argument Der Herr der Krisen

Trotz aller Kritik: US-Notenbankchef Greenspan steuert einen klugen Kurs

Mit Salvador Dalí verglichen zu werden mag ein Kompliment sein. Doch als die

Seit der halbherzigen und schlecht kommunizierten Zinsentscheidung Ende Juni, als Greenspan den Leitzins nur um einen viertel Punkt auf ein Prozent senkte, kann sich der einstige Star vor Häme und Spott nicht mehr retten. Doch die Kritik ist nicht nur übertrieben, sondern kann für die Weltwirtschaft sogar gefährlich werden.

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Dieselben Investoren, Kommentatoren und Händler, die Greenspan zu Beginn seiner Amtszeit in den späten achtziger Jahren den Beinamen Orakel gaben, ihn in den goldenen Neunzigern erst als Magier, später gar als Maestro verehrten, schlagen nun verbal auf ihn ein. Und ihre geballte Kritik zeigt Wirkung: Niemand glaubt der Analyse des mächtigsten Notenbankers der Welt mehr. Obwohl Greenspan weiter deflationäre Gefahren ausmacht, steigen die Zinsen am Anleihemarkt rasant. Während Greenspan wie vergangene Woche explizit verspricht, die Notenbankzinsen noch „beträchtliche Zeit“ niedrig zu halten, rechnen die Händler schon zur Jahreswende mit der ersten Zinserhöhung. Das ist fatal. Denn der kräftige Zinsanstieg am US-Rentenmarkt kann die amerikanische Konjunktur zurück in die Rezession reißen – und die Weltwirtschaft gleich mit.

Zugegeben: Der 77-jährige Notenbankchef hat einen riskanten Spagat versucht. Über Monate hinweg machte er Investoren und Arbeitnehmern im Hinblick auf die Konjunktur Mut. Gleichzeitig aber warnte er vor einer möglichen Deflation. Bis Juni zeigte diese Strategie die von Greenspan erhoffte Wirkung: Am Anleihemarkt wettete alles auf Deflation, die Zinsen sanken kräftig, die Anleihen verbuchten satte Kursgewinne. Am Aktienmarkt schenkte man dagegen dem Greenspanschen Konjunkturoptimismus Glauben, auch hier kletterten die Notierungen. Doch als jetzt die Zinssenkung gering ausfiel, keine „unkonventionellen Maßnahmen“ wie der Ankauf von Staatsanleihen zu einer festgelegten Rendite angekündigt wurden, disponierten die Spekulanten am Anleihemarkt blitzartig um. In einem selten erlebten Ausverkauf schnellte die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe von 3,07 auf 4,50 Prozent in die Höhe (siehe Chart). Denn inzwischen fürchten sie nun wieder steigende Preise – das Thema Deflation hingegen nimmt niemand mehr ernst. Zu Unrecht.

Auch dreieinhalb Jahre nach dem Platzen der Aktienblase ist die Verfassung der US-Wirtschaft alles andere als robust. Von einem selbsttragenden Aufschwung sind die Vereinigten Staaten noch weit entfernt. Notstandszinsen der Fed und ein mehrere hundert Milliarden Dollar schweres Konjunkturprogramm der Regierung sorgen dafür, dass die US-Konjunktur bislang nicht in die Rezession abgeglitten ist. Die Arbeitslosigkeit steigt, und die Kapazitätsauslastung der Unternehmen ist so gering wie seit 20 Jahren nicht mehr. Inflationärer Druck ist weit und breit nicht auszumachen. Deshalb bleibt Deflation eine latente Gefahr. Der jüngste Renditeanstieg macht sie sogar wahrscheinlicher, da er den elegantesten Mechanismus zur US-Konjunkturstimulierung lahm legt: die Umschuldung von Hypotheken.

Vor allem diesem Mechanismus ist es zu verdanken, dass die amerikanischen Verbraucher trotz Krise munter weiter Geld ausgegeben haben. Denn in Amerika können Hypothekennehmer anders als in Deutschland aus ihren Schuldverträgen aussteigen, wenn die Zinsen sinken. Der Zinsrückgang bei den langen Laufzeiten hat zu massiven Refinanzierungen geführt, die dem Konsum zugute kamen. Mit steigenden Zinsen fällt diese Konjunkturstütze weg. Die Investmentbank Goldman Sachs rechnet allein deswegen mit einem um einen Prozentpunkt niedrigerem Bruttoinlandsprodukt im nächsten Jahr.

Greenspans Kritiker sollten innehalten und wieder seinen Worten lauschen. Seine Politik jetzt pauschal zu verteufeln ist ebenso unangebracht wie seine kritiklose Bewunderung zuvor. Denn bislang hat Greenspan die US-Wirtschaft meisterlich durch die schlimmste Krise seit den dreißiger Jahren gesteuert. Und für unkonventionelle Maßnahmen wie direkte Interventionen am Anleihemarkt besteht zurzeit keine Notwendigkeit, denn noch kann die Fed die Zinsen weiter senken.

Aber Greenspan hat auch vor der Krise eine gute Figur gemacht. Seine vorrausschauende und mutige Geldpolitik hat Amerika ein goldenes Jahrzehnt beschert. Nach dem Crash 1987, in der Asienkrise, beim Übergang auf das Jahr 2000 oder als der Hedge Fund LTCM zusammenbrach und die Stabilität des Weltfinanzsystems bedrohte, immer war Greenspan mit Zinssenkungen zur Stelle und verhinderte so allzu starke Verwerfungen.

Es mag zwar sein, dass er mit seiner Politik die Bildung von Spekulationsblasen an den Finanzmärkten gefördert hat, auf jeden Fall aber hat er in der Realwirtschaft für hohes Wachstum und kräftige Produktivitätssteigerungen gesorgt – und damit den Menschen Wohlstand gebracht. Er war mutig, weil er in den Boomjahren trotz stark sinkender Arbeitslosigkeit den Aufschwung nicht durch Zinsanhebungen abgewürgt hat – und weil er seit Januar 2001 die Zinsen unablässig, rasch und kräftig gesenkt hat. Seine vielleicht größte Stärke: Er kennt keine Denk-Tabus. Bereits 1998 wurden beispielsweise in der Fed intern diskutiert, wie im Falle einer Deflation zu reagieren sei – zwei Jahre vor dem Platzen der Technologie-Blase, fünf Jahre bevor Investoren anfingen, sich über dieses Thema ernsthaft Sorgen zu machen.

Mit der Kommunikation ihrer Strategie allerdings tut sich die Fed unter Greenspan schwer. Niemand weiß beispielsweise genau, welche Inflationsrate sie mit ihrer Geldpolitik anpeilt, wie viel Wachstum sie für inflationsneutral hält. Damit macht sich die Fed angreifbar und den Akteuren an den Finanzmärkten das Leben unnötig schwer. Das sollte Greenspan ändern. Damit wäre dann gleichzeitig auch noch ein weiteres Problem gelöst: Greenspan könnte nächstes Jahr nach 17 Jahren an der Spitze der US-Notenbank endlich in Ruhestand gehen, ohne dass es zu Verwerfungen an den Märkten käme. Denn eine klar formulierte Strategie würde jeden Nachfolger berechenbarer machen.

 
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