Vor uns, auf der Couch, liegt ein dicker dunkelroter Band der Weltbühne, Jahrgang 1923. Das Jahr von Inflation und Hitler-Putsch. „Erst fallen die Devisen; dann fällest du zu diesen“, schrieb Ernst Mühsam. Im Mai vor 80 Jahren, als Arno Gruen in Berlin geboren wurde, kostete eine Zitrone 140 Mark, ein paar Wochen später das Pfund Margarine der billigsten Sorte 22000 Mark. Max Tann berichtete aus Rom über den „Dritten Akt des Fascismus“. Kurt Tucholsky trug sich als Ignaz Wrobel schon mal probeweise selbst zu Grabe und trauerredete: „Ja, er liebte dieses Land! Umgeben von Unterordnung und Ueberorganisation bewunderte er den reichen deutschen Sinn für die politische Realität…“ Sehr treffend, findet Arno Gruen. Zu Hause habe der Vater die Weltbühne gelesen und ebenfalls die deutsche Realität beobachtet. „Und sehen Sie, die haben es gewusst, mein Vater auch. Der Tucho, der Tann, der Mühsam, die haben es aufgeschrieben – und nun sagen Sie, was hat es genützt? Was, im Grunde, hat sich nun geändert?“

Wir lernen nichts aus der Geschichte, erklärt Gruen, weil wir falschen Göttern vertrauen. Die Götter wechseln. Die Versuchung, ihnen nachzulaufen, bleibt. Die Ursache dafür sieht er in der „Schädigung menschlicher Anlagen“ durch „verratene Liebe“: „Viele von uns haben als Kinder nicht genug einfühlsame Liebe erlebt oder zu viel besitzergreifende Liebe oder ‚Liebe für Leistung‘ und mussten sich dennoch mit den ‚mächtigen‘ Eltern identifizieren, um zu überleben.“ Folge: Eigene Gefühle werden aufgegeben. Die unbewusste Anpassung an das Erwartungsmuster der ersten Autoritäten, danach der eingeübte Gehorsam gegenüber weiteren Autoritäten führt zur Verachtung des eigenen Selbst, zur Projektion von Hass und Wut auf andere, zum nie endenden Bedarf an Feindbildern. Weitere Folge: Selbstlose Lebensmuster der Anpassung und Aggression blenden eigene Erkenntnis und mitfühlendes Interesse aus und perpetuieren den „Wahnsinn der Normalität“. „Wir wollen geliebt werden, von denen, die Macht haben.“

Dazu ein schlagendes Beispiel aus dem Jahre 1929: Arno sitzt in der ersten Klasse. Die Lehrerin, Fräulein Goldmann, findet die Kinder laut und unartig. Sie steht oben auf dem Podest, neben dem Pult; holt aus der Handtasche ihre Geldbörse und fragt: „Wer von euch will jetzt zum Seiler gehen und einen Rohrstock kaufen?“ – „Nun stellen Sie sich vor“, sagt Gruen, „29 Kinder streckten den Finger hoch und wollten freiwillig den Stock kaufen, mit dem sie anschließend geschlagen werden sollten. Nur ich saß da, meldete mich nicht und wunderte mich sehr.“ Und warum widerstand der Bub der Versuchung dieser unheimlichen Magistra vitae? Lag es an der Familie, war es die Religion? „Da will ich Ihnen gleich noch eine Geschichte erzählen“, sagt der Mann im Lehnstuhl. „Im Religionsunterricht wurde ich nach Hause geschickt, weil bei mir in der Rubrik Religion ,keine‘ stand. Also fragte ich meinen Vater, wieso. Der sagte, darüber sprechen wir heute Abend. Er führte dann ein ernsthaftes Gespräch mit mir. ,Mein Sohn‘, sagte er, ,wir sind Juden.‘ Und ich“, erzählt der 80 Jahre alte Arno Gruen heute, „ich sagte: ‚aber Vater, ich dachte, wir sind alle Menschen.‘“

Was wir einander antun

Als 1936 Hitlers Deutschland den „Triumph des Willens“ feierte, flüchtete die Familie Gruen über Polen, Dänemark in die USA. Der 13-Jährige nahm drei Bücher mit: ein Lexikon, einen Band mit Gedichten von Chaim Nachman Bialik und die Bibel. Und warum nun ausgerechnet die Bibel? „Eben nicht wegen der Religion“, sagt Arno Gruen, „wegen der Propheten – die hatten mir imponiert.“

Was ihn bewegte, auf der langen Reise von Berlin über New York nach Zürich, von 1936 bis 2003, sagt der 80Jährige, das waren die Worte der Propheten, „Geschichten von Menschen, die die Wahrheit erzählen. Dass die schon immer gegen das Unrecht kämpften, obwohl es nicht einfach war, dass sie verhöhnt, verfolgt, verjagt wurden und doch redeten, das war wichtig.“ Und so sagt er es noch einmal – mit dem Mut des Propheten: „Am Ende müssen wir sehen, was wir einander antun.“