Pestizide Gift für die ArmenSeite 3/3
Schlechte Erfahrung haben Bernstorff und seine Mitstreiter allerdings auch mit Regierungen gemacht. Vor einem Jahr waren sie nach Nepal gereist und hatten acht Tonnen Altpestizide, die mitten in einem Wohngebiet der Hauptstadt Kathmandu in einem Schuppen vor sich hin gammelten, auf eigene Faust in 98 dichte Plastikfässer umgepackt und ausgetretene Chemikalien abgesaugt. Doch abgeholt wurden die Fässer bis heute nicht. Und das, obwohl der Herstellerverband CropLife nach einer öffentlichen Anprangerung durch Greenpeace Unterstützung bei der Entsorgung angeboten hat. „Wir fühlen uns von der nepalesischen Regierung im Stich gelassen“, sagt Bernstorff und vermutet, dass Korruption der Grund dafür ist. Nimmt die Industrie die Entsorgung in die Hand, beauftragt sie nämlich ein ausländisches Unternehmen, das die Altpestizide zur Verbrennung nach Europa schafft. An Nepals Regierung fließt dabei kein Geld. Werden die Giftfässer dagegen später einmal in das FAO-Programm aufgenommen, fließt das für den Abtransport erforderliche Geld an die Regierung. „Das wollen die Beamten, nur so bleibt etwas bei ihnen hängen“, meint der Greenpeace-Experte.
Mark Davis, der die Altpestizidprogramme bei der FAO in Rom koordiniert, widerspricht. „Greenpeace ist ziemlich neu in dem Geschäft“, meint er, „die kennen sich noch nicht so gut aus.“ Korruption sei immer ein Problem – auch bei der Industrie. Als internationale Organisation müsse die FAO die Regierungen einbeziehen, das sei auch richtig so. „Wenn wir sie einfach übergehen und alles von ausländischen Firmen erledigen lassen, dann entsteht im Land doch überhaupt kein Know-how.“ Der sorgsame Umgang mit gefährlichen Chemikalien müsse schließlich erst mal gelernt werden. Das sieht die Unep genauso. Sie fordert eine große Initiative zur Ausbildung und Qualifizierung von Fachkräften, um die schleichende Verseuchung der Entwicklungsländer zu beenden. Die geregelte Entsorgung der Altpestizide könne dafür ein guter Einstieg sein.
Zurück nach Botswana. Gut 300 Tonnen Altpestizide hat das Land bisher aus eigener Kraft entsorgt. Sie waren Mitte der achtziger Jahre nach einer Heuschreckenplage als großzügige Spende der FAO ins Land gekommen. „Spenden sind das Hauptproblem“, sagt der Fachmann Cornelius Mokgoko. Denn kein Bauer lehnt etwas ab, was er kostenlos bekommen kann – auch wenn er gar nicht weiß, wie er damit umgehen muss. Bis sie in den entlegenen Regionen Botswanas ankommen, sind die Pestizide oft nur noch kurze Zeit haltbar. Und die Beschriftung ist in Englisch abgefasst, einer Sprache, die auf dem Land kaum jemand beherrscht.
Wie groß die Menge der unbrauchbaren oder verdorbenen Pestizide wirklich ist, weiß auch in Botswana niemand. Schon mehrmals waren Entwicklungsorganisationen im Land unterwegs und haben Schätzungen abgegeben, die irgendwo zwischen 50 und 18000 Tonnen liegen. Den besten Überblick haben da noch die Männer, die mit ihrem Laster die Bauernhöfe abklappern. Doch obwohl sie alle Altpestizide und sogar verschmutztes Werkzeug und Erdreich kostenlos mitnehmen, sind sie sicher, dass auch ihnen manches verborgen bleibt. „Viele Farmer verheimlichen ihre Vorräte, weil sie Angst haben, dass sie sich mit der unsachgemäßen Lagerung strafbar gemacht haben“, sagt Keineetse Mmopi, der zuständige Abteilungsleiter des Landwirtschaftsministeriums. Deshalb schickt er neben dem Altpestizidlaster auch landwirtschaftliche Berater auf die Höfe, um die Bauern über einen sicheren Umgang mit den Chemikalien aufzuklären. „Bildung ist eine ganz wichtige Aufgabe“, sagt Mmopi. Vor allem dafür erhofft er sich Unterstützung aus dem FAO-Programm. Und sein Mitarbeiter Cornelius Mokgoko ergänzt: „Ausländische Pestizidspenden lehnen wir schon seit vielen Jahren grundsätzlich ab.“
Die meisten anderen afrikanischen Länder können sich diesen Luxus nicht leisten. Und so warten sie einfach ab, bis das Geld und die Berater des Africa Stockpiles Programme bei ihnen ankommen. Das kann allerdings noch eine Weile dauern. Bis 2006 soll das große Aufräumen zunächst in 14 Ländern stattfinden. In 12 bis 15 Jahren, so schätzt die FAO, werde das Programm auch das letzte afrikanische Land erreichen. Vorausgesetzt, es finden sich genug Geldgeber für die geschätzten Gesamtkosten von 250 Millionen Dollar – und die afrikanischen Staaten halten sich an die Vertragsklausel, die sie verpflichtet, nach der Entsorgung keine Altpestizidbestände mehr anzusammeln.
- Datum 23.09.2006 - 11:32 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.08.2003 Nr.35
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