Essay Der Traum von der Heimkehr

Junge Exil-Palästinenser sehnen sich nach einer Vergangenheit, die sie nie hatten

Im Juli 1994 schenkte mir die tunesische Jüdin Lisa Surur eines ihrer Gemälde: die diffuse Sehnsucht nach einer unvollendeten Szene, dargestellt durch einen wahren Sturm feuriger Farben vor einem erdbraunen Horizont. Es war die letzte Gabe, die mir zuteil wurde in meinem Exil.

Wenig später saß ich in einem saudischen Militärflugzeug auf einem der Sitze für Fallschirmspringer. Völlig in Gedanken verloren, schien mir die Rückkehr nach Palästina schwieriger und komplizierter, je näher wir, durch den ägyptischen Luftraum fliegend, auf Gaza zusteuerten. Angestrengt versuchte ich das zu rekonstruieren, was mir soeben verloren ging.

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Mit einem Mal erschien mir mein ganzes Leben als ein einziges Exil: angefangen bei der Al-Karama-Schule am östlichen Ufer des Jordans in den sechziger Jahren bis hin zu Lisa Sururs Bild in Tunis im Sommer 1994.

Die Idee der „Rückkehr“ nach Palästina ist komplett von anderen erschaffen worden – und lange vor meiner Zeit. Doch gleichzeitig bedeutet sie einen umfassenden Eingriff in meine Privatsphäre. Die Vorstellung von der „Rückkehr“ ist wie ein unausweichlicher Pfad tiefster Trauer. Ein Gefühl von Mangel und absolutem Verlust. Eine Stimmung, die weder zu rechtfertigen noch zu verstehen, noch zu vermeiden ist.

Die „Rückkehr“, dieses allgemein gültige, verbindliche Vorhaben mit vereinbarten Regeln, verschwand vollständig aus meinen Gedanken, während ich in diesem saudischen Flugzeug saß. Stattdessen bemächtigte sich meiner das „Exil“, genauer: der Moment meiner „Exilierung“ – und zwar auf eine leidvolle, jeder Ordnung entbehrende Art. Einsturz und Verlust meiner Vergangenheit vollzogen sich im Schatten. Plötzlich hatte ich nichts, worauf ich mich noch hätte stützen können: kein Szenario, kein Haus, keinen Baum. Was ich tatsächlich hatte, um meine Vergangenheit, damals in Palästina, festzuhalten, war zu spärlich, verworren und unzulänglich: eine konfuse Erzählung in Schwarzweiß über Gespenster, die als undurchdringliche Schatten umherwandeln. Entlegene Besitztümer, die weder ihren Zweck erfüllen noch ausreichen, um heute daran anzuknüpfen.

Unser Leben, das Leben der Palästinenser, ist erfüllt von der Sehnsucht nach Rückkehr. Sie ist das kollektive Ergebnis einer reißenden Angst, die früh, bereits vor der Niederlage von 1948, eingesetzt hat. „Exil“ verdichtete sich in unserer Sprache, im Widerstand und im Tod der Palästinenser. In den erzählten Heldentaten und Gedichten kündigte sich das bevorstehende Exil, das uns 1948 zugefügt wurde, schon lange an. Es manifestierte sich mit jedem neuen, in Jaffa landenden jüdischen Einwanderer, mit jeder Kibbuzgründung.

Und während die Palästinenser ins schmerzliche Exil drängten, hatten sie ihre „Sehnsucht“ nach ihrer Heimat bereits aufgebaut und sich in ihrem Traum von der „Rückkehr“ eingerichtet. Dieser Traum wuchs zu einem diffusen, eigenständigen Wesen heran und entfaltete sich unabhängig von der Zeit und dem Ort, an dem sich die Palästinenser fortan befanden. Wie durch einen geschickten rhetorischen Kunstgriff verfestigte sich die Heimat hinter ihnen als starre, stumme Beschreibung. Ein wenig Jüngstes Gericht und ein wenig Paradies, das ist die Gleichung von Rückkehr und Heimat.

Als Kind dieser Tradition und Vorstellung habe ich, wie alle anderen Palästinenser auch, dieser Vorstellung persönliche Details hinzugefügt. Gleichzeitig habe ich dieses Konzept der Rückkehr für mich nie als reale, umsetzbare Option betrachtet. Die Rückkehr stellte nie einen Teil meiner persönlichen Lebensplanung dar. Vielmehr begriff ich sie als ein kollektives Gut, vergleichbar mit einem Staatsgebiet, einem öffentlichen Garten oder mit Bergen, die niemandem gehören. Die Rückkehr war eine Volksgeschichte zum Weitererzählen und Ausschmücken. Aus diesem Grund habe ich das „Exil“, meine „Exilierung“, nie mit „Heimat“ in Verbindung gebracht. Gegen die „Reise des Exils“ auf individueller Ebene hatte ich nichts einzuwenden. Denn ohne zu übertreiben, behaupte ich, dass sie mir Sehen, Hören und Fühlen ermöglichte. Deshalb galt mir die Reise auch nie als ein Widerspruch zur Rückkehr. Durch diesen Glücksgriff vermochte ich dem geschlossenen System der Dualismen zu entrinnen.

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