Ein Schrei gellt durch die Arena. Dann sinkt die blonde Frau auf der hell erleuchteten Bühne zu Boden. Wimmernd robbt sie auf den Knien, umklammert die Beine einer anderen. Den 2400 Besuchern in der prall gefüllten Halle stockt der Atem. Wer ganz hinten sitzt, starrt auf die zwei großen Leinwände links und rechts der Bühne, wo alles noch schöner und größer zu sehen ist, live und in Farbe. "Es ist wie im Kino!", wird eine Zuschauerin später sagen, "und am Ende gibt es immer gute Überraschungen." Am Ende ist erst einmal die blonde Frau auf der Bühne. Sie brüllt, sie windet sich, schluchzt. "Hilfe!", bricht es aus ihr hervor. "Ich brauche Hilfe…"

Kann man solche Verzweiflung spielen? Mag sein. Aber dies ist kein Theater. Dies ist Therapie, Familienaufstellung mit Bert Hellinger auf einem Kongress in Würzburg.

"Leidenschaft und Verantwortung – im Herzen von Konflikten" lautet das Motto der Würzburger Veranstaltung. Es ist die 4. Internationale Tagung für Systemaufstellungen. Für 450 Euro Teilnahmegebühr erlebt man vier Tage lang den neuesten Stand einer boomenden Therapieform. Im Tagungszelt tummeln sich Psychologen und Fachärzte, esoterische Wunderheiler und schaulustige Fans, die alle nur das eine wollen: den Vater der Methode bei der Arbeit sehen. Auch die Presse wurde eingeladen.

Während auf der Bühne die blonde Frau unter Tränen in den Armen einer anderen liegt, greift Bert Hellinger zum Mikrofon. Auf seinem schütteren weißen Haarkranz liegt das grelle Scheinwerferlicht. Hellinger spricht mit ruhiger, immer etwas belegter Stimme: "Ihr könnt klar sehen, sie hat eine Täterenergie. Da gab’s Verbrechen…"

Was wird hier gespielt? Wer ist dieser Mann, den seine umstrittene Therapiemethode so berühmt gemacht hat? Was ist dran an seinem angeblich heilsamen Rollenspiel, dass es Menschen innerhalb weniger Minuten in tiefe emotionale Erschütterung versetzen kann? Dass eine stetig wachsende Zahl aufgeklärter Bürger ernsthaft behauptet, die Familienaufstellung habe ihr Leben verändert?

Wer heute mit sechs Freunden in der Cocktailbar sitzt und nach zwei, drei Margaritas so unvorsichtig wird, von Beziehungsproblemen oder psychosomatischen Erkrankungen in der Familie zu erzählen, der kann fast sicher sein, dass mindestens einer die neue Gretchenfrage stellt: "Hast du denn schon mal deine Familie aufgestellt?"

Fakt ist: Bert Hellinger und seine Methode der Familienaufstellung haben die Szene der Psychotherapeuten in den vergangenen Jahren kräftig aufgemischt. Keine andere der vielen hundert verbreiteten Therapieformen sorgt für vergleichbaren Aufruhr. "Esoterische Scharlatanerie" unken die einen und halten Hellingers Kurzzeitbehandlungen für gemeingefährlich. Der Familienaufsteller, jubilieren die anderen, habe die Wende in der Psychologie eingeläutet.

Wir können unsere Eltern hassen, aber wir werden sie nicht los

Im Jahr 1996 gründete der Heidelberger Familientherapeut Gunthard Weber die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Systemische Lösungen nach Bert Hellinger (IAG). Ziel war es, die Ausbreitung und Weiterentwicklung des Hellinger-Ansatzes zu fördern. Zumindest den ersten Teil der Zielsetzung hat man inzwischen erreicht: Eine wild wuchernde Szene von "Familienaufstellern" aller Art ist entstanden, die in fast allen deutschen Städten ihre Dienste anbieten. In Kreisen der wissenschaftlich etablierten Psychotherapie lange nur belächelt, hat Bert Hellingers Therapiemethode den Psychomarkt schleichend, aber stetig unterwandert.

Einen schönen Apfel kritisch zu betrachten sei sinnlos, meint Albrecht Mahr, man müsse schon hineinbeißen, um zu erfahren, wie er schmecke. Der ausgebildete Psychoanalytiker hat von Hellingers Baum der Erkenntnis gegessen. Inzwischen bietet er selbst Aufstellungskurse an. Und er hat den Lehrer persönlich zum Kongress nach Würzburg eingeladen, wo inzwischen eine andere junge Frau auf der hell erleuchteten Bühne sitzt, die Hände schüchtern im Schoß vergraben. Ihr trauriger Blick geht geradeaus, irgendwo ins Leere. Sie schweigt. Sie hat ein Problem. Das steht ihr ins Gesicht geschrieben. Bert Hellinger betrachtet die Frau wortlos. Er sieht sie zum ersten Mal, weiß nichts über ihre Krankheitsgeschichte, ihre Biografie. Die Spannung steigt, Hellinger hat ein feines Gespür für dramaturgische Effekte. Dann sagt er, langsam und eindringlich, wie einer, der jedes seiner Worte genießt: "Wenn wir sie jetzt anschauen und setzen uns dem aus… Wie viel von ihrer Lebensenergie hat sie zur Verfügung?" Er wendet sich an die junge Frau, fragt: "Wie viel Prozent?" Sie zögert: "50?" Hellinger schüttelt den Kopf. "20!" Sie reißt die Augen auf und muss tief schlucken. War das bereits die Diagnose? "Jetzt wird es ernst!", sagt der Therapeut und erhebt sich. "Was ist mit deinem Vater?" Langes Schweigen der Klientin: "Er lebt. Nur wir haben nicht viel Kontakt." Ein Nicken des Meisters. Die Aufstellung beginnt.

