familie Da sitzt das kalte Herz!Seite 8/8

In der Aufstellung steht die Klientin ihrem „Vater“ gegenüber. In gemessenem Abstand, drei Meter entfernt. Hellinger stellt zwei weitere Männer dazu, Stellvertreter für ihre Heimat Palästina. Regungslos starrt die junge Frau in Richtung des „Vaters“. Minutenlang. Dann spricht der Therapeut sie an. „Sag deinem Vater: ,Ich geh zurück!‘“ Hellinger will die junge Frau zurück nach Palästina schicken, in die „schicksalsbestimmte Heimat“, die sie als einjähriges Kind verließ. Mühsam bringt die Patientin die Worte über die Lippen: „Ich geh zurück!“ Dann steht sie weiter wie angewurzelt da, bis Hellinger sie ermuntert: „Geh!“ Sie sieht den Therapeuten fragend an. „Zurück!“ Keine Reaktion, nichts. „Also, sie schafft das nicht!“, verkündet Hellinger dem Publikum. „Depression und Manie sind einfacher. Aber das Leben ist dort“, in Palästina. Lächelnd wendet er sich an die Klientin: „Ich will dir was sagen, ja? Ob du dort stirbst oder dich hier umbringst, ist kein großer Unterschied.“ Damit ist die Frau entlassen.

„Manche Therapeuten fürchten sich zu sagen, was sie sehen“, verrät er später unter vier Augen. „Weil sie feige sind.“ In einem seiner Bücher erklärt der Meister wörtlich: „Wenn ich mit jemandem arbeite, schaue ich, ob er noch einen Weg vor sich hat oder nicht. Manchmal kann man ganz klar sehen: Der Weg ist schon zu Ende. Mit dem arbeite ich dann nicht mehr im Sinne einer Lösung. Ihn bereite ich auf das Ende vor. Ich tue nicht so, als hätte er noch was Großes vor sich.“

Hellingers Allmachtsfantasien gehen selbst vielen seiner Schüler zu weit. Inzwischen ist die Szene gespalten. Während die einen den Lehrer unverdrossen gegen jegliche Kritik verteidigen, wollen andere das Familienstellen im „wissenden Feld“ vor seinem Erfinder schützen. „Die wesentlichen Aufstellungen“, sagt Bert Hellinger, „gehen immer um Leben und Tod.“ Wie im Oktober 1997 bei einer Großveranstaltung in Leipzig.

Ein getrennt lebendes Paar möchte klären, bei wem von ihnen die vier Kinder besser aufgehoben sind. Der Mann stellt auf, seine Frau ist mit auf der Bühne. Hellinger schaut sich die Aufstellung an und deutet auf den Mann: „Dort sitzt die Liebe“, und zur Frau gewandt: „Und hier sitzt das kalte Herz!“ Zum Publikum sagt er: „Die Kinder sind bei der Frau nicht sicher. Sie gehören zum Mann.“ Und dann: „Die Frau geht. Die kann keiner mehr aufhalten. Das kann auch Sterben bedeuten.“ Wortlos verlässt die Klientin den Saal. Für die Zeit nach dem Seminar hatte die junge Ärztin bereits einen Umzug geplant und sich für medizinische Weiterbildungskurse angemeldet. Einen Tag nach der Aufstellung mit Bert Hellinger nimmt sie sich das Leben. In ihrem Abschiedsbrief an die Familie schreibt sie: „Vielleicht gibt es Menschen, die so viel Schuld auf sich laden, dass sie kein Recht mehr haben zu leben. Und wenn es für die Kinder die Ordnung herstellt, will ich meinen Teil dazu tun, auch wenn es nicht das ist, was ich mir wünsche.“

Sechs Jahre später sagt Bert Hellinger im Interview: „Ein Therapeut kann niemandem schaden.“ Lächelnd fügt er hinzu: „Außer, der andere will das haben.“

 
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