Ein geschützter Raum; rechts die Couch, dahinter sein Lehnstuhl. Er wird geduldig zuhören. Auf die Worte, auf die Gefühle hinter den Worten achten. Bruchstücke sammeln, Angst wahrnehmen, Wut, Kälte, Leere, den Schmerz, die Gewalt, den Zusammenhang. Der Mann im Lehnstuhl wird das anbieten, was im Fachjargon „betroffene Teilnahme an der Beschädigung des anderen“ oder „ein mitempfindendes Spiegelbild“ heißt. Und helfen, nach der Wahrheit zu suchen, der jeweils ganz persönlichen; der oft ganz unerträglichen. Das ist sein Beruf; seit 1958 als Professor und Psychoanalytiker in New York, seit 1979 in der Privatpraxis in Zürich. Arno Gruen nennt das, was er tut: „hören und verstehen mit dem dritten Ohr“.

Wenn er die Praxisräume verlassen hat, abends und am Wochenende, wird aus dem Beruf die Berufung. Arno Gruen schreibt. An die zehn Bücher (einige mit Auflagen von über 160000) sind in den letzten 20 Jahren entstanden. Für seinen Essay über Das Fremde in uns wurde der Psychologe im Oktober 2001 mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet, weil er – wie Burkhard Hirsch in der Laudatio erklärte – der Frage nachgeht, „die uns alle bewegen muss: warum Menschen so schnell die offenbar dünne Schicht durchbrechen, die unsere Zivilisation und Kultur von Barbarei, Grausamkeit und Brutalität trennt“.

Der Horror ist der Gehorsam

Während Gruens Antworten auf die Frage, die so neu nicht ist, aber brennend aktuell bleibt, seine Leser und zahlreiche Rezensenten vom Aargauer Boten bis zum manager magazin so weit bewegte, dass sie über die Unerträglichkeit ungenügender Liebe nachdachten, über Selbstwert, der ersatzweise auf Macht und Besitz beruht, oder über charmante Psychopathen in Chefetagen, reagierten einige von Gruens Kollegen auffallend irritiert. Dessen Thesen und Ideen seien anachronistisch, unanalytisch und unterkomplex, hieß es im „Streitforum für Erwägungskultur“. Der Psychologe aus Zürich pathologisiere (als ob die das brauchte) die Weltgeschichte; kurz: Es bestehe kaum Anlass, sich seriös mit ihm auseinander zu setzen. Wirklich? Wer ist er denn, und was will er, der viel gelesene, so gescholtene „unanalytische“ Analytiker?

Wenn er tagsüber zuhört und abends zurückschaut auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, spürt Arno Gruen, dass die Last der „Geschichte ungeheurer Schmerzen“ – und deren Verleugnung – uns krank macht. Da er die individuellen und die politischen Folgen der Verleugnung kennt: „Wer mit dem eigenen Schmerz nicht umgehen kann, verliert sein Mitgefühl und wird den Schmerz weiter geben“, will er aufklären. Warnen vor einer gnadenlosen Gesellschaft von Konsumenten, Konkurrenten, Kriegern, die so gespenstisch der Selbstzerstörung entgegeneilt. Mit Emphase, mit Pathos und mitunter im biblischen Tonfall: „Weil das, was den Menschen zum Menschen macht, weil das Mitgefühl nicht zerstört werden darf.“

„Ich richte mich an jene, die noch hören wollen“, schreibt er im Vorwort seines Buches Verratene Liebe – Falsche Götter, das soeben neu erschienen ist. Wer lesen kann, soll lesen; hier und jetzt den Bericht über die Ausbildung der USMarines in der New York Review of Books: „Da geht was vor sich“, sagt Gruen, „in diesem Amerika, das ich kannte, das für mich einmal die Rettung war, wo ich mich geborgen fühlte unter den Menschen. Da werden jetzt junge Menschen zu Automaten gemacht, da werden Soldaten zu Killern trainiert, dass sie eine Lust haben am Töten.“

Der Psychologe hat dem Gast einen zweiten Sessel ins Behandlungszimmer gestellt. Der Horror, sagt er, sei der Gehorsam. Und ja, da seien sie nun wieder, diese Methoden der Erniedrigung, die gebraucht werden, um Menschen gehorsam zu machen. Und nicht nur in der Armee. Auch in der Erziehung von amerikanischen middle-class kids: „Nach außen heißt das Leistung, Recht und Ordnung, von innen sind sie voller Wut, voller Hass, voller Mord. Und schauen Sie sich Bush und Rumsfeld und Wolfowitz an … jüdisch sein allein schützt nicht vor Wahnsinn…“