Rente Rente ist, wenn man trotzdem lebt
Die Rürup-Kommission, die Zumutungen des Kanzlers und die Vorteile des Kinderkriegens
Komma eins. Immer mal wieder blitzt in der sonst so vernünftelnden Endlosdebatte über die Rente der blanke Wahn auf. Nur noch 40,1 Prozent des Bruttolohns soll, so Renten-Rürup in seinem Kommissionsbericht, die Rente im Jahre 2030 betragen. Nun gut, könnte man sagen, 27 Jahre auf die Stelle hinterm Komma genau vorausberechnen zu wollen – das ist doch bloß der ganz normale Wissenschaftler-Irrsinn. Aber Franz Müntefering, der rot-grüne Reformmoderator, reagierte auf diese Zahl sogleich mit einem ziemlich großkalibrigen Nein. Das sei politisch nicht durchsetzbar, beschied der Fraktionschef mit bedrohlich rollendem R – was stark pragmatisch klingt, aber bei genauerem Hinsehen überhaupt keinen Sinn ergibt. Denn was Bert Rürup in seinem Bericht an die Bundesregierung so übergenau formuliert, ist gar keine politische Forderung, die man durchsetzen könnte oder nicht, sondern eine Vorhersage. Und zwar eine, für die zurzeit alles spricht – bis auf die Eins hinterm Komma.
Da haben wir auch schon den üblichen Grund für Wahn und Wirrnis in der Rentendebatte: Dass die Renten in den nächsten Jahrzehnten deutlich sinken werden, ist aufgrund der demografischen Entwicklung sowieso unausweichlich. Bis hierhin hat sich die Realität auch schon ihren Weg in die Köpfe gefräst. Darum wird heute nur noch darüber gestritten, wie genau die Zukunft des Weniger gestaltet werden soll. Und vor allem: ob die Rentner von heute mit dem Verzicht beginnen sollen oder erst die von morgen.
Dazu wiederum hat der Bundeskanzler, der den älteren Wählern früher immer nur ungern etwas zumuten wollte, nun letztinstanzlich (was bei ihm heißt: vorläufig) gesagt, es werde auf „etliche Zeit“ keine Rentenerhöhungen geben. Nun wissen wir nicht genau, wie lange „etlich“ dauert, und die Rentner wissen es auch nicht. Doch sie verstehen, was gemeint ist: Vorerst gibt es keine Erhöhungen, sondern wohl eher Senkungen. Und wenn diese Phase überstanden ist, dann gibt es nur noch Senkungen, aber nicht mehr wohl eher, sondern: ganz gewiss.
Das ist nicht schön, und daher barockisiert die Debatte unablässig, wird kompliziert und verfahren. Denn kein Politiker möchte allzu direkt für die Tatsachen haftbar gemacht werden. Lieber redet man etwas Unverständliches als etwas Unangenehmes. Zumal das Unangenehmste noch nicht einmal ansatzweise ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist: Wenn man einmal davon ausgeht, dass auch im Jahre 2030 noch die marktwirtschaftlichen Grundregeln von Angebot und Nachfrage gelten, dann helfen selbst all die jetzt empfohlenen privaten Vorsorgen den künftigen Rentnern nur bedingt. Denn dann werden viele Alte bei wenigen Jungen altenspezifische Waren und Dienstleistungen nachfragen – und die Preise werden entsprechend steigen. Die Pflege wird teurer, das Getränkehochtragen und die Urlaubsanimation, kurzum alles, was sich nicht rationalisieren oder importieren lässt, alle Dienste von Mensch zu Mensch. Man hat also künftig im Alter nicht nur weniger Geld, es wird auch weniger wert sein.
Jedenfalls dann, wenn alles genauso bleibt, wie es ist, wenn also die Gesellschaft immer mehr schrumpft. Das nimmt die Regierung mit einer scheinliberalen Attitüde als unabwendbar hin: Darüber, ob sie Kinder wollen, könnten die Einzelnen eben nur allein und privat entscheiden. Aber dieses Private ist politisch, nicht nur in den Auswirkungen, auch weil es beeinflussbar sein dürfte. Ob der Bevölkerungsrückgang wirklich unausweichlich ist, das wissen wir jedenfalls erst, wenn eine dauerhafte, kostspielige, leidenschaftliche Politik zur Förderung von Eltern und Kindern gescheitert ist. Die jedoch konnte bisher nicht scheitern – weil es sie nie gegeben hat.
Darin liegen das Rätsel und der Wahn deutscher Demografiepolitik: dass man mit unendlicher Indolenz und Impertinenz über die Rente streitet, aber für Familienpolitik offenbar nur einen Bruchteil dieser politischen Energie aufzubringen vermag. Ebenso wie für eine entsprechende Bildungs-, Einwanderungs- und Integrationspolitik. Wenn die Regierung ganz ehrlich wäre, dann könnte sie die Rentenkrise zu einer Wende nutzen, die selbst dann lohnend wäre, wenn sie die jungen Menschen nicht zum Kinderkriegen animieren würde. Eine neue, nicht bloß staubwürgende Demografiepolitik könnte am Ende auch das andere große Problem der Deutschen beheben helfen – die lahmende Wirtschaft. Nur tun die Politiker nicht, was sie könnten. Stattdessen: Komma eins.
Insofern haben die Regierungspolitiker die quälende Rentendebatte, die ihnen im Herbst erneut bevorsteht, verdient. Inklusive der programmierten Enttäuschung darüber, dass wieder nur eine halbherzige Reform herauskommt. Eine ganzherzige Reform wäre eben auch keine allein bei der Rente, sondern eine kleine Revolution der Familienpolitik.
- Datum 21.08.2003 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 21.08.2003 Nr.35
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