So genannte Stellvertreter aus dem Publikum sollen Mutter und Vater der jungen Frau auf der Bühne spielen. Die Klientin steht noch etwas abseits. Unentschlossen. Da rückt Hellinger sie immer näher an den "Vater" heran. Plötzlich legt der "Vater" einen Arm um die vermeintliche Tochter. Da strahlt die junge Frau und kuschelt sich selig an seine Schulter. "Da ist die Kraft", verkündet der Therapeut. "Wie geht’s dir da?" – "Ich bin sehr überrascht… gut!", bricht es aus ihr hervor. Sie lacht, und die Leute im Saal lachen fröhlich mit. Hellinger erklärt dem bewegten Publikum: "Wenn jemand so wenig Lebensenergie zeigt, wie wir das bei ihr sehen konnten, fehlt einer der Eltern. Wir können sehen, was es bedeutet, wenn dieser fehlende Elternteil einen Platz im Herzen bekommt."

Bert Hellingers Aufstellung – das ist die bühnenwirksame Demonstration einer oft verdrängten Lebensweisheit: Durch unsere Venen fließt das Blut der Ahnen. Seine Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen. Man kann seine Eltern ignorieren, bekämpfen, hassen, ohne sie jemals loszuwerden, denn "Die Seele weiß es besser", wie Hellinger sagt. Weil Kinder ihre Eltern lieben wollen, weil geheimnisvolle Bande uns an die Familie fesseln. Diesem "Geheimnis" hat Hellinger zu neuer Popularität verholfen. Und er hat die religiöse Tradition der Übergangsrituale kurzerhand in die Psychotherapie verlegt. Innerhalb von zehn Minuten wurden die Zuschauer Zeugen einer wundersamen Metamorphose: Durch die rituelle Versöhnung mit ihrem Erzeuger hat sich eine traurige in eine fröhliche Frau verwandelt. Die Raupe ist zum Schmetterling geworden.

"Ich sehe, dass es was bringt", wird Hellinger später im Interview erklären. "Der Erfolg, die plötzliche Veränderung in den Gesichtern, die Erleichterung, die Befreiung – das macht schon Freude. Es gibt keinen schöneren Lohn."

Hellingers eigentlicher therapeutischer Coup ist der, dass er ein anregendes Rollenspiel zum aufregenden Mysterienspiel gemacht hat. Seine Methode trifft den Nerv der Erlebnisgesellschaft: Es geht schnell, es geht gleich heftig zur Sache, und man macht Erfahrungen, die man sich nicht erklären kann. Beim "Familienstellen nach Hellinger" gibt es noch etwas "Echtes" zu erleben.

Die Grundstruktur der Familienaufstellung ist fast immer dieselbe: In einem kurzen Vorgespräch schildert der Klient dem Aufsteller sein Problem. Eine Anamnese zur persönlichen Lebens- und Krankheitsgeschichte ist nicht gefragt. Der Therapeut interessiert sich ausschließlich für "wichtige Ereignisse" in der Familiengeschichte des Patienten. Was "wichtig" ist, entscheidet der Aufsteller: Gab es Trennungen, Scheidungen oder Selbstmorde? Abgetriebene oder tot geborene Kinder? Kriegsopfer oder sonstige früh verstorbene Ahnen? Kurz: Wo liegen die vergessenen oder verdrängten Leichen im Keller der Sippschaft? Ein "Aufsteller nach Hellinger" wird so lange suchen, bis er ein solches "missachtetes" Familienmitglied in der Verwandtschaft des Klienten aufgespürt hat.

