Eigentlich soll es nur ein kollegial-poetischer Briefwechsel sein, aber im Handumdrehen wird es zu einem Liebesroman – zu einem Liebesroman, der die literarische Welt in Atem hält. Sogar eine richtige Entführung gibt es. Und halb England seufzt noch einmal wohlig auf, als die heimliche Korrespondenz nach dem Tod des Dichterpaares endlich zu lesen ist. Innerhalb von 20 Monaten haben Elizabeth Barrett und Robert Browning nicht weniger als 573 Briefe miteinander gewechselt. "Wir müssen sofort heiraten und nach Italien fahren", drängt Browning seine Verlobte am 10. September 1846 in seinem letzten Brief. Neun Tage später verlässt die sterbenskranke Elizabeth Barrett, ohne Wissen ihres strengen Vaters, mit ihrer Haushälterin Elizabeth Wilson und ihrem Cockerspaniel Flush das noble Haus in der Londoner Wimpole Street, um mit Robert Browning ein neues Leben zu wagen.

Als das frisch verheiratete Paar über Le Havre und Paris seine Flucht nach Italien antritt, ist Elizabeth Barrett allerdings keine Julia mehr, sondern eine Frau von vierzig Jahren und eine bekannte Dichterin. Robert Browning ist sechs Jahre jünger und ein deprimierter Poet. Zwar haben seine frühen Gedichte, vor allem sein idealisierter Wahrheitssucher Paracelsus, bei der Londoner Kritik eine freundliche Aufnahme gefunden, doch seine große Dichtung Sordello, die im Jahre 1840 erschienen ist, wurde derb zersaust. Dem an eingängige romantische Verse gewöhnten Publikum fällt es offenbar schwer, beim Lesen von Gedichten auch den Kopf zu bemühen. Das annähernd sechstausend Verse umfassende Epos über das komplexe Seelenleben des berühmten Minnesängers Sordello wurde jedenfalls von vielen Kritikern als "überlang" und "größtenteils unverständlich" abqualifiziert. Erst eine Sammlung von Bühnenstücken und Gedichten, die Browning einige Jahre später unter dem Titel Glocken und Granatäpfel herausgibt und zu der auch das kleine Drama Pippa geht vorbei gehört (das später Gerhart Hauptmann inspirieren wird), findet in England wieder mehr Anklang.

Trotz dieses Auf und Ab: Brownings Weg in die Kunst und ins Leben war leicht gewesen. Am 7. Mai 1812 im Londoner Stadtbezirk Camberwell geboren, hatte er in seiner Jugend keine Sorgen gekannt. Seinem Vater Robert, der als Angestellter bei der Bank von England arbeitete, waren künstlerische Neigungen nichts Fremdes, nur hatte er selbst bei seinen eigenen Eltern nicht so viel Verständnis gefunden: Seinen Wunsch, Maler zu werden, hatte der Vater rasch zur Seite gewischt. Eine solche Enttäuschung wollte der Bankier dem eigenen hoffnungsvollen Sohn ersparen. Auch Brownings Mutter, Tochter einer Schottin und eines Hamburgers namens Wilhelm Wiedemann, war überzeugt von dem besonderen Talent ihres Sohnes und besorgte ihm arglos jede gewünschte Lektüre, die er nicht in der Bibliothek des Vaters fand – selbst Aufklärerisches von Voltaire und Ketzerisches von Shelley, dem erklärten Atheisten.

Schon mit fünf Jahren begann der angehende Poet ein Bändchen zusammenzudichten. Das Opusculum fand jedoch keinen Verleger, sodass der junge Musensohn sein Erstlingswerk enttäuscht vernichtete. Bis zu seinem 14. Lebensjahr in einer privaten Schule, die von einem Geistlichen geleitet wurde, erhielt der Junge in den folgenden Jahren zu Hause Privatunterricht in Zeichnen, Musik, Französisch und Sport. Vom Herbst 1828 an besuchte er Griechischvorlesungen an der gerade eröffneten Londoner Universität. Im Übrigen ließen die Eltern ihrem begabten Sohn freie Hand; anders als zum Beispiel Charles Dickens und William M. Thackeray, die sich ihren Lebensunterhalt zeitweise als Journalisten verdienten, brauchte er sich um einen Brotberuf nie zu bemühen und dichtete in größter materieller Freiheit vor sich hin.

Elizabeth Barretts Leben hatte ähnlich sorgenfrei begonnen. Auch sie, am 6. März 1806 als Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns in dem nordenglischen Dorf Kelloe geboren, interessierte sich schon früh für die Literatur, las Homer und Aischylos auf Griechisch und schrieb bald selbst Gedichte. Als Älteste von mehreren Geschwistern verlebte Elizabeth sorglose Jugendjahre – die jäh endeten, als sich das sportbegeisterte Mädchen mit fünfzehn Jahren bei einem Reitunfall schwer verletzte und zur selben Zeit an Tuberkulose erkrankte.

Von nun an lebte Elizabeth Barrett das Leben einer Schwerkranken, das noch verdüstert wurde durch den Schmerz über den Tod ihres Lieblingsbruders, der beim Baden im Meer ertrunken war. Die Familie, inzwischen nach London umgezogen, betrachtete das kaum bewegungsfähige Mädchen als todgeweiht und betete täglich an ihrem Bett. Von Arztvisiten und gelegentlichen Besuchen mitfühlender Bekannter abgesehen, hatte Elizabeth keinen Kontakt mehr zur Welt.

Doch ihre Innenwelt war umso lebendiger. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Kunst sollte die Gewissheit der eigenen Hinfälligkeit betäuben. Tag für Tag und Jahr für Jahr schrieb sie auf ihrem Krankenlager Sonette und romantische Balladen, aber auch Texte zu den Themen der Zeit, zur Sklavenarbeit der Kinder in den Bergwerken, über die Unterdrückung der Frau. Im Jahre 1844 brachte die energische Kranke eine zweibändige Sammlung von Gedichten heraus, darunter die Anklage Der Schrei der Kinder. Londons Kritiker waren hingerissen – und riefen Elizabeth Barrett zu Englands bedeutendster lebender Dichterin aus.

Auch Robert Browning kannte und bewunderte Elizabeth Barretts glühende Kunst. Aber der robust wirkende junge Mann mit der empfindsamen Seele, der selbst bei der Kritik kein Glück mehr hatte, traute sich nicht, der viel gepriesenen Dichterin persönlich seine Aufwartung zu machen.