Rentenpolitik Staatsstreich der Senioren
Leichtfertig ist das Gerede der Politiker über Rentenkürzung. Es könnte zu einem Putsch der Alten führen. Sie kennen den Weg zur Macht
Den Alten gehört die Zukunft. Die Politiker, die derzeit darüber nachdenken, wie sie die Kosten des Seniorenüberhangs beschränken können, um der jüngeren Generation die Zukunftschancen zu erhalten, werden sich noch mit Erschrecken an die Leichtfertigkeit erinnern, mit denen sie die Kürzung von Renten, ganz allgemein der Sozialleistung im Alter erwogen haben. Ab 75, hat ein Experte vorgeschlagen, sollten keine Leistungen der Krankenkasse mehr erbracht werden; ab 85, meinte jüngst ein Nachwuchspolitiker, könnten künstliche Hüftlenke nicht mehr auf Kosten der Solidargemeinschaft gehen. Die Instandsetzung von Senioren, so muss man das wohl verstehen, lohnt sich bei steigender Reparaturanfälligkeit nicht mehr. Sollen die Alten doch selbst sehen, wo sie bleiben.
Die Inhumanität solcher Überlegungen liegt auf der Hand; aber sie trifft den Kern der kommenden Auseinandersetzungen nicht im Entferntesten. Denn die Alten werden durchaus sehen, wo sie bleiben. Ihre Mobilmachung wird nicht auf sich warten lassen. Alte, die in steter hypochondrischer Sorge um ihre Gesundheit leben, sind eine Plage; aber Alte, die sich um ihre Gesundheit nicht mehr sorgen, sind die Des-perados von morgen. Alte, die nichts zu verlieren haben, könnten den Enkel, den sie heute noch liebend hüten, schon morgen auf dem Balkon vergessen. Wovor sollten sie sich fürchten? Vor Gefängnis oder Vorwürfen der Familie? Im Knast gibt es wenigstens einen Arzt und warme Mahlzeiten.
Alte, die mit erschreckender Langlebigkeit auf ihrem Geld sitzen, sind eine Heimsuchung für ungeduldige Erben, aber Alte, die nichts mehr zu beißen haben, könnten gefährlicher als Schäferhunde werden. Was sollte sie hindern, in Supermärkten massenhaft dem Mundraub nachzugehen? Alte, die nichts zu verlieren haben, können sich zusammenrotten und marodierend durch die Städte ziehen; was ihnen an Körperkraft fehlt, werden sie durch Zahl wettmachen.
Alte, die nichts zu verlieren haben, sind eine Gefahr, die bei weitem übertrifft, was wir von Jugendlichen ohne Zukunftsperspektive zu erwarten gewohnt sind. Wir stellen uns das Alter gern harmlos und mitleiderregend vor; dabei muss es nicht bleiben. Was, wenn der Hausmeister an seine alte Arbeitsstelle zurückkehrt, die er seinerzeit nicht ohne Nachschlüssel verlassen hat, und im Keller eines Wohnblocks die Gasleitung ansägt? Was, wenn der Bankdirektor mit einer letzten Insiderinformation, die er als Fax aus dem Büro eines Obdachlosenasyls schickt, den Kurs seines früheren Unternehmens ins Bodenlose stürzen lässt?
Junta der pensionierten Generäle
Was, wenn die Alten sich durch keine Solidarität mehr an die Gesellschaft gebunden fühlen, die ihrerseits die Solidarität der Generationen gekündigt hat? Das Netzwerk von al-Qaida wird nicht mehr mühevoll die Jugendlichen aus den Spielhallen locken und zu einem Flugtraining in die USA schicken müssen. Es wird sich pensionierter Linienflugpiloten bedienen, deren Hass auf die Gesellschaft nicht erst in Koranschulen gezüchtet werden muss. Rüstige Altchen werden mit den letzten Litern Kerosin, die sich noch in den rostenden Tanks der Sportflugzeuge befinden, die sie in besseren Tagen besaßen, zum Kamikaze auf die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte fliegen.
Die Aktion Hornisse könnte an einem bleigrauen Novembermorgen den Berliner Hohenzollerndamm mühelos in ein Flammenmeer verwandeln. In den folgenden Unruhen würden Seniorenbanden durch die Stadtbezirke ziehen und plündern, was sich plündern lässt; nach drei Tagen, wenn sie sich satt geraubt haben, könnten sie mit Champagnerflaschen und Golfschlägern auf den Parkbänken sitzen und die Stiefmütterchen mit Chanel Nr. 5 gießen. Jeder, der sich ihnen entgegenzustellen wagte, würde mit Putter und Eisen traktiert; der Einsatzleiter der Polizei wäre noch während der Unruhen mit einem Golfball aus 200 Meter Entfernung ins Koma geschickt worden. „So rekrutiert man Nachwuchs“, würde Professor Müller, 74, sagen, der Sprecher der Vereinigten Rentner- und Seniorenräte, „wenn der gute Polizist im Krankenhaus merkt, dass seine Kasse die Behandlung nicht mehr zahlt, weil die Pensionierung bevorsteht, schließt er sich uns an und wird zum schärfsten Hund der Truppe.“
Straßenkampf und Plünderungen könnten aber nur der erste Schritt sein. Eines weiteren Tages wird ein kurzes Flimmern zur Hauptsendezeit über die Fernsehschirme gehen, dann erscheint statt des gewohnten Sprechers ein bärbeißiger Grauschopf, der den Krückstock auf den Nachrichtentisch knallt und die Übernahme des Senders bekannt gibt. „Hier spricht das Dritte Deutsche Lebensalter. Im Studio begrüßen wir Professor Müller im Gespräch mit dem Präsidenten des Bundearbeitsamtes. Der Präsident des Bundesarbeitsamtes ist Gefangener der Bewegung 11. November. Wir haben ihn aus dem Tresorraum der Bundesbank zugeschaltet.“
- Datum 21.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.08.2003 Nr.35
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