Nach dem Rollenspiel kommt die "Befreiung" des Klienten

Jede Familie habe eine Seele, die alle Mitglieder schicksalhaft verbinde, glaubt Hellinger. Deshalb dürfe man in einer Familie niemanden ausschließen. Das bestrafe die "Familienseele" mit Krankheiten für die engsten Angehörigen oder Nachkommen, die sich nun unbewusst mit dem bösen Schicksal dieses Ausgeschlossenen identifizieren würden. Magersucht oder Depression, Allergien oder Selbstmord – nach Hellingers Lehre lauter mögliche Folgen der "unbewussten Verstrickungen" innerhalb der Familie. Hilfe für den "verstrickten" Klienten naht erst dort, wo die "Ordnungen der Liebe" wiederhergestellt werden – ein hierarchisch strukturiertes Familiensystem, das Hellinger als heilsam erkannt haben will: "Die Frau folgt dem Mann", schreibt er in einem Buch. Dann folgen die Kinder, in der Reihenfolge ihrer Geburt. Auch Fehlgeburten, Totgeburten und abgetriebene Kinder sind zu berücksichtigen. Alle müssen gemäß ihrer Rangfolge an ihrem Platz "geehrt und geachtet" werden. All das geschieht durch das therapeutische Rollenspiel: Der Klient wählt aus der anwesenden Gruppe willkürlich Leute aus, als Stellvertreter für sich selbst und für die als wichtig benannten Mitglieder seiner Familie. Dann schiebt er sie umher, "aus einem inneren Empfinden heraus", wie Hellinger betont, "ohne nachzudenken". Wenn er für alle einen Platz im Raum gefunden hat, wird der Klient zum Zuschauer. Der Therapeut erfragt die Gefühle der Stellvertreter in der jeweiligen Position, in der sie sich gerade befinden.

Genau hier pocht das geheimnisvolle Herz jeder Aufstellung. "Man kann beobachten", erklärt Hellinger im Interview, wie die Stellvertreter plötzlich fühlen wie die Personen, die sie vertreten." Was man beobachten kann, sind heftige Gefühlsregungen: Eine "Mutter" beginnt zu weinen, einem "Vater" wird "die linke Seite ganz kalt", die "Oma" ziehe "irgendwas da hinten zur Tür hinaus".

"Als ich zum ersten Mal für jemanden stand, der eigentlich schon tot war", berichtet einer, "da rutschten mir die Beine weg." Umgefallen sei er, von einer Sekunde zur anderen. Zum Glück hätten die anderen ihn gerade noch festhalten können. Auch die blonde Dame, die eben noch auf der Bühne unter Schreikrämpfen zusammengebrochen ist, beteuert: "Ich war nicht mehr ich selbst." Sie stand dort als Stellvertreterin für eine von Hellingers Klientinnen. Ihren plötzlichen tiefen Schmerz könne sie sich "wirklich nicht erklären". Aber Hellinger kann es: "Die sind also in Verbindung mit etwas Größerem", sagt er mit ernstem Blick. Wildfremde Menschen sollen auf einmal die Gefühle von Familienangehörigen eines anderen erleben, von Menschen, die sie nie gesehen, geschweige denn gekannt haben? Ist das möglich? Unglaublich, aber für jeden erfahrbar sei dieses seltsame Phänomen. Hellinger nennt es das "wissende Feld". Was steckt hinter diesem wissenden Feld? Er zuckt mit den Achseln. "Wenn ich so etwas leite, bin ich auch in Verbindung mit diesem Feld." Von dort bekomme er Informationen. Er richte sich nach der Wahrheit, die "ans Licht gekommen ist".

Wer an diesem Punkt aussteigt, verpasst den Weg zur Lösung, wie ihn Tausende von Hilfesuchenden bereits als heilsam erlebt haben wollen. Stellvertreter, die sich an ihrem Platz mies fühlen, werden vom Therapeuten umgestellt, so lange bis alle den "richtigen" Ort gefunden haben, der für sie "in Ordnung" ist, an dem es ihnen also "merklich besser" geht. In der Regel wird erst dann der Klient in die Aufstellung miteinbezogen. Hellinger bringt ihn nun vor allem mit jenen Stellvertretern in Kontakt, die der Therapeut innerhalb des Systems für "nicht geachtet" hält, lässt beide "heilende Sätze" sprechen, um den Ausgeklammerten zu "versöhnen". Das Rollenspiel dauert selten länger als 20 bis 30 Minuten. Am Ende steht das Lösungsbild, das erhoffte Happy End jeder Aufstellung: die "Befreiung aus der Verstrickung".

Das ganze öffentliche Brimborium um seine Person, die ausufernde Szene von Familienaufstellern, die sich auf ihn berufen – all das ist Bert Hellinger vollkommen egal. Zumindest scheint es so. "Jeder ist sein eigener Esel", sagt er lachend, "was soll ich mich darum kümmern?" Ist der Mann wirklich so bescheiden, oder tut er nur so? Jedenfalls lässt er sich nicht in die Karten schauen. Das permanente Lächeln fällt auf, das seine schmalen Lippen umspielt – mal schelmisch, mal überlegen. Immer wissend. So guckt einer, der gern wider den Stachel löckt. Hellinger genießt seine Image als Provokateur gegenüber der etablierten Psychotherapie. Mit seinem schmucklosen dunklen Jackett und dem grau karierten Hemd ohne Krawatte wirkt er auf den ersten Blick so aufregend wie ein pensionierter Finanzbeamter. Eitel ist er nur, wenn es um seine therapeutischen Einsichten geht.

Der große Meister diskutiert nicht, er teilt Erkenntnisse mit

Das persönliche Gespräch im Würzburger Tagungshotel ist mehr eine Audienz als ein Interview. Hellinger diskutiert seine Erkenntnisse nicht. Er gewährt die Gunst, sie mitzuteilen. Das Familienstellen, sagt Hellinger, sei "Wissen vom Leben. Darum fühle ich mich überhaupt nicht als ein Psychotherapeut." Sondern? Wieder dieses Lächeln: "Als einer, der dem Leben dient!"

