Reality-TV Die Billigen und die Willigen
Neue Fernsehsendungen fingieren die Wirklichkeit. Das Gefälschte ist vom Echten nicht mehr zu unterscheiden
S die deutsche Fernsehunterhaltung liegt wahrlich im Castingfieber darnieder. Dabei sind die Talentshows, in denen Begabte und Unbegabte vorsingen, Witze reißen oder als Möchtegern-Models über den Laufsteg schreiten, nur ein Teil einer Massenbewegung – wenn auch der augenfälligste. Die Zuschauer halten Einzug in ihr Medium, und zwar auf anderen Wegen, als sich die Visionäre des Bürgerfernsehens und die Gründer der „Offenen Kanäle“ zum Start des Privatfernsehens erhofft hatten. Hunderttausende sprechen beim Fernsehen vor, um eine Rolle in einer Gerichtsshow, einer Psychoberatung, einer Quizsendung oder Doku-Soap zu ergattern. Die genaue Zahl kennt niemand. Allein die Produktionsfirma Grundy Light Entertainment castet für diverse Unterhaltungsshows, darunter mit Jörg Pilawa, und nach eigenen Angaben über 100000 Bewerber jährlich.
„Die heutige Generation ist viel ungenierter als frühere“, beobachtet der RTL-Chef Gerhard Zeiler, „es gibt eine Veränderung in der Beziehung des Einzelnen zur Privatheit.“ Der passiv vor der Mattscheibe sitzende Zuschauer stellt sich heute in seinem Guckkasten selbst zur Schau – und sieht seinesgleichen lustvoll beim selben Treiben zu. „Die Leute wollen die Veredelung ihres eigenen Lebens sehen“, glaubt der Fernsehproduzent Nico Hofmann. Und kommt der Zuschauer nicht zum TV, geht das Fernsehen zum Zuschauer: So hilft ProSieben gescheiterten Heimwerkern aus der Bredouille, und Grundy Light Entertainment plant, überforderten Mitbürgern die Bude und das Leben gleich mit aufzuräumen.
„Fernsehen und Zuschauer bewegen sich immer weiter aufeinander zu“, glaubt die Grundy-Light-Chefin Ute Biernat. Das Fernsehen werde vom Publikum zunehmend als „Forum zur Selbstinszenierung“ genutzt, bestätigt auch Professor Lothar Mikos von der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Dabei gibt es den Wunsch des Publikums, sich und seinesgleichen wiederzuentdecken, schon lange. Wetten, dass …?, der Dinosaurier der Samstagabend-Unterhaltung, lebte davon, dass dort auch Hans und Franz mitmachen und Kunststückchen vorführten. Doch seit Big Brother vor gut drei Jahren erstmals Freiwillige zwecks Dauerbeobachtung durch die TV-Nation drei Monate lang kasernierte, scheint ein Damm gebrochen zu sein. Zu allen Tageszeiten und in den unterschiedlichsten Formaten wimmelt es im Fernsehen von Durchschnittsmenschen und Laiendarstellern, die vorgeben, „echte Menschen“ zu sein.
Jene Zuschauer, die sich Anfang 2001 von den Reality-Shows abgewandt hatten, weil zu viel Big Brother und zu viele, zu schlecht gemachte Real-People-Shows wie Girlscamp (Sat.1) auf den Markt geworfen worden waren, sehen heute wieder hin. Selbst die noch Anfang des Jahres von der Unterhaltungsbranche für tot erklärte Containershow Big Brother ist in diesem Frühjahr erfolgreich wieder auferstanden.
Ausgelöst wurde diese zweite Blüte ausgerechnet von der ARD. Sie landete Ende vergangenen Jahres mit ihrem Schwarzwaldhaus 1902 einen Überraschungscoup. In der nach einem britischen Vorbild (1900 House) gewirkten living history- Sendung musste eine Familie einen Bauernhof unter den Bedingungen der vorletzten Jahrhundertwende – Leistenbruch und Blutvergiftung inklusive – bewirtschaften. Die Idee wird nächstes Jahr wiederbelebt: Für eine Vorabendserie in einem ostelbischen Gutshaus um 1900 kann man sich bei der ARD als Dienstmädchen oder Stallbursche bewerben. Das Erste macht darüber hinaus gerade sechs Untrainierte für den New-York-Marathon fit. Und das ZDF hat zwei Familien zwecks „Erlebnis-Doku“ nach Sibirien geschickt.
