umwelt Her mit der Kohle, weg mit der Kohle

Als in Amerika die Lichter ausgingen, traf sich der Kanzler mit Deutschlands Strombossen. Ihr Thema: Die Zukunft der Energiewirtschaft. Wer stellt die Weichen – Clement oder Trittin?

Erinnert sich noch jemand an Brockdorf? Grohnde? Krümmel? Neckarwestheim? Ortsnamen wie Schlachtrufe, eingemeißelt in die Geschichte der deutschen Umweltbewegung – und doch auch Symbole einer glücklicheren Zeit der Energiepolitik: einer Zeit nämlich, da die Deutschen sich noch mit den Kräften beschäftigten, die ihre Kühlschränke, Fernseher und Mikrowellen am Laufen halten. Vier von fünf Bundesbürgern, ergab 1988 eine Allensbach-Umfrage, fanden es damals wichtig, wie die Stromversorgung des Landes gesichert werde.

Heute, da das Ende von Grohnde, Brockdorf, Neckarwestheim und all der anderen Atomkraftwerke beschlossen ist, scheinen derlei Fragen belanglos zu sein – obwohl offen ist, was danach kommt. Längst haben die Meinungsforscher aufgehört, nach energiepolitischen Ansichten zu fragen, das Interesse ist einfach zu gering. Im Jahr 2003 kommt der Strom aus der Steckdose, fertig.

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Wenn er denn kommt. Vielleicht war der Zusammenbruch der Stromversorgung in weiten Teilen der USA geradezu ein Glücksfall – er lenkte, wenigstens für einen Moment, die Aufmerksamkeit wieder auf die Energiepolitik. Und, siehe da, justament als am vergangenen Donnerstag in New York die Lichter ausgingen, saß im Berliner Kanzleramt Gerhard Schröder mit den Chefs der vier mächtigsten Energiekonzerne zusammen: E.on, RWE, Vattenfall und EnBW waren da vertreten. Gesamtumsatz: 80 Milliarden Euro. Anteil an der Stromerzeugung: 80 Prozent. Anteil am Hochspannungsnetz: 100 Prozent. Ein Routinetermin, hieß es im Kanzleramt, bloß zum Kennenlernen, schließlich seien drei der vier Konzernlenker neu im Amt. Da es eh nichts zu entscheiden gab, traf es sich gut, dass Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier, der Chef der Bergbaugewerkschaft Hubertus Schmoldt und Wirtschaftsberater Bernd Pfaffenbach gerade auch nichts Dringenderes zu tun hatten und für drei Stündchen hereinschauten. Und warum hätte man den Umweltminister Jürgen Trittin zu einer so informellen Runde dazubitten sollen? Er hätte doch nur gestört.

Energiepolitik im Jahre 2003 – ein Thema für Kungelrunden?

In Wirklichkeit gibt es reichlich Entscheidungsbedarf. Bis 2020 muss mindestens jedes dritte deutsche Kraftwerk ersetzt werden, sofern die Bundesbürger mit ihrem Strom bis dahin deutlich sparsamer umgehen, anderenfalls noch mehr. Die Atomkraftwerke gehen eines nach dem anderen vom Netz, viele altersschwache Fossilkraftwerke ebenfalls. Wer erzeugt den Strom der Zukunft, und wie? Die Entscheidungen, die jetzt fallen, werden die Energieversorgung in den nächsten Jahrzehnten nicht weniger prägen, als es das gewaltige Atomprogramm des vergangenen Jahrhunderts heute tut. Deutschlands Energiemarkt der Zukunft – eine weiße Leinwand. Jetzt werden die ersten Linien gezogen.

Nicht, dass es keine Entwürfe gäbe. An die 700 Seiten hat allein der Bericht der Enquete-Kommission Energie des Bundestags, die vor gut einem Jahr ohne einen gemeinsamen Abschlussbericht auseinander ging – Union und FDP bemängelten den Stil der rot-grünen Mehrheit und formulierten einige abwägend-unkonkrete Überlegungen. Die Strategiepapiere aus dem Wirtschafts- und dem Umweltministerium dürften insgesamt mindestens einen ähnlichen Umfang haben. Das Wesentliche aber ist schnell erzählt: Nicht einmal innerhalb der Bundesregierung, die immerhin den „Energiekonsens“ mit der Atomindustrie erzwang, herrscht auch nur ansatzweise Einigkeit darüber, wie die Energieversorgung der Zukunft aussehen könnte.

Die Grünen wollen ein High-Tech-Ökotopia

Umweltminister Trittin, die Grünen und ein beträchtlicher Teil der SPD-Fraktion plädieren für ein High-Tech-Ökotopia, in dem Wind- und Wasserkraft, importiertes Gas und vor allem Energiesparmaßnahmen dafür sorgen, dass die Lichter nicht ausgehen. Wirtschaftsminister Clement will die Kernenergie durch Kohle ersetzen und im Übrigen das meiste den Kräften des Marktes überlassen. „Kohle bleibt auf absehbare Zeit bei uns und weltweit die wichtigste Stütze einer nachhaltigen Stromversorgung“, findet er. Derweil reden bei der CDU/CSU-Opposition zahlreiche zum Teil selbst ernannte Experten unter Oberaufsicht des Universalfachmanns (und Aufsichtsrats einer E.on-Tochter) Horst Seehofer durcheinander. Dass jedenfalls einige von ihnen der Kernenergie in Deutschland zu neuer Blüte verhelfen möchten, dürfte die Lage der Energiekonzerne, die vor allem Planungssicherheit brauchen, kaum vereinfachen.

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