Für solche Aphorismen wird er von vielen geliebt. Ob in Japan, Mexiko oder Würzburg – wo immer Hellinger auftritt, schart sich eine gläubige Fangemeinde um ihn; überall hängen sie an seinen Lippen. "Beim Familienstellen beginnt das Werk der Versöhnung in der einzelnen Seele", verkündet der Meister mit getragener Stimme, als schreite er zum Diktat, "wenn dort die Versöhnung gelingt, breitet sie sich auch auf größere Gruppen aus."

Bert Hellinger ist so etwas wie der Dalai Lama der Psychoszene. Ein philosophischer Lehrmeister, der mit buddhistischem Gleichmut formulieren kann: "Ich stimme der Welt zu, wie sie ist." Er ist die charismatische Symbolfigur einer Bewegung, die in einer hoch technisierten Kommerzwelt nach tiefer liegenden Geheimnissen der Seele sucht.

Hellingers Sprache klingt stets religiös. Das liegt auch an seinem Werdegang. 1925 in der späteren Boris-Becker-Stadt Leimen geboren, geht Anton Hellinger 1953 für die katholischen Marianhiller Missionare nach Südafrika. Als "Bruder Suitbert" arbeitet er abwechselnd als Gemeindepfarrer unter den Zulu und als Lehrer an einer Schule in der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal. Er studiert aufmerksam afrikanische Rituale und macht erste Erfahrungen mit gruppendynamischen Techniken. Im Gespräch mit einem Freund bekennt Hellinger Ende der neunziger Jahre: "Das Priestertum kommt sicher aus Verstrickungen und unbewussten Aufträgen aus meiner Herkunftsfamilie, die dort einen Sinn gemacht haben. Aber ich habe das mit Hingabe und letztem Einsatz gemacht." Eine der seltenen persönlichen Aussagen jenes Mannes, der in seinen Seminaren das Innerste seiner Klienten nach außen kehrt, von sich selbst aber äußerst wenig preisgibt.

Bekannt ist, dass Hellinger Anfang der siebziger Jahre seinen Orden verlässt, heiratet und sich fortan nur noch mit Psychotherapie beschäftigt. Im Gegensatz zu vielen seiner selbst ernannten Schüler ist Hellinger keiner, der nur eine neue Masche gesucht hat, um hilfesuchenden Zeitgenossen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Er glaubt an das, was er tut. Und er glaubt nur das, was er in den Aufstellungen sieht. "Phänomenologisch" nennt Hellinger, ein begeisterter Leser des Philosophen Heidegger, diesen Ansatz, den er im Laufe seiner therapeutischen Karriere entwickelt hat.

Die Methode des Aufstellens entdeckt er unter dem Namen "Familienskulptur" bei der US-amerikanischen Familientherapeutin Virginia Satir (1916 bis 1988). Doch während nach Satir Therapeut und Klient Lösungsmöglichkeiten im engen Dialog gemeinsam entwickeln, verwandelt sich bei Hellinger die Familienaufstellung in ein schicksalhaftes Orakel. Die Lösung für den Klienten zeigt sich ausschließlich dem Therapeuten – und zwar "blitzartig". Mit beängstigend gelassener Sicherheit tut Hellinger diese angeblich offenbarten Lösungen kund. Ob seine therapeutischen Interventionen als unerlaubte Heilbehandlung anzusehen sind, ist umstritten. Was Hellinger tut, gilt als "allgemeine Lebensberatung". Der Mann hat keine kassenärztliche Zulassung, aber das Psychotherapeutengesetz von 1999 sowie Paragraf 132a des Strafgesetzbuches verbieten nichtapprobierten Personen nur die Benutzung des Begriffes "Psychotherapeut". Diese wackelige Rechtslage lässt den gesamten Psychomarkt reichlich nebulös erscheinen. Fehlende Doktortitel ersetzt Hellinger durch ein gerüttelt Maß an Charisma. Doch das genügt nicht, um seinen Erfolg zu erklären.

Das Familienstellen ist als Therapieform für viele attraktiv, weil es dem Zeitgeist entspricht: kein stundenlanges Herumliegen mehr auf der abgewetzten Couch des Psychoanalytikers; kein endloses Gerede über Kindheitsprobleme, die man schließlich wieder ungelöst mit nach Hause nimmt; komplizierte Beziehungskonstellationen müssen nicht mehr umständlich erklärt werden, sie werden bildhaft im Raum dargestellt. Weil der Mensch dazu neigt, alle Beziehungen in räumlichen Metaphern zu beschreiben, ist das Rollenspiel mit Stellvertretern eine sofort einleuchtende Veranschaulichung des Problems. Ebenso einleuchtend ist die Berücksichtigung der familiären Beziehungen des Klienten – ein Grundansatz der systemischen Familientherapie. Doch deren Vertreter schreien laut auf, wenn man Hellingers Methode mit ihrer Arbeitsweise verwechselt. Von "wundersam offenbarten Lösungen" möchte Fritz B. Simon nichts wissen. Der Berliner Psychiater und systemische Familientherapeut hält "Wahrheit" für reine Ansichtssache, "weil es über jede Familie so viele Wahrheiten wie Familienmitglieder gibt". Weil jeder Beobachter eines familiären Systems die rein subjektive Antwort auf die Frage geben müsse: "Wo schaue ich hin?" Hellinger hingegen schaut dorthin, wo sich "heilende Kräfte" zeigen, meinen zumindest seine Anhänger.