Mit der Wiederkehr und Ausdifferenzierung des Echtmenschenfernsehens – vom Containertrash bis hin zur grimmepreisgekrönten Schwarzwald-Reality mit Schulfunkanstrich – scheint Deutschland den Anschluss an den internationalen Fernsehmarkt wiedergefunden zu haben. In den USA, wo das Genre ohne Unterbrechung populär war, laufen in diesem Sommer statt der sonst üblichen Wiederholungen lauter Real-People-Shows um die Wette.
Verschwunden war Reality TV allerdings in Deutschland nicht. So boomen seit Jahren auf fast allen Kanälen – von Arte bis RTL 2 – die so genannten Doku-Soaps. Vom Kinderkriegen bis zum Häuslebauen scheint inzwischen jedes alltägliche und weniger alltägliche Thema mehrfach abgehandelt zu werden. Als Wegbereiter dienten die nachmittäglichen Talkshows, in denen seit Jahren Fragen wie „Hilfe, mein Busen ist zu klein“ erörtert werden. Ute Biernat von Grundy Light Entertainment ist überzeugt: „Die Talkshows haben viel zum heutigen Reality-Erfolg beigetragen. Dort haben die Zuschauer im Lauf der Jahre gelernt, Geschichten, die normale Leute erzählen, als Unterhaltung anzunehmen.“
Tatsächlich scheint die Trennlinie zwischen fiktivem (also Geschichten erzählendem) und dokumentarischem (das heißt aus der Realität berichtendem) Fernsehen in Auflösung begriffen. So wurden die Nachmittagstalks weitgehend von Gerichtsshows und Beratungssendungen abgelöst. Die Richter sind echt, die Delinquenten sind in Wirklichkeit Laiendarsteller. Sie hoffen, dass zwar der Kegelklub, aber nicht ausgerechnet der Chef zuguckt, wenn sie den Vergewaltiger mimen. Der Echtmenschen-Appeal der Gerichtssendungen kam so gut an, dass Weiterentwicklungen dieser Schauprozesse den Sprung in den Vorabend geschafft haben. In Serien wie Lenßen & Partner (Sat.1) bearbeiten ein echter Anwalt und vier vom Sender angelernte Detektive erfundene Fälle. Gefilmt wird mit elektronischen Kameras im dokumentarisch wirkenden Billiglook. Alles soll aussehen, als ereigne es sich wirklich.
„Diese Real-Doku-Formate schließen eine Lücke zwischen Talkshows und Fictionserien“, sagt der Sat.1-Unterhaltungschef Matthias Alberti. Die Lücke, von deren Existenz vor kurzem noch niemand etwas ahnte, füllt er demnächst mit gleich vier solcher Pseudo-Dokus. Alberti: „Die Real-Dokus sind wie ein Gewächs, das sich jetzt durch den Asphalt drückt.“
RTL dagegen versucht Reality mit aufwändigeren Produktionen edler aussehen zu lassen, als die Sache in Wirklichkeit ist, und zeigt demnächst die in den USA quotenerprobte Kuppelshow The Bachelor. Im Herbst darf sich auch bei uns ein Traummann unter 25 Damen eine aussuchen. Im Frühjahr legt RTL dann mit dem internationalen Format I’m a Celebrity, Get Me Out of Here! nach. Per Telefonabstimmung soll der Zuschauer Prominente aus dem australischen Busch retten.
Mittlerweile gibt es ungezählte Varianten und Mischformen des Real-People-TV. Wir erleben „den Aufbruch der klassischen Formen und ein Feuerwerk der Mix-Ästhetik“, sagt Nico Hofmann. „Uns fehlt die Nomenklatur“, gibt Matthias Alberti angesichts des Durcheinanders neuer Formate und Begriffe zu. Der Begriff „Hybridformate“ versucht zu fassen, was kaum zu fassen ist. Zurzeit wird alles mit allem gekreuzt, Fiction mit Doku, Zuschauershow mit Krimi, Dating mit Soap – eine Portion Reality gehört jedoch fast immer dazu.
