Lebensabendsonne Die Strandortfrage
Deutsche Rentner haben die südspanische Costa del Sol als Altersrefugium entdeckt. Doch ihre Regierung sähe es lieber, sie würden die Rente dort ausgeben, wo sie sie verdient haben
Das Los entscheidet, und heute will es, dass Bauer, Löbach, Finke und Boelen zusammen Skat spielen. Es sind nämlich nur 17 Leute da, einer zu wenig. Da müssen eben zwei Tische zu viert spielen. Denn nach Hause schicken will Boelen, der Präsident mit Safariweste, niemanden. Je mehr Spieler da sind und ihre vier Euro Startgeld zahlen, desto höher ist der Gewinn hinterher und desto höher sind auch die Strafgelder, 50 Cent für jedes verlorene Spiel. »Wenn wir mal eine neue Gasflasche brauchen oder so«, sagt Boelen. Der Verein sorgt vor.
Boelen und Löbach tragen Vereinskleidung: ein beigefarbenes Polohemd mit einem goldenen Krönchen auf der Brust, darunter eine spanischen Flagge. Auf dem Rücken steht von einem Schulterblatt zum nächsten: »Skatclub Costa del Sol«. Eddi, der deutsche Wirt vom Rib House, stellt kleine, kniehohe Plastikhocker neben die Spieler. Die sind eigentlich für den Strand gedacht, aber wer will schon an den Strand? Die meisten sind schon so lange in Spanien, dass das Meer seinen Reiz verloren hat. Aber die Hocker sind trotzdem nützlich hier zum Abstellen der Getränke, denn Finke klopft jedes Mal, wenn er eine Karte spielt, so laut mit den Knöcheln und dem goldenen Siegelring auf den Tisch, da würde es ja ständig zu Überschwemmungen kommen.
Die Spieler kommen aus Deutschland, wo die Gesamtschulden der öffentlichen Haushalte 1292 Milliarden Euro betragen; wo der Konsum zurückgeht und die gesetzlichen Krankenkassen sechs Milliarden Euro zu wenig haben. 23 Prozent der Deutschen sind Rentner, im Jahr 2050 wird jeder Dritte älter als 60 Jahre sein. Und während die Jungen immer höhere Sozialbeiträge zahlen, kehren immer mehr Ältere und Alte Deutschland den Rücken. Rentner, ermittelte das Statistische Bundesamt, besitzen 24 Prozent des Vermögens aller Deutschen. Ein Teil dieses Geldes bleibt für immer im Ausland, zum Beispiel hier in Torrox Costa an der Costa del Sol. Boelen kommt seit 23 Jahren nach Südspanien. In dem Land mit dem Haushaltsdefizit ist er nur noch ab und zu auf Urlaub.
Der Wohlstand, heißt es, habe die Jungen unpolitisch gemacht. Aber was haben 50 Jahre Wohlstand aus den heutigen Rentnern gemacht?
In Torrox sollen die meisten Deutschen auf einem Fleck außerhalb der Bundesrepublik wohnen. 6500 Zugereiste besitzen eine Immobilie, viele bleiben das ganze Jahr. Wer sie besucht, erfährt viel über Deutschland und die Deutschen. Es gibt die Sachen, ohne die kein Deutscher glücklich wird und die kein Spanier anrührt. Sauerkirschen aus dem Glas, Haribo und Crème fraîche. »Torrox, das ist die heimliche Hauptstadt Spaniens«, sagt Finke und nimmt sich seinen Stich. Heimliche Hauptstadt. Das klingt, als wolle er sagen: Hier sitzt das Geld. Bauer mit der Schiebermütze stopft seine Karten mit der rechten Hand in die linke und sagt: »Ich lebe seit 24 Jahren hier und kann kein Wort Spanisch.«
Auf der Suche nach einem schönen Leben sind Boelen und die anderen in Südspanien gelandet. In den siebziger Jahren, als das Wirtschaftswunder in Deutschland die Menschen mutig machte. Damals hatte Hoffmann, ein deutscher Bauunternehmer aus Bremen, in Torrox-Costa Apartmenthochhäuser wie Gebirgsausläufer vor den Strand gebaut. Finke hat damals hier gekauft, Boelen etwas weiter weg in Algorrobo. Der Gastwirt Boelen kam, wann immer es die Geschäfte zuließen, aus Euskirchen, der Gastwirt Finke aus Bremerhaven. In Spanien schien die Sonne, und in Deutschland ging es aufwärts. Boelen baute sich irgendwann ein Häuschen mit Garten, Finke kaufte eine größere Wohnung. Ihr Leben wurde jedes Jahr ein bisschen besser. Die Umstände waren eben so.
»Grand«, sagt Boelen, und Finke sagt: »Wenn es nach meiner Frau ginge, dann würden wir gar nicht mehr nach Deutschland fahren. Wir haben 33 Jahre gearbeitet, ohne Urlaub.« Finke hat alles verpachtet. Die Gaststätte, den Laden und den Kiosk in Bremerhaven. Boelen hat seine drei Gaststätten und die Disco verkauft. Das Geld geben sie jetzt in Spanien aus.
Mit Deutschland verbindet sie nur noch die Rente
- Datum 21.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.08.2003 Nr.35
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