"Mein jüngster Sohn litt an Neurodermitis", erzählt Jörg K. aus Köln. Zu Ärzten und Psychologen seien sie gerannt, vergeblich. Dann machten sie eine Familienaufstellung. "Kurz darauf war mein Sohn seine Hautkrankheit los." Und Ulrich G. berichtet: "Ich lebte getrennt von meiner Frau und meiner Tochter, dann stellte meine Tochter unsere Familie auf. Seitdem hat sich unser Verhältnis so gebessert, dass wir nun alle wieder zusammenleben." Von verschwundenen Depressionen bis zu wundersam kurierten Rückenschmerzen – Heilungserfahrungen dieser Art machen unter Betroffenen allerorts die Runde.

Doch inwiefern und ob überhaupt die Aufstellungen zu solchen Heilungen beigetragen haben, "das ist wissenschaftlich noch gar nicht untersucht und daher völlig ungeklärt", meint Fritz Simon. Seit Jahren beobachtet der Familientherapeut die Arbeit von Bert Hellinger und der stetig wachsenden Schar seiner Nachahmer mit kritischem Interesse. Er kennt die vielen Lehrvideos und Bücher, in denen Hellingers Anhänger so ziemlich jede Aufstellung des Meisters akribisch dokumentiert haben. Auf eine Überprüfung der Ergebnisse und Langzeitfolgen wartet die Fachwelt bis heute vergeblich. "Es werden auch Menschen dadurch geheilt, dass sie ein wichtiges Gespräch an der Straßenbahnhaltestelle geführt haben", gibt Simon zu bedenken. Erzeugen die Aufstellungen nur einen gruppendynamischen Placebo-Effekt nach dem Motto: Wenn man es glaubt, ist es noch schöner?

Mit Zweifeln solcher Art erntet man Kopfschütteln unter den "Hellingerianern". Alle Versuche, die Methode zu verwissenschaftlichen, nähmen ihr die Kraft, meinen Hellingers Anhänger. Empirische Wissenschaft könne das Geheimnis wissender Felder ohnehin nicht erfassen.

Doch muss einer, der Menschen therapeutisch beeinflusst, sich nicht auch kritisch mit den Folgen seines Tuns auseinander setzen? Handelt nicht verantwortungslos, wer nur angebliche Erfolge dokumentiert, ohne die Risiken und schädlichen Nebenwirkungen zu analysieren?

Hellinger selbst lassen die Vorbehalte seiner Kritiker kalt. Er folgt lieber seiner therapeutischen Intuition. Familien-Stellen mit Kranken lautet der Titel eines seiner Bücher, in dem folgende Aufstellung dokumentiert ist: Im Vorgespräch erwähnt eine wiederverheiratete Klientin, dass ihr erster Mann lediglich eine "unerfreuliche Episode" gewesen sei. "Denkst du", erwidert Hellinger, "das werden wir sehen…" In der Aufstellung konfrontiert der Therapeut sie dann vor allem mit dem Stellvertreter ihres Exmannes, den die Klientin weit nach außen gestellt hat. Wie geht’s dem vergessenen Gatten da? "Jetzt hab ich gerade so ein Gefühl gehabt wie: ,So leicht mache ich es dir aber nicht!‘", sagt der Stellvertreter. Ein wissendes Nicken von Hellinger: "Genau!" Dann wendet er sich an die Frau: "Dem Mann ist Unrecht getan von dir. Das wird sich bitter an dir rächen. Das rächt sich schon an dir. Auf so was steht manchmal die Todesstrafe, so mit Männern umzugehen. Wenn eine Frau so mit Männern umgeht, bekommt sie zum Beispiel häufig Brustkrebs." Die Klientin gibt zu, mit 30 Krebs gehabt zu haben, "Gebärmutterkrebs". Doch sie möchte klarstellen: "Nicht ich bin mit ihm umgesprungen, sondern er war Spieler und hat mich jeden Tag betrogen. Und da musste ich gehen…" Hellinger: "Okay, der Körper weiß es anders." Und schon steuert der Therapeut auf die "Lösung" zu. Er fordert die Frau auf, sich vor ihrem Exmann zu verneigen. "Sag ihm: ,Es tut mir leid!‘ Sag ihm: ,Ich war ungerecht!‘" Sie verneigt sich vor seinem Stellvertreter, bittet um Verzeihung, demütigt sich im Rollenspiel vor dem Mann, der ihr Übles angetan hat. Danach fühlen sich alle Aufstellungsteilnehmer irgendwie "total versöhnt". Und Hellinger wendet sich dem Publikum zu: "Ist das nicht schön zu sehen, was kommt, wenn die Ausgeklammerten gewürdigt werden?"

