Film Hutu, Butu oder Bantu?
Der amerikanische Kriegsfilm wagt sich über die Gaga-Grenze: Antoine Fuquas „Tränen der Sonne“
Eigentlich hatten wir uns an die mechanische Schlachtenroutine neuerer amerikanischer Kriegsfilme längst gewöhnt, waren unsere kritischen Reflexe einem inneren Abwinken gewichen. Halb resigniert, halb gelangweilt nahm man bei jeder weiteren Produktion zur Kenntnis, dass es sich wieder um einen dieser Filme handelte, in denen prachtvolle Jungs in unangenehme Situationen geraten, die von mehr oder weniger dunkelhäutigen Männern an Orten mit unaussprechlichen Namen verursacht werden. Hart gesottene amerikanische Vorgesetzte brüllen in ihre Helm-Mikrofone und entdecken am Ende ihre weichen Kerne. Die Tonspur donnert, meistens schreit am Ende jemand: Dann sorgen Kampfjets oder Helikopter für Ruhe. Hat sich der Rauch verzogen, gibt es zwar ein paar Amerikaner weniger, aber dafür eine Hand voll Helden mehr. Kaum zu glauben also, dass ausgerechnet dieses Genre, das sich dramaturgisch nur unwesentlich weiterbewegt hat, seit Rambo die letzten amerikanischen Kriegsgefangenen aus Vietnam befreite, nun ein Werk auskoppelt, das selbst die eher dickfellige amerikanische Filmkritik in Harnisch bringt.
Antoine Fuquas Tränen der Sonne ist eine Art Meta-Invasionsfilm. Das heißt, er ist von seiner weltpolizeilichen Botschaft derart durchdrungen, dass er auf jeden weiteren Sinn entspannt verzichten kann. Gleich zu Beginn hat es etwas ungemein Beruhigendes, wenn sich ein amerikanischer Flugzeugträger „irgendwo vor der afrikanischen Küste“ befindet, wie ein Insert verrät. Irgendwo im Höllendschungel von Nigeria soll Bruce Willis als Navy-Seal-Commander eine amerikanische Ärztin vor antichristlichen Bürgerkriegsmilizen retten. Da sich die aus Italien stammende, also recht aufbrausende Medizinerin weigert, ohne ihre Patienten aufzubrechen, muss der stoische Commander den gesamten Flüchtlingspulk mit seinen Männern durch den Urwald zur kamerunischen Grenze führen – gehetzt von Milizen, bedroht von Verrätern. Dass es in Nigeria in den letzten Jahren einen solchen Bürgerkrieg nicht gegeben hat, schien keinen der Drehbuchautoren weiter zu stören – eine beträchtliche Anzahl amerikanischer Rezensenten hielt es allerdings für abgeschmackt, einen fiktiven Konflikt ausgerechnet jetzt im Kino zu inszenieren, da das Land gerade in einem sehr realen stecke.
Mit Tränen der Sonne, übrigens der erste von Navy Seals handelnde Film, der von der US-Marine und dem Pentagon die volle logistische Unterstützung erhielt, ist der amerikanische Kriegsfilm in ein durchaus interessantes Stadium totaler Autosuggestion eingetreten. Er ist sich so sicher, dass US-Invasionen eine grundsätzlich humanitäre Angelegenheit sind, dass er es gar nicht mehr nötig hat, diese Botschaft auch nur ein klein wenig glaubwürdig zu motivieren. Unter den stoischen Blicken ihres Chefs mischen sich Willis’ brave Scharfschützen zwar in das eine oder andere Massaker ein, doch mehr als die Annahme, dass der schwarze Mob generell zu undemokratischen Auseinandersetzungen neige, wird hier eigentlich nicht vor Augen geführt. Als wüster Kriegsfilmpop heben sich einzelne Bilder aus dem Schlamassel ab: der glatt rasierte, mystisch im Halbschatten schwebende Schädel von Bruce Willis. Die pittoresk durchschwitzte Khaki-Kleidung von Monika Bellucci. Kulleräugige Afrikanerinnen, die Gott und den weißen Rettern danken, und brüllende Milizenführer, die alle ein bisschen wie Charles Taylor aussehen.
Die New York Times sieht angesichts dieses Films zwar einen neuen, rambohaften Revanchismus am Kino-Horizont heraufziehen und beschreibt Tränen der Sonne als eine Mischung aus Fantasy-Szenario und geopolitischer Wunscherfüllung, doch ist das konkrete Leinwandgeschehen eher unfreiwillig anarchischer Natur: Da in Tränen der Sonne alles zum Ornament eines auf weitere Sinngebung verzichtenden militärischen Missionsgedankens wird, bewegt sich die Handlung permanent auf karnevalistischem Niveau. Etwa wenn Monica Bellucci, die als Doktor Lena Kendricks während der Gewaltmärsche durch den Urwald permanent von mordenden, vergewaltigenden Milizen bedroht ist, tagelang nicht dazu kommt, die oberen Knöpfe ihrer Bluse zu schließen. Oder wenn inmitten des Flüchtlingstrupps plötzlich der Sprössling einer uralten Hutu-, Butu- (oder war es Bantu-?)Dynastie auftaucht und der ganzen Aktion einen für alle Beteiligten tiefen Sinn verleiht, nur welchen?
In manchen Momenten erinnert Tränen der Sonne an einen anderen Interventionsfilm, der sich ebenfalls um einen schwarzen Messias dreht. Der Film spielt in Zimbabwe, handelt von einem UN-General und einem afrikanischen Diktator, der den US-Präsidenten mit einer deutschen V2-Rakete vernichten will, und heißt United Trash von Christoph Schlingensief. Rein phänomenologisch betrachtet, bestehen zwischen Schlingensiefs strategischer und Fuquas weltpolizeilicher Wirrnis eigentlich nur mehr graduelle Unterschiede.
Vielleicht ist das delirierende Großmachtkino mit Tränen der Sonne tatsächlich in eine Art Schlingensief-Stadium eingetreten: als permanent die Gaga-Grenze überschreitender Hochglanz-Trash. Hier wie dort, ob unter humanitärem oder anarchischem Granatenbeschuss, wird die Welt zu einem einzigen großen Kasperletheater.
- Datum 21.08.2003 - 14:00 Uhr
- Serie film
- Quelle (c) DIE ZEIT 21.08.2003 Nr.35
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