Gremiums, das in letzter Instanz für die BBC verantwortlich ist und zugleich als Kontrollorgan der Corporation fungiert. (Zum Ärger der kommerziellen Konkurrenz unterliegt die BBC keiner Aufsicht von außen.) Das Board of Governors hatte sich zu einer, wie sich nun herausstellt, voreiligen Solidaritätsadresse für Gilligans Berichtersttattung hinreißen lassen; dabei wurden bereits bei der Sondersitzung des Gremiums Zweifel laut an der Qualität seines Journalismus. Die BBC wird sich am Ende der Untersuchung einer kritischen Selbstprüfung unterziehen müssen. Auf der Jagd nach Einschaltquoten ist die Corporation auf einen schlüpfrigen Pfad geraten. Polly Toynbee, Kolumnistin des linksliberalen Guardian, spricht von der Tendenz der BBC, die politische Berichterstattung „aufzusexen“, was zu mehr Agressivität geführt habe. „Wen attackieren? Die toten Schafe der Tories? Zu langweilig. Es muss die Regierung sein, wobei man sich dem Dauerangriff der zumeist feindseligen Presse anschloß“. Das Dilemma der BBC ist zu begreifen. Sich dem Medientrend zu widersetzen, also auf Simplifizierung und Sensationalisierung zu verzichten und verantwortungsbewussten, fairen Journalismus zu bieten, heißt beinah zwangsläufig, langweiliger daherzukommen. Das aber ist zu einem Teil zumindest die Verpflichtung, die sich aus dem Status des Public Broadcasters ergibt, der über eine Art Steuer finanziert wird.

Wie groß auch die Schwierigkeiten der BBC sein mögen - die Regierung Blair hat keinen Grund aufzuatmen. Auf sie dürfte in den nächsten Wochen unbequeme Fragen zukommen, vor allem dann, wenn Lord Hutton sein Netz doch weiter auswerfen und den entscheidenden Fragen nachgehen wird, die bei dem Getöse über „Sexed up“ Dossiers und angebliche Manipulationsversuche der Regierung bislang nicht ernsthaft genug verfolgt wurden. Zu nennen wäre da allen voran die Frage nach der Qualität nachrichtendienstlicher Erkenntisse, ob sie nun vom MI6, CIA oder dem Bundesnachrichtendienst stammen. Schließlich gingen alle Regierungen auf der Basis von intelligence davon aus, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besaß, gleich ob sie für oder gegen den militärisch herbeigeführten Regimewechsel waren. Geheimdienstler seien ein „vorsichtiger Haufen“, sagte Dr. Kelly der BBC Reporterin Susan Watts in einem Telefongespräch, in dem er sich selbst als „Konsument nachrichtendienstlicher Erkenntnisse“ bezeichnet, nicht als Produzent derselben. Geheimdienstler mögen es nicht, dass ihre Erkenntnisse an die Öffentlichkeit weitergereicht werden, schon gar nicht mittels eines Dossiers, mit dem eine Regierung für einen unpopulären Krieg werben will. Nachrichtendienstliche Erkenntnisse sind häufig eher vage und vorsichtig formuliert. Die Sprache absoluter Gewissheit wird gerne vermieden. „Wenn Leute sich daran machen, intelligence für den öffenliche Gebrauch aufzubereiten, bedienen sie sich natürlich anderer Worte“, erläuterte Kelly. Er selbst war nicht gegen die Einfügung der 45 Minuten Warnung in das Dossier, aber weist auf das Unbehagen über die Wortwahl hin, ein Unbehagen, das offenkundig von anderen Mitgliedern des Apparates geteilt wurde. Die Leute, die das Dossier schrieben seien nicht „unehrlich“ gewesen bei der Formulierung, sagte Kelly; sie hätten die Worte gewählt, von denen sie glaubten, dass die Öffentlichkeit das Problem so am besten verstehen würde. Als Journalisten müssten sie das eigentlich kennen, fügte der Wissenschaftler hinzu.

Die Untersuchung förderte einen Tatbestand zu Tage, der gängiger medialer Wahrnehmung diametral zuwider läuft. Das Dossier durchlief im September vorigen Jahres 5 Stufen, bevor es veröffentlicht wurde. Ein Vergleich der diversen Entwürfe, die auf der Website der Hutton Enquiry zu finden sind, zeigt, dass die Entstehungsgeschichte des Dossiers nicht die weitverbreitete Interpretation zulässt, wonach die Geheimdienste von der Regierung überrollt und zu einer aufgedonnerten Version gezwungen worden seien. Das Dossier wurde am Ende nicht „sexed up“ , sondern eher „sexed down“ , und das ausgerechnet unter entscheidender Mitwirkung von Alistair Campbell, Blairs Medienmanager Nr. 1. Campbell drang darauf, nur nachrichtendienstliche Erkenntnisse dürften in das Dokument hineinfließen, um der Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit willen. Gefruchtet hat das wenig, wie man heute weiß. Am Ende der Untersuchung, so steht zu fürchten, dürfte die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten Schaden gelitten haben.

 
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  • Quelle ZEIT.de 15.08.2003
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