Wenn man Hellinger vorwirft, dass solche Interventionen brutal und entwürdigend seien, entschlüpft er durch immer dieselbe Hintertür: "Es ist ja gar nicht meine Sicht." Die Wirklichkeit "kommt ja durch die Aufstellung ans Licht".

"In der Aufstellung zeigt sich die Aufstellung", sagt Fritz B. Simon. "Alles andere ist die Deutung, die Hellinger konstruiert und sagt: ,Aha! Da isses!‘" An "wissende Felder" möchte der Berliner Psychiater nicht recht glauben, "selbst wenn ich diese Erfahrungen der Beteiligten ernst nehme". Heftige Erlebnisse in gruppendynamischen Prozessen und Rollenspielen sind in der systemischen Familientherapie schon lange bekannt. Simon kritisiert, dass in der "Hellinger-Szene" nicht getrennt werde zwischen dem Phänomen der intensiven Erfahrungen und den daraus folgenden Erklärungen des Aufstellers.

Dass Stellvertreter tatsächlich die Gefühle der Menschen empfinden, die sie vertreten, ist bislang nicht mehr als ein Glaubenssatz. Aufsteller halten ihn natürlich für überzeugend belegt, weil sie mit Vorliebe gerade jene Beispiele anführen, in denen Klienten diese Gefühle bestätigen konnten: "Genau wie mein Opa…" Gegenbeispiele werden hingegen ausgeblendet. Die Bestätigungen der Klienten sind selten überprüfbar.

Die kognitive Psychologie hat gezeigt, dass sich Menschen unter suggestiver Befragung häufig an Dinge erinnern, die sie tatsächlich nie erlebt haben. False memory syndrome nennt man dieses Phänomen. Wer so intensive, irritierende Emotionen erlebt wie die Klienten bei einer Aufstellung, der sehnt sich nach klärenden Interpretationen. Je einfacher, desto besser. Ein Bedürfnis, das Hellinger zu befriedigen wisse, meint Simon. "Er gibt ganz klare Botschaften darüber, was gut und böse ist, wie eine Beziehung auszusehen hat, wie Männer und Frauen zueinander stehen sollten, wie man mit Kindern umgehen sollte, welche Strukturen in einer Familie gut sind und welche nicht gut sind."

Mindestens 2000 Therapeuten eifern Bert Hellinger nach

In einer individualisierten Gesellschaft, in der die Oma im Pflegeheim abgegeben wird, Eheleute sich als Lebensabschnittspartner verstehen und Scheidungskinder nichts Ungewöhnliches mehr sind, trifft Hellingers Rede von der verletzten "Familienseele" einen wunden Punkt. Weil sie zu Recht daran erinnert, dass eben doch nicht jeder allein und in freier Entscheidung seines Glückes Schmied ist, sondern Teil eines komplizierten Systems von Beziehungen und Abhängigkeiten. In dieser Situation, sagt Simon, habe Wahrheit wieder einen Markt. "Wer zu Hellinger geht, braucht sich nicht mehr nachts im Bett herumzuwälzen: ,Mach ich es so oder so?‘ Er bekommt ja klar gesagt, was er zu tun hat!"

Wahrhaft verführerisch ist die verblüffende Einfachheit der Methode. Man ist versucht zu denken: Das kann jeder. Entsprechend boomt der graue Markt der selbst ernannten "Familienaufsteller nach Hellinger". Mindestens 2000 dieser Therapeuten bieten in Deutschland ihre Dienste an. Darunter finden sich gelernte Grafikdesigner und Astrologen, "praktische Philosophen" und Esoteriker aller Art. Viele von ihnen haben keinerlei qualifizierte psychotherapeutische Ausbildung, stattdessen inspirierende Erlebnisse mit den Lehrvideos und Seminaren von Bert Hellinger.

Die Begegnung mit Aufstellungen nach Hellinger "hat mir den Durchbruch verschafft", bekennt etwa Andreas Diekmann. "Meine Depressionen haben sich seitdem völlig gelöst. Ich fühle eine starke, innere Kraft und fühle mich berufen, diese Arbeit weiterzuführen." In den vergangenen 18 Jahren sei er überwiegend mit innerer Arbeit an sich selbst beschäftigt gewesen. "Hata-Yoga, Vipassana-Praxis, Lichtarbeit." Nun ist der 38-Jährige bei einem anderen Aufsteller in der "Ausbildung" und bietet selbst bereits Wochenendseminare im Familienstellen an. Zum Schnupperpreis. Diekmanns Veranstaltungen in einer angemieteten "Praxis für Reinkarnationstherapie" sind gut besucht. Es duftet nach erlesenen Kräutern und Räucherstäbchen. Zur Einstimmung gibt es eine Meditation: "Hinter dir spürst du deine Verwandten, wie sie dir den Rücken stärken…"

