Das Statistische Bundesamt hat uns zum Wochenende mit einer guten und einer schlechten Nachricht überrascht. Die gute zuerst: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag 2001 nicht bei 0,6 Prozent, sondern bei 0,8 Prozent. Na ja, das ist lange her, und eigentlich interessiert es uns heute nicht mehr. Die schlechte Nachricht ist aktueller: Im zweiten Vierteljahr 2003 ging das BIP im Vergleich zum ersten Vierteljahr um 0,1 Prozent zurück. Mit anderen Worten: Die deutsche Wirtschaft schrumpft – und das seit einem halben Jahr. Denn schon im ersten Vierteljahr 2003 war die Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent zurück gegangen. Heißt das nun, dass Deutschland in der Rezession steckt? Das ist eine Frage der Definition. In Deutschland war es bis vor kurzem üblich von Rezession zu sprechen, wenn die Wirtschaft am Ende eines Jahres geschrumpft war; gebräuchlich war dafür auch der Ausdruck vom negativen Wachstum. In diesem Fall müsste man also abwarten, ob das Wachstum im zweiten Halbjahr 2003 so stark ist, dass für das gesamte Jahr noch eine positive Rate zustande kommt und damit die Rezession vermieden wäre. Die Amerikaner definierten den Begriff Rezession dagegen stets anders: Wenn die Wirtschaft zwei Quartale hintereinander schrumpft, dann ist die Rezession da. Da sich dieser Gebrauch des Begriffs auch unter Deutschlands Ökonomen durchsetzt, lässt sich also sagen: Die deutsche Wirtschaft steckt in der Rezession. Rezession oder nicht Rezession – das ist nicht die entscheidende Frage. Beunruhigender ist die Tatsache, dass die deutsche Wirtschaft nun schon im dritten Jahr fast nicht mehr wächst, sie also von einer ungewöhnlich langen Stagnation gelähmt wird. Das ist ein neues Phänomen. Bisher konnte man sich in aller Regel auf einen Zyklus verlassen, also ein ziemlich regelmäßige Auf und Ab. Beispiel 1982: Da schrumpfte das BIP um ein Prozent, doch schon im Jahr darauf lag die Wachstumsrate wieder bei 1,9 Prozent, zwei Jahre danach bei 3,1 Prozent. Auch 1993 schrumpfte die (nun schon gesamtdeutsche) Wirtschaft wieder, diesmal um 1,2 Prozent. Aber 1994 lag die Wachstumsrate wieder bei 2,7 Prozent. Aufschwung und Abschwung folgten in ziemlich regelmäßigem Abstand aufeinander, und das lässt sich heute nicht mehr beobachten. Die Furcht ist also nicht unbegründet, dass - ähnlich wie in Japan nun schon seit langem - die deutsche Wirtschaft mit bestenfalls minimalem Wachstum leben muss. Noch etwas hat sich grundlegend verschoben: Der Sockel der Arbeitslosigkeit wird immer höher. Mit anderen Worten: Geht eine Schwächephase zu Ende, kehrt die Arbeitslosigkeit nicht mehr auf das Niveau zurück, das sie vor dem Konjunktureinbruch hatte. Die Arbeitslosenquote steigt (mit geringen Variationen) kontinuierlich an. Am Ende der Rezession Anfang der achtziger Jahre lag sie bei 8,2 Prozent, ging bis 1991 auf 5,7 Prozent zurück (wobei der Effekt der Wiedervereinigung ausgeblendet ist) und liegt allein für Westdeutschland nun schon seit Jahren über acht Prozent. Hier liegt das zentrale Problem der wachstumsschwachen deutschen Wirtschaft: Selbst wenn es im zweiten Halbjahr 2003 wieder aufwärts geht, entstehen nicht genügend Arbeitsplätze, um die Zahl der Arbeitslosen nennenswert zu reduzieren.