Demonstranten treten Scheiben des brasilianischen Parlaments ein und prügeln Polizisten. Viele von denen, die da um sich schlagen, arbeiten sonst als Angestellte und Beamte für den Staat, viele sind Rentner des öffentlichen Dienstes. Doch ihre Loyalität endete, als Präsident Luiz Inácio "Lula" da Silva begann, ihre Privilegien anzugreifen. Bisher können sich Frauen im öffentlichen Dienst mit 48 Jahren und Männer mit 53 Jahren pensionieren lassen; jetzt sollen sie bis zu sieben Jahre länger arbeiten. Hinzu kommt, dass sie im Ruhestand nur noch einen Höchstbetrag von 1561 Reais (470 Euro) erhalten werden – wie die Rentner in der Privatwirtschaft. Zudem will Lula die bislang steuerfreien Bezüge ab 1058 Reais mit elf Prozent besteuern. Mit diesen Entscheidungen versucht die Regierung ihre Kosten und die der Bundesstaaten zu senken. Sie betragen jährlich 25 bis 28 Milliarden US-Dollar – etwa fünf Prozent des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts.

Die Rentenreform steht exemplarisch für die Probleme Lateinamerikas. Fast überall schwelen soziale und gesellschaftspolitische Konflikte, die ihren Ausdruck in mangelnder Haushaltsdisziplin, unzureichender Fiskalpolitik, einer starken Ungleichverteilung von Land und Einkommen sowie einer rudimentären Bildungspolitik finden. Wie die lateinamerikanischen Regierungen diesen Herausforderungen begegnen, wird über die wirtschaftliche Zukunft dieser Länder entscheiden.

Brasilien ist dafür das beste Beispiel. Von der Rentenreform hängt ab, ob der Präsident sein wichtigstes soziales Vorhaben finanzieren kann: das Programm "Null Hunger". Es sieht die Verteilung von Chipkarten an arme Familien vor, die dafür pro Monat Lebensmittel im Wert von 50 Reais (15 Euro) beziehen können. Bringt Lula die Reform bis zum Herbst über die parlamentarischen Hürden – es könnte der Beginn einer neuen Ära sein.

In den neunziger Jahren hatten sich viele lateinamerikanische Regierungen darauf konzentriert, eine Reihe von Reformwünschen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank zu erfüllen. Das Konzept stammte aus den USA und ist mit dem Stichwort "Washington Consensus" beschrieben. Die empfohlene Liste von Reformen umfasste vor allem Währungsdisziplin, die Öffnung des Außenhandels, eine allgemeine Deregulierung sowie eine weitgehende Privatisierung der damals staatlichen Konzerne. Entsprechend begannen etliche Staaten mit marktwirtschaftlichen Reformen. Sie bauten die nichttarifären Handelshemmnisse ab und senkten die Einfuhrzölle drastisch, sodass sie heute durchschnittlich bei 13 Prozent liegen – gegenüber 20 bis 24 Prozent in vergleichbaren Ländern. Auch die Privatisierung von Staatsunternehmen schritt rasch voran und trug zum Anstieg ausländischer Direktinvestitionen von 12,5 Milliarden Dollar im Jahr 1992 auf 77 Milliarden Dollar im Jahr 1999 bei.

Weitgehend unbeachtet blieben jedoch jene Passagen im Washington Consensus, die eine Reduzierung der Haushaltsdefizite, Steuerreformen und mehr öffentliche Ausgaben für Erziehung, Gesundheit und Infrastruktur forderten. So schädigten die gleichen Regierungen, die ihre Länder dem ausländischen Kapital öffneten, die nachfolgenden Generationen durch eine fast schrankenlose Kreditaufnahme. Sie resultiert unter anderem daraus, dass in den föderal organisierten Ländern Argentinien, Kolumbien und Brasilien ein finanziell ungesundes Verhältnis der Zentralregierung zu den Provinzregierungen existiert. Machtvolle regionale Gebietskörperschaften widersetzen sich Sparmaßnahmen zu ihren Lasten. Die Zentralregierungen sind bislang kaum in der Lage, diese Widerstände zu brechen, oft müssen sie aber am Ende die Lasten überschuldeter Regionen übernehmen. Ursache ist, dass praktisch alle führenden Politiker die Fiskalpolitik für populistische Maßnahmen und Wahlgeschenke missbrauchen. Verschlimmert wird dieses Phänomen durch eine immense Steuerhinterziehung. In Argentinien und Peru werden schätzungsweise die Hälfte bis zwei Drittel der Mehrwertsteuer nicht abgeführt. Die Haushaltslage ist fast zwangläufig katastrophal.

Dieser Geldmangel und das Interesse der Anleger führten sehr schnell zu einer wachsenden Finanzierung der Staatshaushalte über die internationalen Kapitalmärkte, etwa durch die Platzierung von staatlichen Hochzinsanleihen, die aber häufig nur kurzfristiger Natur waren. Die Auslandsverschuldung ganz Lateinamerikas stieg auf rund 800 Milliarden Dollar im Jahr 2000, deren Bedienung über ein Drittel aller Exporterlöse absorbierte. Sie war schließlich ein wesentlicher Auslöser für die existenziellen Finanz- und Wirtschaftskrisen, in die mehrere Länder vor etwa zwei Jahren gerieten. Privates Kapital floss ab, als die Versäumnisse der Regierungen offensichtlich wurden, was Argentinien in die Zahlungsunfähigkeit trieb und anderen Ländern den Zugang zu den internationalen Finanzmärkten erschwerte.

So leidet der Subkontinent – und Argentinien liefert die dramatische Anschauung dafür – unter seinen Versäumnissen. Den ersten Deregulierungen folgte keine Reform der Institutionen, der Sozialsysteme und der Staatshaushalte. Und trotz des zwischenzeitlichen Wachstums breitete sich die Armut aus und erfasste sogar den Mittelstand. In Venezuela und Argentinien ist der Anteil der Armen an der Bevölkerung deutlich angestiegen, und in Ländern wie Kolumbien liegt er unverändert bei 60 Prozent.

Viele Regierungen beruhigten sich dennoch über Jahre mit der irrigen Annahme, dass ein höheres Wirtschaftswachstum quasi automatisch eine Verbesserung der Einkommensverteilung nach sich zöge. Erst seit kurzem wird unter den eher dem linken Spektrum zuzuordnenden Präsidenten in Argentinien, Brasilien, Ecuador und Peru einer armutsorientierten Politik größere Bedeutung geschenkt.