Ein Schrei gellt durch die Arena. Dann sinkt die blonde Frau auf der hell erleuchteten Bühne zu Boden. Wimmernd robbt sie auf den Knien, umklammert die Beine einer anderen. Den 2400 Besuchern in der prall gefüllten Halle stockt der Atem. Wer ganz hinten sitzt, starrt auf die zwei großen Leinwände links und rechts der Bühne, wo alles noch schöner und größer zu sehen ist, live und in Farbe. "Es ist wie im Kino!", wird eine Zuschauerin später sagen, "und am Ende gibt es immer gute Überraschungen." Am Ende ist erst einmal die blonde Frau auf der Bühne. Sie brüllt, sie windet sich, schluchzt. "Hilfe!", bricht es aus ihr hervor. "Ich brauche Hilfe…"

Kann man solche Verzweiflung spielen? Mag sein. Aber dies ist kein Theater. Dies ist Therapie, Familienaufstellung mit Bert Hellinger auf einem Kongress in Würzburg.

"Leidenschaft und Verantwortung – im Herzen von Konflikten" lautet das Motto der Würzburger Veranstaltung. Es ist die 4. Internationale Tagung für Systemaufstellungen. Für 450 Euro Teilnahmegebühr erlebt man vier Tage lang den neuesten Stand einer boomenden Therapieform. Im Tagungszelt tummeln sich Psychologen und Fachärzte, esoterische Wunderheiler und schaulustige Fans, die alle nur das eine wollen: den Vater der Methode bei der Arbeit sehen. Auch die Presse wurde eingeladen.

Während auf der Bühne die blonde Frau unter Tränen in den Armen einer anderen liegt, greift Bert Hellinger zum Mikrofon. Auf seinem schütteren weißen Haarkranz liegt das grelle Scheinwerferlicht. Hellinger spricht mit ruhiger, immer etwas belegter Stimme: "Ihr könnt klar sehen, sie hat eine Täterenergie. Da gab’s Verbrechen…"

Was wird hier gespielt? Wer ist dieser Mann, den seine umstrittene Therapiemethode so berühmt gemacht hat? Was ist dran an seinem angeblich heilsamen Rollenspiel, dass es Menschen innerhalb weniger Minuten in tiefe emotionale Erschütterung versetzen kann? Dass eine stetig wachsende Zahl aufgeklärter Bürger ernsthaft behauptet, die Familienaufstellung habe ihr Leben verändert?

Wer heute mit sechs Freunden in der Cocktailbar sitzt und nach zwei, drei Margaritas so unvorsichtig wird, von Beziehungsproblemen oder psychosomatischen Erkrankungen in der Familie zu erzählen, der kann fast sicher sein, dass mindestens einer die neue Gretchenfrage stellt: "Hast du denn schon mal deine Familie aufgestellt?"

Fakt ist: Bert Hellinger und seine Methode der Familienaufstellung haben die Szene der Psychotherapeuten in den vergangenen Jahren kräftig aufgemischt. Keine andere der vielen hundert verbreiteten Therapieformen sorgt für vergleichbaren Aufruhr. "Esoterische Scharlatanerie" unken die einen und halten Hellingers Kurzzeitbehandlungen für gemeingefährlich. Der Familienaufsteller, jubilieren die anderen, habe die Wende in der Psychologie eingeläutet.

Wir können unsere Eltern hassen, aber wir werden sie nicht los