Was die Fernsehindustrie von der Echtmenschelei hat, ist offensichtlich: Billigeres und willigeres Sendematerial gibt es schlechterdings nicht. Selbst wenn die Sendungen aufwändig produziert werden, den Rohstoff Normalmensch gibt es massenhaft – und damit konkurrenzlos günstig. Und die moderne Videotechnik tut ihr Übriges. „Durch die DV-Technik sind Langzeitbeobachtungen finanzierbar geworden“, sagt der WDR-Unterhaltungschef Axel Beyer. Gelingt es einem Sender dann noch, die Frau und den Mann von der Straße per Talentshow zum Star zu stilisieren, bringen sie ihm nicht nur Werbemillionen, Telefon-Euro und Merchandising-Gelder ein. Man kann seine Geschöpfe auch noch hundertfach als Sendezeitfüller verwerten. So machen sich die Sender ihre Nachrichten, den Stoff für Specials, Boulevardshows und Beckmann-Talks kurzerhand selbst. Ein geschlossenes System. „We have a dream“ singen die von RTL geschaffenen „Superstars“ – die Senderchefs haben ihn sich verwirklicht.
Was das große Publikum am Echtmenschenfernsehen reizt, ist schwerer zu durchschauen. Sicher, mit „echten Menschen“, etwa der sympathisch-rundlichen Schwarzwaldhaus-Familie aus Berlin, kann sich der Durchschnittsmensch eher identifizieren als mit makellosen Blondinen, die in Spielshows Buchstaben umdrehen. Verständlich, dass es bei Castingshows vielen Spaß macht, den Traum vom Berühmtwerden mitzuträumen. Und so mancher feixt ganz gern, wenn sich seine Mitmenschen in maßloser Selbstüberschätzung lächerlich machen. Natürlich will bei den Doku-Soaps der Voyeur in uns nur allzu gern und immer wieder wissen, wie es bei den Hempels unterm Sofa aussieht. Doch all das erklärt den Erfolg der „echten Leute“ nicht vollständig. Ein großer Reiz dürfte im Oszillieren zwischen Realität und Fiktion liegen. Schon bei der als „Experiment“ vermarkteten Big Brother- Show lag der Kick in der vermeintlichen Authentizität, die der Zuschauer als Inszenierung zu entlarven lernte.
Das für die Zielgruppe offenbar kitzelige Spiel mit der Täuschung trieb zuletzt ProSieben auf die Spitze, als der Sender innerhalb der Talkshow Arabella die – vermeintliche Doku-Soap Die Abschlussklasse 2003 zeigte, ohne hinreichend deutlich zu machen, dass in Wahrheit eine Spielhandlung zu sehen war. Im Studio interviewte die Moderatorin Arabella Kiesbauer dann die Darsteller, als wären sie wirklich die Schüler gewesen, die sie in der Soap verkörpert hatten. Längst nicht jeder Zuschauer bekam mit, was da vor sich ging. „Es macht uns stolz, dass es uns gelungen ist, es so authentisch zu machen“, sagt der ProSieben-Unterhaltungschef Jobst Benthues.
„Echt und falsch zu unterscheiden ist nicht mehr wichtig“, glaubt auch die Produzentin Biernat. „Ob etwas real oder fiktiv ist, ist dem Zuschauer egal, Hauptsache, es ist spannend.“ Ganz nebenbei und noch weithin unbemerkt, kratzt das Unterhaltungsfernsehen auf diese Weise an den Fundamenten unseres Alltagsverständnisses von Realität. Einen „Prozess von insgesamt großer kultureller Bedeutung“ vermutet auch eine Studie des Grimme-Instituts in der gegenwärtigen „Tendenz zur Fiktionalisierung und Entrealisierung“ des dokumentarischen Fernsehens. Zwischen Machern und Zuschauern werde im praktischen Fernsehalltag neu ausgehandelt, „was wir unter dokumentarisch und authentisch verstehen und künftig verstehen werden“.
Angesichts des Booms des Echtmenschenfernsehens wird selbst der WDR-Unterhaltungschef Beyer, einst Programmchef beim Big Brother- Produzenten Endemol, „ziemlich philosophisch“: „Je weniger menschlichen Kontakt wir haben, je weniger wir untereinander kommunizieren, desto mehr sehen wir uns Leute im Fernsehen an. Das ist Ersatzkommunikation.“
- Datum 21.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.08.2003 Nr.35
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