Diekmann ist ein gelehriger Schüler. In seinen Aufstellungen kommentiert er die Gefühlsäußerungen der Stellvertreter schon mit dem gleichen wissenden Lächeln und Nicken wie der Meister persönlich. Manchmal kommen sehr tief liegende Verletzungen zum Vorschein, etwa dann, wenn Frauen über sexuelle Missbrauchserfahrungen berichten. Die behandle er wie alles andere auch, sagt Diekmann. In der Aufstellung versöhne er die Klientin mit dem Vater. Aber auch mit der Mutter, die ja vielleicht "in der Beziehung zu ihrem Mann nicht mehr aktiv war" und damit den Missbrauch begünstigt habe. "Heilende Sätze" für solche Fälle finden sich in den Büchern und Lehrvideos von Bert Hellinger. Eine mögliche Lösung für das missbrauchte Kind ist nach Hellinger zum Beispiel, "dass das Kind zur Mutter sagt: ,Mama, für dich tue ich es gern‘, und zum Vater: ,Papa, für die Mama tu ich es gern‘. Oder auch: ,Papa, ich hab es gern für dich gemacht.‘"

Ob er den Klienten schaden könne? Grundsätzlich nein", beteuert Diekmann. "Wir können nur ans Licht bringen, was vorher im Unbewussten lag." Er sagt: "Wir machen sozusagen nur das Licht an." Mit seinem so erleuchteten Familienschicksal werde die Seele des Klienten von ganz allein fertig.

"Und mit solchen traumatischen Erfahrungen werden die Patienten nach der Aufstellung allein gelassen." Jacqueline von Manteuffel ist sauer. Immer wieder hat die Stuttgarter Diplompsychologin mit Patientinnen zu tun, "die nach so einem Wochenendseminar völlig durch den Wind waren". Aufsteller nach Hellinger gingen "einmal mit dem Quirl durch die Soße", und wenn die Patienten am Ende seelisch zerstört seien, müssten sich ausgebildetete Psychologen um Hellingers ehemalige Klienten kümmern. Warum eigentlich, fragt sich die Psychologin, soll die Krankenkasse die aufwändige Nachbehandlung zahlen müssen und nicht Bert Hellinger? Sexuelle Missbrauchserfahrungen in 30-minütigen Familienaufstellungen kurieren zu wollen ist in Manteuffels Augen eine Zumutung. "Da bekomm ich eine Gänsehaut!" Eine therapeutische Intervention dieser Art bedeute eine zweite Übergriffserfahrung für die Klientin – mit teilweise verheerenden Folgen.

Der Würzburger Kongressveranstalter Albrecht Mahr betreibt inzwischen ein eigenes "Institut für Systemaufstellungen". Diese Arbeit erfordert gründliches therapeutisches Fachwissen, meint er. Man lasse ja auch keinen Medizinstudenten am offenen Herzen operieren. Zu oft werde Hellingers Methode in Wochenendseminaren verramscht. "Diese Leute richten viel Schaden an." Mahr hält die Zeit für gekommen, dass die noch junge Bewegung der Familienaufsteller strengere Qualitätsstandards entwickelt. Darum bemüht sich nach eigenem Bekunden auch die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Systemische Lösungen nach Bert Hellinger e. V. (IAG), die eine Liste "seriöser Familiensteller" führt – angeblich mit strengen Aufnahmekriterien. Die Namen von circa 200 Diplompsychologen, Fachärzten und Familientherapeuten finden sich derzeit auf der Liste. Patienten sollen auf die intensive Erfahrung der Aufstellung sorgfältig vorbereitet und auch hinterher therapeutisch weiter begleitet werden.

Viele von Hellingers angeblich "seriösen" Nachahmern haben den Anspruch, als "Wissenschaftler" anerkannt zu werden. Hellinger selbst ist das egal. Manche Krankheiten, erzählt er mit leiser Stimme im Vier-Augen-Gespräch, seien die Wirkung eines zerstörerischen Fluches; schlimme Sachen könne man da beobachten. Um das zu illustrieren, tut er, was er am liebsten tut, ein Beispiel erzählen: "Ich hab in Mexiko so eine Aufstellung gemacht, über eine schwere Darmerkrankung." Die Krankheit sei über drei Generationen hinweg nach gleichem Muster verlaufen. Der Urgroßvater sei in der Revolution umgekommen. Hellinger flüstert fast, redet mit einem verschwörerischen Unterton weiter: "Während er da im Kampf war, hat sein Bruder mit dessen Frau ein Kind gezeugt." Kein Mensch habe davon gewusst. "Das kam bei der Aufstellung heraus." Und nun war dieser Tote "richtig böse". Doch sein Fluch habe nicht den treulosen Bruder getroffen, sondern dessen Nachkommen. "Erst als sich alle vor ihm niedergekniet haben, einschließlich der Urenkelin, da wurde sein Stellvertreter auf einmal weich, hat sich auf den Boden gelegt und die Augen zugemacht. Der Fluch war weg."

