Film Die letzte Reise

Sorins Roadmovie „Historias Minimas“ sammelt Geschichten vom Wegesrand

Beige und blau. Dazwischen der Horizont und eine Straße, so lang und gerade wie ein überdimensionaler Stundenzeiger. In diesen Koordinaten zwischen Licht und Land ist Platz genug für ein metaphysisches Welttheater. Doch dem argentinischen Regisseur Carlos Sorin geht es nicht um Kosmologien oder um transzendentale Naturerfahrung, sondern um die selbstverständlichen Tiefen des Alltäglichen.

Sein jüngster Film Historias Minimas macht denn auch nicht viel Aufhebens um seine große Kulisse, sondern nutzt sie als Grundierung einer Hand voll Reisegeschichten. Da gibt es den knorrigen Alten Don Justo, der mehr als 50 Jahre eine kleine Gaststätte mit dem klangvollen Namen California betrieben hat. Inzwischen führen sein Sohn und dessen Frau die Geschäfte. Um ihren Bevormundungen und Gängeleien zu entfliehen, bricht der Alte zu seiner vielleicht letzten Reise auf und macht sich auf die Suche nach seinem verschwundenen Hund. Nach einem Verkehrsunfall hat er das totgeglaubte Tier zurückgelassen.

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Am Rande und außerhalb der Stromversorgung lebt die 20-jährige Maria. Um bei einem erbärmlichen TV-Quiz dabei zu sein, bricht sie am selben Tag mit ihrem Säugling auf in die Provinzhauptstadt San Julian. Den gleichen Weg nimmt auch der Handlungsreisende und selbst ernannte „Improvisationskünstler“ Roberto. Mit einer kunstvoll dekorierten Kindergeburtstagstorte auf dem Rücksitz fährt er los, um einer alleinerziehenden Witwe den Hof zu machen.

Historias Minimas ist ein Roadmovie, das das Nebensächliche und Ephemere vom Straßenrand einsammelt. Es findet seine Geschichten beim Blick aus dem Seitenfenster. Sie handeln von der Suche nach Glück oder Liebe oder von der Vorbereitung auf den eigenen Tod und entstehen aus Kleinigkeiten. Etwa verletzten, verschwundenen Tieren und so nutzlosen Dingen wie einem Handbuch zur Karriereplanung oder elektrischen Haushaltshilfen an Orten ohne Elektrizität. Dabei bewegt sich der Film selbst wie ein Vehikel über die Parallelen in den Lebenslinien seiner Helden.

Historias Minimas ist nach 13-jähriger Pause der dritte Film von Carlos Sorin. Und obwohl der 59-Jährige eigentlich neben Adolfo Aristarain, Fernando Solanas oder Eliseo Subiela zur alten Garde des argentinischen Kinos zählt, hat er doch mit der Aufbruchbewegung der jungen Regisseure seines Landes viel gemein – die dokumentarische Nähe, die Vorliebe für Laiendarsteller, die puristische Ästhetik und die Raffinesse, mit der er in seinen unspektakulären Geschichten ein ambivalentes Bild von der Lebensrealität im heutigen Argentinien zeichnet.

Hier, in den weit verstreuten Dörfern Südpatagoniens, versammelt sich zwar nicht der verarmte Mittelstand zu Protesten auf der Straße. Doch mit den Protagonisten aus drei Generationen lässt Sorin die argentinischen Epochen von der Militärdiktatur über die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs bis zum großen Zusammenbruch aufeinander treffen. Die verbeulten Werbeschilder in den leeren Geschäften und der Lärm der unzähligen TV-Soaps und Ramsch- Shows, den der Steppenwind durch die Straßen, trägt unterfüttern Historias Minimas ganz nebenbei mit der Wirklichkeit eines bankrotten Landes. Mit dem magischen Realismus seiner Altersgenossen hingegen hat Sorin wenig zu schaffen. Seine Verwandlungen und Metamorphosen ergeben sich zufällig und aus dem Wunschdenken seiner Helden. Aus der anfänglichen Fußballform von Robertos Kuchen wird mit viel Hingabe und Aufwand eine Schildkröte. Maria mutiert im Scheinwerferlicht für ein paar Minuten zum TV-Star. Und aus dem vermissten Vierbeiner ist am Ende gar ein anderer Hund geworden, den wohl nur Don Justo für das Original hält. Um vom Kleinen ins Große zu kommen, braucht Sorin keinen Abstecher in mystische Parallelwelten. Es reicht der präzise Blick eines melancholischen Geschichtenerzählers.

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 21.08.2003 Nr.35
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  • Schlagworte Film | Reise | Kalifornien | Argentinien | Stromversorgung | Alte | Tier | Gaststätte
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