AusstellungDie Olympiade der Leichen

Der Tabubruch erreicht eine neue Qualität: Gunther von Hagens’ "Körperwelten" ziehen in ein Hamburger Erotik-Museum von 

Eigentlich ist hier, am Nobistor, 50 Meter hinter der Großen Freiheit, die Reeperbahn zu Ende. Möllers Lokal ("deutsche Küche") stillt den kleinen Hunger danach, einige Sexläden stehen leer oder wurden zweckentfremdet. Auf dem Gehsteig hat jemand einen Eimer weißer Farbe verschüttet. Zwischen dem Spielsalon "Volltreffer" und einem China-Club zwängt sich ein schlankes Gebäude in die Häuserzeile, unter einer Schmutzschicht sieht man noch die leicht vergammelte Eleganz der neunziger Jahre. Das Haus steht leer, sein Besitzer ist pleite, das alte Museumsschild hängt noch: "Erotic Art Museum".

Nichts weckt das Begehren der Hamburger Kulturpolitik mehr als die verlassenen Räume des ehemaligen Erotic Art Museums. Ende August soll hier, komme, was wolle, die Leichenschau Körperwelten gastieren, gleichsam im Naturzustand, so wie ihr Erfinder Gunther von Hagens sie erschaffen hat. Als das zuständige Bezirksamt Einwände wegen der möglichen Verletzung der Totenwürde vorbrachte, zog der Senat das Verfahren geräuschvoll an sich und erklärte die Leichenschau zur Chefsache.

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Man kann die Freie und Hansestadt Hamburg verstehen. Die Ausstellung von Leichen in verkehrsgünstiger Lage, im Auslauf der Reeperbahn, ist das vitale Hauptereignis der kulturellen Saison und der erste "Erfolg" von Dana Horáková, der Kultursenatorin. Glaubt man dem Leichenpräparator Gunther von Hagens, dann hat sie ihm das Blaue vom Himmel versprochen, die große Freiheit und den Platz an der Sonne. Endlich, so sagte er der Welt, dürfe er seine Leichen in Reih und Glied aufstellen, das ganze Set, darunter sein in München verbotenes und mit Goldfolie zwangsverhängtes Meisterwerk, den toten Reiter auf totem Hengst, für dessen Herrichtung 20 Mitarbeiter jahrelang schufteten.

Im Erotic Art Museum, sagt von Hagens, dürfe der Reiter nun "strippen". Auch die "anatomische Präsentation menschlicher Fortpflanzung" soll zu Aufklärungszwecken "verstärkt" ausgestellt werden, der erigierte Penis eines Toten, eine Klitoris und ein Fötus im Mutterleib. Dass er auch die Kopulation von Leichen und einen Jesus am Kreuz zeigen wolle, bestreitet von Hagens. So ein Projekt müsse "sehr genau durchdacht werden". Bevor es so weit ist, mag sich das Publikum mit dem "Gestaltplastinat-Puzzle" (1000 Teile mit Haut) die Zeit vertreiben. Vielleicht gibt’s im Museums-Shop auch, was in München verboten war: die Schlüsselanhänger "Fußscheibe" und "Lunge" sowie andere praktische Leichenteil-Imitate für den täglichen Bedarf.

Von Hagens nennt seine Leichenschau "Gesundheitsaufklärung", für die Kultursenatorin ist es ein "Event". Das ist die Lieblingsphrase der Hamburger Kulturpolitik unter dem Ersten Bürgermeister Ole von Beust. Wie alle populistisch entleerte Politik, ist sie gierig nach Sensation und Spektakel, und wer es nicht mit eigenen Augen erlebt, für den ist die Vulgarisierung, von der Hamburg unter der gerade zerbrechenden Koalition von CDU und Schill-Partei heimgesucht wurde, nur schwer zu begreifen. Eben noch hatte man den pornografisch interessierten Künstler Jeff Koons gebeten, auf der Reeperbahn zwei Baukräne aufzustellen, die sich wie phallische Zeichen über der Lustmeile in den Himmel recken – Hamburg grüßt den Rest der Welt.

Gleichwohl hält sich der öffentliche Unmut in Grenzen. Gegen Horákovás Leichen-Event im Erotic Art Museum protestierte lediglich eine Hand voll kirchliche Würdenträger. Das christlich-konservative Bürgertum, das Türen knallend nach Sitte und Anstand ruft, sobald im Theater nacktes Fleisch zu sehen ist, gibt sich bedeckt. Eine Boulevardzeitung, die politisch auf dem linken Flügel spielt, feiert die Totenshow als das "pralle Leben". Schließlich erwartet die Stadt eine halbe Million Besucher, und das wissen sogar die politischen Gegner.

Die Körpermaschinen leben nicht mehr, funktionieren aber noch

Gunther von Hagens hat viele Gegner, aber je mehr es werden, desto erfolgreicher sind seine Ausstellungen. Mannheim, Berlin, London, München, Hamburg und bald die ganze Welt. Je umstrittener, desto besser, und so kommt ihm jedes feindliche Bischofswort wie gerufen. Allerdings, selbst Kollegen, die sich von seiner Leichenschau angewidert abwenden, sind der Meinung, Gunther von Hagens habe der wissenschaftlichen Welt eine neue und wichtige Methode geschenkt, das Verfahren der Plastination. Dabei werden Gewebewasser und -fette mit großen Mengen Acetol ausgetrocknet und gegen Kunststoffe ausgetauscht. Als "Trockenpräparate" sind die Leichen nicht nur haltbar bis in alle Ewigkeit; sie eignen sich auch als formbare Biomasse. Der Anatom kann beliebig Hand anlegen und die Leichen richten und dehnen, falten und biegen, recken und strecken. Er kann Muskelstränge verlegen, Organe neu arrangieren und vieles mehr. "Körper sollen so flexibel sein wie Schnuller. Man müsste sie wie einen Schwamm zum Waschen benutzen können." Stolz zeigt von Hagens einen Schnellläufer mit flügelartig aufgeklappten Muskeln, daneben einen bebrillten Radfahrer, dem Knochen und Muskeln auf das Anderthalbfache ihrer "Originalgröße" gedehnt wurden. Ein Skelett hält eine Sanduhr in der Hand, es hätte auch eine Sense sein können, vielleicht auch ein Strick. Oder die eigene Leber. Niemanden würde es wundern, wenn von Hagens seinen Menschenpark eines Tages durch ein Musterkabinett von genetischen Neuzüchtungen ergänzt.

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