Früher trugen sie getönte Dauerwellen, sie liebten den Blauen Bock und wählten in absoluten Mehrheiten CDU und CSU. Rentner waren eine berechenbare Größe, man nannte sie einfach "Alte" oder notfalls "Senioren", aber nicht "Master-Consumer". Inzwischen wissen wir jedoch, dass uns nicht die Biologie, sondern die Kultur zum Rentner macht. Alter ist nicht Schicksal, sondern Konvention. In der Welt der Freizeit und des Konsums sind die herkömmlichen Altersgrenzen längst verwischt. Mütter tragen die gleichen Röcke wie ihre Töchter, Väter fahren die Mountainbikes ihrer Söhne – und Rentenministerin Ulla Schmidt (54, Großmutter) trifft Finanzminister Hans Eichel (61) beim Rolling-Stones-Konzert.

Oldies sanieren das Kaufhaus

Deshalb wirkt es geradezu anachronistisch, dass die SPD allen Ernstes über die "Rente ab 67" streitet. In dieser detailwütigen Diskussion geht es darum, ob ein heute 28-Jähriger 2040 oder doch erst 2042 in Rente gehen darf – also mit 65 oder 67. In der Sache haben Regierungsberater Bert Rürup und seine Kommission Recht: Der Ruhestand der heute Jüngeren wird später beginnen müssen, und es ist sinnvoll, das jetzt schon zu sagen. Nur: Den Nerv der Debatte um Alte und Alter trifft derlei nicht. Mit Rentenformeln lässt sich das schwierige Verhältnis der Generationen nicht austarieren, dafür sind sie zu oft ins Gesetz geschrieben und zu schnell verworfen worden. Die letzte "Renten-Jahrhundertreform" liegt gerade zwei Jahre zurück. Sie ist schon wieder Makulatur.

Der bedrohliche demografische Doppeltrend von Geburtenlücke und Alterung sollte eine ganz andere Einsicht befördern: Wenn es künftig immer weniger junge Menschen gibt, müssen eben die Alten möglichst lange jung bleiben, jung in den Gliedern und jung im Kopf – wie Mario Adorf und seine Oldie-Freunde, die im Großen Bellheim ein marodes Kaufhaus sanierten. Die Altenrevolution, die bei Konsum und Ästhetik schon vollzogen ist, steht auch in der Arbeitswelt an. Bei denen, die harte körperliche Tätigkeiten verrichten, ist das schwer, aber deren Zahl nimmt ab. Wenn 60-Jährige den gleichen Sport treiben wie 30-Jährige, die gleiche Musik hören – wer will da behaupten, sie seien zwangsläufig leistungsschwächer als die junge Konkurrenz?

Alternde Gesellschaften gelten als risikoscheu und wenig innovativ. Selbst wenn das stimmt, ist niemand gezwungen, solche Schwächen als gottgegeben hinzunehmen. Je klüger und effizienter eine Gesellschaft ihre ergrauten Belegschaften einsetzt, desto leichter wird sie hohe Rentenzahlungen verkraften. Wohlstand hängt nicht in erster Linie von Kinderreichtum ab. Sonst wären die Inder und Kolumbianer reicher als wir.

Bevölkerungsökonomen haben vorgerechnet, dass im Jahr 2035 ein Erwerbstätiger im Schnitt etwa 15 Prozent mehr leisten muss als 2010, damit die Bevölkerung den gleichen Wohlstand wie heute genießen kann. Warum sollte das nicht zu schaffen sein? Und warum wird in der Rentendebatte immer so viel darüber geredet, wie der Mangel zu verteilen ist – und so wenig darüber, wie man ihn aufheben kann?

Nötig ist eine neue Einstellung zum Alter: in den Personalabteilungen, an den Universitäten, in den Familien, im Gesundheitswesen. Schließlich ändert sich viel mehr als nur das Rentensystem, wenn Deutschland in die Jahre kommt. Wir werden anders wohnen, anders Auto fahren, anders arbeiten, anders lieben und anders essen, wenn erst einmal jeder Dritte älter als 50 ist.

Die staatlichen Hochschulen werden sich umstellen und mehr Angebote für Rentner und ältere Berufstätige erfinden – oder gegenüber der privaten Konkurrenz kräftig an Boden verlieren. Die Krankenkassen werden versuchen müssen, mehr Ruheständler für Präventionsmaßnahmen, für Sport und gesunde Ernährung zu begeistern; viele haben schließlich noch 30 oder 40 Lebensjahre vor sich. Stadtplaner werden Wohnprojekte für Ältere entwickeln müssen, um Kosten für Pflegepersonal und Heime zu senken.

Die größte Bringschuld haben jedoch die Unternehmen. Die Firmen klagen über hohe Lohnnebenkosten und haben doch mit ihrer Frühverrentungs-Praxis die Misere der Sozialkassen mitbefördert. Der Staat hat dafür viel zu lange die Schleusen geöffnet und den vorgezogenen Ruhestand subventioniert. Nirgendwo in Europa haben die Unternehmen ihre Belegschaften in den vergangenen 15 Jahren so brutal verjüngt wie hier. Die Folge ist eine absurde Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Obwohl die Gesellschaft immer älter wird, bleibt das Durchschnittsalter der Beschäftigten nahezu konstant. Es gab noch nie so viele gesunde und leistungsfähige 60-Jährige, und schon jetzt werden viele Fachkräfte händeringend gesucht, aber in der Hälfte aller Betriebe arbeiten keine Mitarbeiter über 50 mehr.