Das Phänomen psychisch vererbter Krankheiten, die rätselhaft scheinende Weitergabe von Suizidanfälligkeiten oder Suchtgefährdungen an spätere Nachkommen ist in der klinischen Psychologie seit langem bekannt, aber keineswegs eindeutig geklärt. Die Fragwürdigkeit von Hellingers therapeutischem Ansatz besteht jedoch gerade darin, dass er meint, in den Aufstellungen die Wurzeln solcher "Verstrickungen" eindeutig erkennen zu können. Aber seine Behauptung, all dies beim Familienstellen unvoreingenommen und jedes Mal neu zu "sehen", widerlegt er in seiner eigenen Praxis. Wer einige seiner Aufstellungen miterlebt hat, weiß in der Regel schon vorher, was am Ende dabei herauskommen wird. Der Mann findet ständig die Ostereier, die er selbst versteckt hat.

"Die wesentlichen Aufstellungen gehen immer um Leben und Tod"

"Niemand kann seinem Schicksal entgehen!" Wie in Zeitlupe lässt Hellinger jedes seiner Worte auf das ergriffene Publikum in Würzburg niedersinken. "Und Schicksal ist bestimmt durch unsere Herkunft. Wir müssen uns ihm stellen und es anschauen!" Bald darauf sitzt der Therapeut mit einer weiteren Klientin auf der Bühne. Sie sei depressiv, erzählt die junge Frau. "Was ist passiert in der Familie?" – "Mein Papa ist Palästinenser. Als ich ein Jahr alt war, sind wir nach Deutschland gezogen." Mehr will Hellinger nicht wissen.

In der Aufstellung steht die Klientin ihrem "Vater" gegenüber. In gemessenem Abstand, drei Meter entfernt. Hellinger stellt zwei weitere Männer dazu, Stellvertreter für ihre Heimat Palästina. Regungslos starrt die junge Frau in Richtung des "Vaters". Minutenlang. Dann spricht der Therapeut sie an. "Sag deinem Vater: ,Ich geh zurück!‘" Hellinger will die junge Frau zurück nach Palästina schicken, in die "schicksalsbestimmte Heimat", die sie als einjähriges Kind verließ. Mühsam bringt die Patientin die Worte über die Lippen: "Ich geh zurück!" Dann steht sie weiter wie angewurzelt da, bis Hellinger sie ermuntert: "Geh!" Sie sieht den Therapeuten fragend an. "Zurück!" Keine Reaktion, nichts. "Also, sie schafft das nicht!", verkündet Hellinger dem Publikum. "Depression und Manie sind einfacher. Aber das Leben ist dort", in Palästina. Lächelnd wendet er sich an die Klientin: "Ich will dir was sagen, ja? Ob du dort stirbst oder dich hier umbringst, ist kein großer Unterschied." Damit ist die Frau entlassen.

"Manche Therapeuten fürchten sich zu sagen, was sie sehen", verrät er später unter vier Augen. "Weil sie feige sind." In einem seiner Bücher erklärt der Meister wörtlich: "Wenn ich mit jemandem arbeite, schaue ich, ob er noch einen Weg vor sich hat oder nicht. Manchmal kann man ganz klar sehen: Der Weg ist schon zu Ende. Mit dem arbeite ich dann nicht mehr im Sinne einer Lösung. Ihn bereite ich auf das Ende vor. Ich tue nicht so, als hätte er noch was Großes vor sich."

Hellingers Allmachtsfantasien gehen selbst vielen seiner Schüler zu weit. Inzwischen ist die Szene gespalten. Während die einen den Lehrer unverdrossen gegen jegliche Kritik verteidigen, wollen andere das Familienstellen im "wissenden Feld" vor seinem Erfinder schützen. "Die wesentlichen Aufstellungen", sagt Bert Hellinger, "gehen immer um Leben und Tod." Wie im Oktober 1997 bei einer Großveranstaltung in Leipzig.

Ein getrennt lebendes Paar möchte klären, bei wem von ihnen die vier Kinder besser aufgehoben sind. Der Mann stellt auf, seine Frau ist mit auf der Bühne. Hellinger schaut sich die Aufstellung an und deutet auf den Mann: "Dort sitzt die Liebe", und zur Frau gewandt: "Und hier sitzt das kalte Herz!" Zum Publikum sagt er: "Die Kinder sind bei der Frau nicht sicher. Sie gehören zum Mann." Und dann: "Die Frau geht. Die kann keiner mehr aufhalten. Das kann auch Sterben bedeuten." Wortlos verlässt die Klientin den Saal. Für die Zeit nach dem Seminar hatte die junge Ärztin bereits einen Umzug geplant und sich für medizinische Weiterbildungskurse angemeldet. Einen Tag nach der Aufstellung mit Bert Hellinger nimmt sie sich das Leben. In ihrem Abschiedsbrief an die Familie schreibt sie: "Vielleicht gibt es Menschen, die so viel Schuld auf sich laden, dass sie kein Recht mehr haben zu leben. Und wenn es für die Kinder die Ordnung herstellt, will ich meinen Teil dazu tun, auch wenn es nicht das ist, was ich mir wünsche."

Sechs Jahre später sagt Bert Hellinger im Interview: "Ein Therapeut kann niemandem schaden." Lächelnd fügt er hinzu: "Außer, der andere will das haben."