Irak-Konflikt Die Superohnmacht

Auch die Europäer verlieren, wenn die Amerikaner im Irak scheitern

Im Afghanistan-Krieg sind die B-52 von Missouri um die halbe Welt geflogen und nach dem Bombardement wieder zurückgekehrt, ohne auch nur einmal aufzusetzen. Eine militärische Großtat – und doch nur eine Illusion, wie sich jetzt auch im Irak zeigt. Es war der Traum vom Krieg ohne Feindberührung, vom Frieden ohne Nachsorge – wie es auf Neudeutsch heißt. Ein Architekt des Irak-Feldzugs träumte weiland: „Wir werden wohl nicht länger als 18 Monate lang bleiben.“

Inzwischen sind dort mehr Amerikaner umgekommen als in den Wochen des Krieges. Fazit: Ein Schreckensregime wegbomben ist nicht schwer (siehe auch: Balkan, Afghanistan), Ordnung, gar Demokratie schaffen dagegen sehr. Clausewitz konnte noch orakeln, dass der Krieg bloß den Willen des Feindes brechen müsse. Heute (und morgen) gilt es, erst den Krieg, dann die Menschen zu gewinnen. Das können nur Menschen, nicht Maschinen. Deshalb die große Ernüchterung im Lande des High-Tech-Arsenals und network-centric warfare. Die UN sind wieder gefragt – und viele, viele Verbündete. Gebraucht werden nicht Presslufthammer, sondern Zahnbohrer.

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Freilich hat sich auch die Ernüchterung unter den Europäern breit gemacht. So wie die Amerikaner den „Nachhaltigkeitseffekt“ ihrer Präzisionswaffen haben die „Alteuropäer“ sich im Kräftemessen mit dem Giganten überschätzt. Berlin und Paris konnten den Vormarsch der „Hypermacht“ nicht stoppen; dabei haben sie dem UN-Sicherheitsrat kaum weniger Schaden zugefügt als die Bushisten, die schmallippig an den UN vorbei in den Krieg gezogen sind.

Ernüchterung hier, Desillusionierung dort – ein guter Moment, um über das Wesentliche nachzudenken. Vorweg gilt, dass den Europäern nicht nützt, was den USA schadet. Nicht einmal der alte Freund-Feind Frankreich dürfte frohlocken, wenn das Ancien Régime im Irak wieder triumphiert; das war die „Republik der Angst“, der Massengräber und -vernichtungswaffen. Genereller: Was bedroht eigentlich den Westen? Es sind nicht mehr die sowjetischen Schock-Armeen, sondern die Versager- und Verbrecherstaaten, dazu der Terrorismus, der sich nicht besonders mühen muss, um buchstäblich den Nerv unserer Zivilisation zu treffen. Der Nerv, das sind die Millionen von „Leitungen“ – vom Strom über Glasfaserkabel bis zum Flugverkehr –, deren Kappung die Weltwirtschaft lähmen und unsere Bewegungsfreiheit vernichten könnte.

Doch ist damit schon der Bogen vom alten Europa in das neue Amerika geschlagen, das gerade die Verwundbarkeit einer Netzwerk-Zivilisation am eigenen Leibe erlebt hat – mit 50 Millionen im Blackout? Nein, ruft die Wirklichkeit, der Starke ist eben mächtig nicht allein. Das Fazit könnte schlichter nicht sein: Die vernetzte Welt fordert die vernetzte Weltpolitik. Noch schlichter: mehr Powell, weniger Rumsfeld.

Der Gärtner als Bock

Nun aber ganz praktisch: Sollen die UN den Irak regieren? Das wäre die dritte Illusion, würde doch so der Gärtner zum Bock gemacht. Ohne „Bock“ – sprich: überwältigende Militärmacht – wäre der Irak schon verloren, bevor das gesamte Wassernetz wieder steht. Der Vielvölkerverein kann den Frieden nicht schaffen, sondern nur verwalten, dies aber besser als die Marines . Erst musste die Nato in Bosnien und im Kosovo ihr Kriegshandwerk verrichten, dann konnten sich UN & Co. um die Schulen kümmern. Bestenfalls können Blauhelme das UN-Quartier in Bagdad schützen, mehr nicht.

Den bitteren Kelch der Sicherheits-Nachsorge kann der „Hypermacht“ niemand abnehmen. Sie wird jetzt im New Yorker Glaspalast sensibler und bescheidener als im Frühjahr auftreten müssen, um mit der richtigen Resolution das Dach zu zimmern, das den Europäern (am besten im Nato-Verbund) die Teilhabe schmackhaft macht. Ohne Stimmrecht kein Aktienkauf.

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