Manchmal fühlt sich Konrad Beyreuther als Versager. "Das sind verlorene Tage, da bin ich meinen Job nicht wert", gesteht der baden-württembergische Staatssekretär. Er klingt dabei immer noch ziemlich fröhlich. Denn jeder Mensch hat Phasen, in denen der Groschen pfennigweise fällt. Derlei Schwankungen der intellektuellen Tagesform, meint der Alzheimer-Experte und Neuroforscher vom European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg, gehörten schließlich zur Individualität jedes Menschen.

Beyreuthers Einsicht in naturgegebene Unzulänglichkeiten der höheren Hirnfunktionen ist nicht nur unbekümmerter Heiterkeit geschuldet, sondern auch dem Unvermögen seiner Fachkollegen, solchen Malaisen wirksam entgegenzuwirken. Bei intellektueller Minderausstattung – angeboren oder erworben –, bei Lerndefiziten und Gedächtnisschwächen konnten Neurologen, Psychiater und Pädagogen bislang kaum auf pharmazeutische Schützenhilfe hoffen. "Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen" – böser Schulhof-Spott, aber wahr.

Auch die im kognitiven Totalausfall mündenden Altersgebrechen wie Alzheimer und sonstige Demenzerkrankungen können Medikamente bislang bestenfalls verzögern. Vom Aufhalten oder Heilen solcher Hirnleiden ist keine Rede. Bis jetzt.

Angesichts der rapide wachsenden Zahl demenzkranker Senioren haben die Pharmaunternehmen einen neuen Massenmarkt im Visier. Auf rund 13 Millionen dürfte das Heer der Alzheimer-Patienten allein in den Vereinigten Staaten bis 2050 anschwellen, ergaben aktuelle Hochrechnungen des US-Forschers Denis Evans.

Noch gelten die Forschungsprojekte dem Wohlergehen dieser und anderer Schwerkranken. Doch mit den neuartigen Hirnpillen rückt auch die Essenz des Menschlichen in Griffweite: neuro-enhancement, die pharmakologische Verstärkung und womöglich auch die biochemische Lenkung der Hirnfunktionen. Mit dem Griff zur Pille dürften demnächst Intelligenz und Gedächtnis, Lernfähigkeit und Gefühle auch bei Gesunden zur Disposition stehen. "Cognition enhancer sind eine Zeitbombe. Das Thema wird die gleiche Bedeutung bekommen wie die verbrauchende Embryonenforschung", prophezeit Hirnforscher Beyreuther.

Glaubt man den Prognosen der Biofirmen, so gehört die Zukunft nicht dem Gendaten-Business, sondern dem Geschäft mit revolutionären Hirnpillen. Während Ethiker und Forschungskritiker noch vor den Gefahren der Gentechnik warnen und vom Menschen nach Maß fabulieren, dreht die Pharmabranche an einer neuen Klasse von Psychopillen. Angesichts der vergreisenden Industrienationen haben nicht nur Pharmariesen wie GlaxoSmithKline, Johnson & Johnson oder Merck ehrgeizige Entwicklungsprogramme für hirnfördernde Pillen aufgelegt. Allein in den Vereinigten Staaten arbeitet ein halbes Dutzend junger Neuro-Companys wie NeuroLogic, Helicon oder Axonyx mit Hochdruck an neuartigen Gedächtnis- und Lernpillen. Dabei geht es keineswegs nur um schwere manifeste Erkrankungen. Auch die milde kognitive Störung, vulgo Altersvergesslichkeit, an der angeblich bis zu 60 Prozent der Hochbetagten leiden, wird nun zum Ziel der Pharmabranche. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, sich Telefonnummern zu merken, verlieren in unbekannten Stadtteilen die Orientierung und verlegen ständig Brille, Schlüssel und Gebetbuch. Oft mündet derlei Schusseligkeit später doch in die Alzheimer-Demenz, warnen Fachleute.

Für Pharmaexperten ist dies Grund genug, das Übel umsatzträchtig schon an der Wurzel zu packen. Erste Produkte haben die Labors bereits verlassen und werden an Patienten der Wirksamkeitsprüfung unterzogen: Memory Pharmaceuticals, eine erst 1998 in Montvale bei New York gegründete Pharmafirma, will dem Gedächtnisverlust mit einem so genannten PDE-4-Hemmer entgegenwirken. Der neue Wirkstoff blockt den Abbau eines Signalmoleküls (cAMP) durch das Enzym Phosphodiesterase (PDE). Zusammen mit dem Pharmagiganten Roche plant Memory-Manager Axel Unterbeck, noch in diesem Jahr Tests an Patienten zu starten.

Wissenschaftlicher Mentor des aufstrebenden Unternehmens ist der Nobelpreisträger Eric Kandel von der New Yorker Columbia University. Das Gedächtnis werde die erste kognitive Fähigkeit des Menschen sein, "die wir auf molekularer Ebene vollständig verstehen", prognostiziert der 73-jährige, einst vor den Nazis geflüchtete Wiener. In fünf Jahren werde die erste Gedächtnispille marktreif sein.

Dieses Ziel hat man auch bei der Konkurrenz fest im Blick. Im kalifornischen Irvine testen die Forscher der Neurofirma Cortex Pharmaceuticals so genannte Ampakine bereits an gedächtnisschwachen Senioren. Die Wirkstoffe sollen die Empfindlichkeit der Nervenzellen für den gedächtnisbildenden Signalstoff Glutamat erhöhen. Auch die Cortex-Manager haben hochrangigen Beistand: Ihr wissenschaftlicher Berater ist der schwedische Nobelpreisträger Arvid Carlsson.