Berliner Funkausstellung, Ende August 1963: Die N. V. Philips Gloeilampenfabrieken aus den Niederlanden stellen ein neuartiges Kleintonbandgerät vor, den "Taschen Recorder". Kaum ziegelsteingroß, mit zwei Knöpfen zu steuern, batteriegetrieben und dank eines mitgelieferten Gurtes problemlos zu schultern. Ein Lautsprecher ist eingebaut, ein Mikrofon dabei, "das sprechende Notizbuch", "ideal für Vertreter und Reporter".

Doll. Aber die wirkliche Sensation ist das Band. Zwei winzige Spulen drehen sich nahezu unsichtbar zwischen fest verschraubten Halbschalen. Nur an der Seite gleitet die Folie an einer Öffnung vorbei – hier rasten die Tonköpfe und Antriebswellen ein. Kein mühsames Einfädeln mehr! Nie wieder Bandsalat! So wirbt der Hersteller.

Mono war das noch, und das höchste Hörgefühl erreichte 6000 Hertz, dafür rauschte es ganz schön. Der Erfinder Johannes Jezeph Martinus Schoenmakers und seine Chefs in den Eindhovener Glühlampenfabriken konnten zufrieden sein: Sie hatten der Menschheit den Kassettenrekorder geschenkt. Wenn auch kaum je Vertreter mit ihm loszogen – andere gab’s, die von ihrem Taschengeld oder zur Konfirmation 330 Deutsche Mark zusammenkratzten, um sich mit dem Mikrofon vors Radio zu setzen und die Geburtsschreie des Pop zu dokumentieren.

Die Tonqualität entsprach zunächst nur der eines Mittelwellensenders – technisch ausgereift und ausgereizt war die Kassette erst drei Jahrzehnte später. Mag die Musik noch so sehr einheizen, gute Chromkassetten halten heute verlustfrei stand bis 90 Grad, einer Temperatur, unter der sich konkurrierende Tonträger längst verzogen haben.

In diesen Tagen wird die Kassette 40 Jahre alt, richtig erwachsen eigentlich. Es gäbe Grund zu feiern, ist sie weltweit doch der erfolgreichste Tonträger überhaupt, die musikalische Versorgung ganzer Erdteile hängt an ihr. Aber was macht Philips? Gar nichts. Kassetten fabriziert der Konzern seit drei Jahren nicht mehr, Geräte nur noch, "weil der Markt es will", wie Andreas Parchmann von der Deutschlandzentrale in Hamburg es formuliert. Der japanische Hersteller Kenwood hat vergangenes Jahr alle Rekorder aus dem Angebot genommen. "Wir setzen jetzt mehr aufs Heimkino", sagt Jürgen Liesemann von der deutschen Niederlassung in Neu-Isenburg. Einst dominierten Kenwoods 1000-Mark-Decks die Oberklasse, jenes interessante Segment zwischen "schon sehr gut" und "noch zu bezahlen". Gebraucht gibt’s die Geräte immer noch und günstig wie nie – unter 100 Euro bei eBay.

Und Sony? 1979 brachte das Unternehmen mit dem Walkman die ganze Branche auf Trab. "Der Markt ist noch da", sagt Markus Nierhaus in Köln, "wenn auch kleiner." Auch der Bandproduzent Emtec, vormals BASF, davor IG Farben, Erfinder des Tonbands, hat sein Programm gestrafft: Ferro Extra, Chrom Extra, Chrom Super. Metall, einst die Topsorte, ist weg. Johannes Lerch in Ludwigshafen will keine Prognose wagen, wie es weitergeht. 24 Millionen in Deutschland verkauften Leerkassetten im Jahr 2002 standen 20-mal so viele CD-Rohlinge gegenüber – die Brennerei hat der Mitschneiderei den Rang abgelaufen.