Sahara-Geiseln Iyyad, der Löwe
Mit Geld und Geduld: Wie ein Tuareg-Führer die Sahara-Geiseln befreien half
Mali gehört zu den ärmsten Staaten der Welt und der Norden des Landes zu den unwirtlichsten Zonen Afrikas. Geröll, Fels und Sand, heiße Sandstürme und kalte Nächte: Das ist die Heimat der Tuareg, eines Berbervolks, das in Algerien, Mali und Niger lebt. Der geheimnisumwobene Stamm von Kriegern und Kamelzüchtern lockt noch immer Touristen und Abenteurer an, auch wenn das Auswärtige Amt schon im Januar vor Reisen in den algerischen Süden gewarnt hat.
Dem wichtigsten Führer der malischen Tuareg vor allem haben es die 14 Touristen aus Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden zu verdanken, dass sie nach fast einem halben Jahr Geiselhaft befreit wurden. Er heißt Iyyad ag Ghali, genannt der Löwe der Wüste. In der nördlichen Hälfte des Landes, das dreieinhalbmal so groß wie Deutschland ist, ist der Staat faktisch nie angekommen, herrschen Schmuggler und Nomaden. Und so brauchte die Regierung einen Vermittler, um an die Entführer heranzutreten, die vor einem Monat ihre Opfer von Algerien aus in das schwer zugängliche Adrar-Gebirge im benachbarten Mali verschleppten.
Iyyad ag Ghali, 46 Jahre alt, kennt die Wüste und die Menschen, die in ihr leben. Ins Adrar-Gebirge, wo er geboren und aufgewachsen ist, kehrte er 1990 zurück, nachdem er Libyens Diktator Ghaddafi gedient und im Libanon einen Tuareg-Trupp unter PLO-Kommando angeführt hatte. Kaum zurück, nahm er mit mehreren tausend Mann den Kampf gegen Malis Machthaber auf, General Moussa Traoré. 1991 wurde Traoré von jungen Offizieren um Amadou Toumani Touré gestürzt, die mit den Rebellen Frieden schlossen und Wahlen abhielten.
Doch der Krieg ging weiter. Die Armee schürte nun offen den Konflikt zwischen schwarzer Mehrheit und der Minderheit aus Arabern, Tuareg und Mauren. Von Iyyad ag Ghalis Bewegung spaltete sich eine radikale Arabisch-Islamische Front ab, die sich vorwiegend aus Tuareg rekrutierte. Gut möglich, dass die algerischen Entführer bei diesen malischen Islamisten Unterschlupf fanden. 1996 wurde in Mali wieder Frieden geschlossen – und der Löwe der Wüste avancierte zum Berater des Präsidenten.
In Algerien indes tobte derweil noch immer ein Bürgerkrieg. Als sich bei den Parlamentswahlen 1992 ein überwältigender Sieg der Islamischen Heilsfront (FIS) abgezeichnet hatte, hatten die Militärs die Wahl abgebrochen, die FIS für illegal erklärt und Tausende ihrer Anhänger interniert. Es war der Beginn eines Krieges, in dem bis heute über 100000 Menschen gestorben sind. Als die FIS dem bewaffneten Kampf abschwor, hatten sich von ihr längst die Bewaffneten Islamischen Gruppen (GIA) abgespalten, die – oft vom Armeegeheimdienst unterwandert und gesteuert – das Land in Schrecken hielten. Auch Hassan Hattab, ein desertierter Offizier, kämpfte bei den GIA und gründete dann seine eigene Truppe, die islamistische Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC). Hattabs Vize Amari Saifi ist der Chef jenes Kommandos, das im Februar und März im Südosten Algeriens 32 Touristen entführte.
Mag sein, dass die Salafisten anfänglich gottesfürchtig waren und nur den Kampf gegen die Ungläubigen im Sinn hatten. Spätestens mit der Entführung der Touristen aber zeigte sich, dass die Übergänge zwischen Glaube und Geschäft fließend sind. Im Mai gelang es der Armee, 17 der Entführten zu befreien. Die anderen 15 aber wurden vermutlich als Erpressungspfand behalten, für den Fall, dass die Armee sich nicht zurückzöge. Die Generäle, die in Algerien hinter der demokratischen Fassade weiterhin die Machthaber sind, wollten wohl ihren Erfolg nicht durch die Bilder toter Geiseln trüben lassen. Sie zogen ihre Soldaten ab, und die Terroristen konnten nach Mali entweichen. Über tausend Kilometer Luftlinie liegen zwischen dem Ort der Entführung im Südosten Algeriens und dem Adrar-Gebirge in Mali. Die Reise, zum Teil sicher auf Kamelen oder zu Fuß, bei Temperaturen bis zu 50 Grad Celsius, hat eine Geisel nicht überlebt. Die Deutsche Michaela Spitzer starb noch in Algerien an einem Hitzschlag und wurde in der Wüste beerdigt.
Für die übrigen Touristen erwies sich im Nachhinein als Vorteil, dass sie nach Mali verschleppt wurden. Nationaler Stolz verbot es den algerischen Militärs, sich in die Karten schauen oder gar helfen zu lassen. Anders im Nachbarland Mali, wo es relativ demokratisch zugeht: Amadou Toumani Touré, der einst die Militärdiktatur gestürzt hatte und vor einem Jahr zum Präsidenten gewählt wurde, kooperierte von Anfang an und bezahlte vermutlich ein saftiges Lösegeld, das Deutschland nach einer gewissen Anstandsfrist mit Zins und Zinseszinsen zurückzahlen wird – drapiert als Finanz- oder Wirtschaftshilfe.
- Datum 21.08.2003 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 21.08.2003 Nr.35
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