Stimmt das so?

Eltern reden mit ihren Kindern über alles – nur nicht über Geld. Das kommt uns alle teuer zu stehen

In guten Jahren bringt Wolfgang Mahler* Millionen nach Hause. Siebenstellig, sagt er, ist sein Einkommen, wenn die Firma große Geschäfte gemacht hat. Die Firma, das ist ein mittelständischer Bauzulieferer aus Süddeutschland, 350 Mitarbeiter, mehr als 100 Millionen Euro Umsatz. Seit zehn Jahren leitet Mahler das Unternehmen, er hat auch die schlechten Zeiten erlebt, als die Aufträge ausblieben. Damals hatte der Chef keine Millionen. Nur Schulden. Geblieben aber ist ihm bis heute ein Problem: Über seine finanzielle Lage kann Mahler zu Hause mit den Kindern nicht reden. »Ich mache nur Andeutungen«, sagt er. »Sage ich ihnen, dass wir Schulden haben, würde sie das nur belasten. Sage ich, wie viel ich genau verdiene, erzählen sie es ihren Freunden, die erzählen es den Eltern, und dann weiß es bald die ganze Stadt.«

Wolfgang Mahler hat sich hochgearbeitet. Damals, am Ende des Kriegs, flüchteten seine Eltern aus dem Sudetenland, und als sie im Westen ankamen, war ihnen fast nichts geblieben. Damals, erzählt Mahler, wurde häufig vom Sparen gesprochen und noch häufiger von materiellem Wohlstand geträumt. Geld war wichtig. Denn Geld versprach den Vertriebenen gesellschaftliche Akzeptanz. Mahler hat drei Kinder: Der Sohn ist 17, die Töchter sind 12 und 16 Jahre alt. »Natürlich ist es wichtig, mit ihnen über Geld zu sprechen«, sagt der Vater. Aber wie?

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Im Februar 2003 veröffentlichte die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen spektakuläre Testergebnisse. Die Verbraucherschützer hatten 28 Banken und Sparkassen geprüft, und was sie herausfanden, bestätigte die schlimmsten Befürchtungen. »Viele Banken und Sparkassen fördern die Verschuldung junger Leute«, hieß es. Gerade Berufsanfängern wurden viel zu hohe Kredite gewährt. Durchschnittlich 12500 Euro verliehen die Geldhäuser – und das an junge Menschen, die nur 1300 Euro im Monat verdienten und gerade mal ein Vermögen von 2000 Euro auf dem Sparbuch hatten. Warum die jungen Kunden so viel Geld brauchten, ist klar: Es ging um das erste eigene Auto, um einen Schrank und ein Bett und einen Tisch für die erste eigene Wohnung. Natürlich mögen die Kredite unverhältnismäßig hoch gewesen sein, und wegen der hohen Raten waren die Berufsanfänger auch unverhältnismäßig stark belastet. Warum aber regten sich die Verbraucherschützer so auf? Immerhin waren die Bankkunden zwar jung, aber keine kleinen Kinder mehr. Sie waren volljährig.

Vor allzu viel Wehklagen hat der Gesetzgeber eine Zahl gesetzt: 18. Ab 18 darf man wählen, Auto fahren und einen Vertrag unterschreiben, ohne vorher die Eltern zu fragen. Und: Man darf sich verschulden. Wer 18 ist, gilt als erwachsen – und Erwachsene sollten in der Lage sein, selbst zu beurteilen, ob das, was sie tun, auch richtig ist.

Wenn junge Erwachsene offensichtlich nicht mit Geld umgehen können – und nichts anderes hatten die Verbraucherschützer herausgefunden –, dann zeigt das vor allem, dass ihre Eltern etwas falsch machen. Dass diese Eltern ihrer Verantwortung nicht nachkommen. Und dass sie ihre Kinder falsch aufs Leben vorbereiten.

Bloß keine Schwäche zeigen. Weil Geld ein Tabuthema ist, können wir uns gegenseitig nicht helfen. Über Geld spricht man nicht einmal in der Familie: Nur die wenigsten wissen, was ihre Eltern genau verdienen oder wie deren Vermögen aufgebaut und angelegt ist. Auch auf Partys ist der Umgang mit Geld – anders als Autos, Fußball und Urlaub – kein Thema. Es sei denn, man kokettiert mit Börsenverlusten. Aber die Details der Lebensversicherung? Oder des Bausparvertrags?

Den meisten Menschen ist es unangenehm, zugeben zu müssen, von Geld keine Ahnung zu haben. Niemand gibt gerne zu, seine Finanzen nicht im Griff zu haben. Gerade bei Geld wollen die Menschen schließlich einen bestimmten gesellschaftlichen Status verkörpern. Über Geld spricht man nicht, Geld hat man – und alle sollen sehen, dass man mit Geld umgehen kann, weil man aus wenig Geld viel gemacht hat. Am besten so viel, dass man selbst Börsenverluste locker wegstecken kann. Allerdings: Bei den meisten bleibt diese Rolle doch nur eine Wunschvorstellung. Instinktiv merken wir, dass wir beim Umgang mit Geld versagen. Das offen auszusprechen, wagen wir nicht.

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