S tar Search, Die deutsche Stimme 2003, Popstars – Das Duell, Superstar Junior, Deutschland sucht den Superstar, Fame Academy – die deutsche Fernsehunterhaltung liegt wahrlich im Castingfieber darnieder. Dabei sind die Talentshows, in denen Begabte und Unbegabte vorsingen, Witze reißen oder als Möchtegern-Models über den Laufsteg schreiten, nur ein Teil einer Massenbewegung – wenn auch der augenfälligste. Die Zuschauer halten Einzug in ihr Medium, und zwar auf anderen Wegen, als sich die Visionäre des Bürgerfernsehens und die Gründer der "Offenen Kanäle" zum Start des Privatfernsehens erhofft hatten. Hunderttausende sprechen beim Fernsehen vor, um eine Rolle in einer Gerichtsshow, einer Psychoberatung, einer Quizsendung oder Doku-Soap zu ergattern. Die genaue Zahl kennt niemand. Allein die Produktionsfirma Grundy Light Entertainment castet für diverse Unterhaltungsshows, darunter Das Quiz mit Jörg Pilawa, Superstars und Star Search nach eigenen Angaben über 100000 Bewerber jährlich.

"Die heutige Generation ist viel ungenierter als frühere", beobachtet der RTL-Chef Gerhard Zeiler, "es gibt eine Veränderung in der Beziehung des Einzelnen zur Privatheit." Der passiv vor der Mattscheibe sitzende Zuschauer stellt sich heute in seinem Guckkasten selbst zur Schau – und sieht seinesgleichen lustvoll beim selben Treiben zu. "Die Leute wollen die Veredelung ihres eigenen Lebens sehen", glaubt der Fernsehproduzent Nico Hofmann. Und kommt der Zuschauer nicht zum TV, geht das Fernsehen zum Zuschauer: So hilft ProSieben gescheiterten Heimwerkern aus der Bredouille, und Grundy Light Entertainment plant, überforderten Mitbürgern die Bude und das Leben gleich mit aufzuräumen.

"Fernsehen und Zuschauer bewegen sich immer weiter aufeinander zu", glaubt die Grundy-Light-Chefin Ute Biernat. Das Fernsehen werde vom Publikum zunehmend als "Forum zur Selbstinszenierung" genutzt, bestätigt auch Professor Lothar Mikos von der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Dabei gibt es den Wunsch des Publikums, sich und seinesgleichen wiederzuentdecken, schon lange. Wetten, dass …?, der Dinosaurier der Samstagabend-Unterhaltung, lebte davon, dass dort auch Hans und Franz mitmachen und Kunststückchen vorführten. Doch seit Big Brother vor gut drei Jahren erstmals Freiwillige zwecks Dauerbeobachtung durch die TV-Nation drei Monate lang kasernierte, scheint ein Damm gebrochen zu sein. Zu allen Tageszeiten und in den unterschiedlichsten Formaten wimmelt es im Fernsehen von Durchschnittsmenschen und Laiendarstellern, die vorgeben, "echte Menschen" zu sein.

Jene Zuschauer, die sich Anfang 2001 von den Reality-Shows abgewandt hatten, weil zu viel Big Brother und zu viele, zu schlecht gemachte Real-People-Shows wie Girlscamp (Sat.1) auf den Markt geworfen worden waren, sehen heute wieder hin. Selbst die noch Anfang des Jahres von der Unterhaltungsbranche für tot erklärte Containershow Big Brother ist in diesem Frühjahr erfolgreich wieder auferstanden.

Ausgelöst wurde diese zweite Blüte ausgerechnet von der ARD. Sie landete Ende vergangenen Jahres mit ihrem Schwarzwaldhaus 1902 einen Überraschungscoup. In der nach einem britischen Vorbild (1900 House) gewirkten living history- Sendung musste eine Familie einen Bauernhof unter den Bedingungen der vorletzten Jahrhundertwende – Leistenbruch und Blutvergiftung inklusive – bewirtschaften. Die Idee wird nächstes Jahr wiederbelebt: Für eine Vorabendserie in einem ostelbischen Gutshaus um 1900 kann man sich bei der ARD als Dienstmädchen oder Stallbursche bewerben. Das Erste macht darüber hinaus gerade sechs Untrainierte für den New-York-Marathon fit. Und das ZDF hat zwei Familien zwecks "Erlebnis-Doku" nach Sibirien geschickt.

Mit der Wiederkehr und Ausdifferenzierung des Echtmenschenfernsehens – vom Containertrash bis hin zur grimmepreisgekrönten Schwarzwald-Reality mit Schulfunkanstrich – scheint Deutschland den Anschluss an den internationalen Fernsehmarkt wiedergefunden zu haben. In den USA, wo das Genre ohne Unterbrechung populär war, laufen in diesem Sommer statt der sonst üblichen Wiederholungen lauter Real-People-Shows um die Wette.

Verschwunden war Reality TV allerdings in Deutschland nicht. So boomen seit Jahren auf fast allen Kanälen – von Arte bis RTL 2 – die so genannten Doku-Soaps. Vom Kinderkriegen bis zum Häuslebauen scheint inzwischen jedes alltägliche und weniger alltägliche Thema mehrfach abgehandelt zu werden. Als Wegbereiter dienten die nachmittäglichen Talkshows, in denen seit Jahren Fragen wie "Hilfe, mein Busen ist zu klein" erörtert werden. Ute Biernat von Grundy Light Entertainment ist überzeugt: "Die Talkshows haben viel zum heutigen Reality-Erfolg beigetragen. Dort haben die Zuschauer im Lauf der Jahre gelernt, Geschichten, die normale Leute erzählen, als Unterhaltung anzunehmen."

Tatsächlich scheint die Trennlinie zwischen fiktivem (also Geschichten erzählendem) und dokumentarischem (das heißt aus der Realität berichtendem) Fernsehen in Auflösung begriffen. So wurden die Nachmittagstalks weitgehend von Gerichtsshows und Beratungssendungen abgelöst. Die Richter sind echt, die Delinquenten sind in Wirklichkeit Laiendarsteller. Sie hoffen, dass zwar der Kegelklub, aber nicht ausgerechnet der Chef zuguckt, wenn sie den Vergewaltiger mimen. Der Echtmenschen-Appeal der Gerichtssendungen kam so gut an, dass Weiterentwicklungen dieser Schauprozesse den Sprung in den Vorabend geschafft haben. In Serien wie Lenßen & Partner (Sat.1) bearbeiten ein echter Anwalt und vier vom Sender angelernte Detektive erfundene Fälle. Gefilmt wird mit elektronischen Kameras im dokumentarisch wirkenden Billiglook. Alles soll aussehen, als ereigne es sich wirklich.