Ranking TÜV für die Universität

Ranking, Evaluation, Benchmarking – was bedeuten diese Begriffe, die das deutsche Hochschulsystem schon heute grundlegend verändern?

Wie heißen deutsche Spitzenuniversitäten? An welchen Hochschulen findet man die zufriedensten Studenten, wo die produktivsten Forscher? Vor wenigen Jahren noch interessierten diese Fragen außerhalb der akademischen Welt kaum jemanden in Deutschland – und niemand konnte sie beantworten. Es regierte die Fiktion, alle Universitäten und Fachhochschulen böten die gleiche Qualität. Diese Situation hat sich seit Mitte der neunziger Jahre radikal verändert. In kaum einem öffentlichen Bereich werden Leistungsvergleiche heute so groß geschrieben wie bei den Hochschulen. Im Vergleich zum Gesundheits- oder Steuersystem sind sie geradezu ein Vorbild an Transparenz. Mittlerweile warnen Professoren und Hochschulverwaltungen bereits vor einer Evaluationitis.

Dabei kann kaum noch jemand die verschiedenen Werkzeuge der Qualitätsmessung auseinander halten – anscheinend selbst Bundesministerin Edelgard Bulmahn nicht. Ihr geraten die verschiedenen Instrumente der Bewertung von Hochschulen – Evaluation, Budgetierung nach Leistung oder Ranking – immer wieder durcheinander (wie im Interview mit der ZEIT Nr. 28/03). Dabei erfüllen alle Bewertungsinstrumente unterschiedliche Funktionen, wenden sich an verschiedene Adressaten und verlangen jeweils andere Akteure.

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Evaluationen geben Universitäten und Fachhochschulen Anregungen, wie sie ihr Studienangebot verbessern und ihr Profil schärfen können. Gleichzeitig legen sie damit Rechenschaft ab gegenüber ihren Geldgebern, den Bundesländern. In Deutschland werden in erster Linie die Stärken und Schwächen des Lehrbetriebs einer Hochschule bewertet, in der Regel in einem zweistufigen Verfahren: Nachdem der Fachbereich einen Bericht verfasst hat, begutachtet eine Gruppe von externen Fachvertretern Studium und Lehre am Fachbereich.

Seit Mitte der neunziger Jahre haben sich eine Reihe von Hochschulen zu Verbünden zusammengeschlossen, die ihr Studienangebot übergreifend und fachbezogen testen und vergleichen, um voneinander zu lernen. Häufig verpflichten sich Fakultäten nach einer Evaluation, die aufgedeckten Qualitätsmängel zu beseitigen oder Stärken auszubauen. Ein Beispiel aus dem „Nordverbund“, zu dem sich sieben norddeutsche Universitäten zusammengeschlossen haben: Eine Evaluation der Physik an der Universität Oldenburg ergab, die Vorlesungen im Grundstudium seien zu theoretisch. Daraufhin kaufte der Fachbereich neue Instrumente, um die Vorlesung anschaulicher zu machen.

Leistungen in der Forschung werden landesweit bislang nur in Niedersachsen geprüft. Hier vergleichen renommierte Wissenschaftler alle sechs Jahre die Forschung der landeseigenen Fakultäten und machen Politik wie Hochschulen Vorschläge für Reformen. Wichtig bei diesem so genannten Peer-Review-Verfahren ist, dass die Gutachter von anderen Hochschulen stammen. Dies macht deutlich: Qualitätssicherung durch Evaluation ist eine ureigene Aufgabe der Hochschulen selbst. Der Staat kann die Hochschulen zur Evaluation verpflichten, sollte sie aber nicht selbst betreiben.

Für das Benchmarking gilt das Gleiche. Der Begriff stammt aus der Landvermessung und besagt, dass ein Punkt in der Landschaft fixiert wird, um daran Entfernungen zu messen. Heute definiert man Benchmarking als systematische Suche nach guten Ideen und Lösungen. Universitäten suchen bei anderen Hochschulen nach Vorbildern, die sie übernehmen können. So haben 15 der größten deutschen Hochschulen – von Heidelberg bis München – soeben ein Benchmarking-Netz gegründet. In solchen Zusammenschlüssen will man voneinander lernen: Warum ist eine Hochschule besser in der Einwerbung von Drittmitteln als die andere? Wo funktioniert die interne Mittelverteilung am besten?

Studenten als Verbraucher

Akkreditierung – Beglaubigung – ist eine Art TÜV des Hochschulsystems. Sie soll garantieren, dass ein Studiengang bestimmte Mindestanforderungen in puncto Qualität erfüllt. In Deutschland müssen sich so alle Studiengänge akkreditieren lassen, die mit Bachelor und Master abschließen (bislang sind 337 von über 1700 dieser Studiengänge akkreditiert worden). Dafür sind mittlerweile eine Reihe von regionalen oder fachspezifischen Akkreditierungsagenturen entstanden, welche die Qualitätsprüfung übernehmen. Sie sollen unter anderem sicherstellen, dass hinter den neuen Namen auch neue Studieninhalte stecken und in Zukunft nicht einfach nur Master und Bachelor heißt, was sich bislang Diplom und Vordiplom nennt.

Hochschulrankings dagegen dienen der „Verbraucherinformation“ für Studenten. Ihr Anliegen entspricht dem der Stiftung Warentest. Sie fragen, wie viele Studenten sich einen Professor teilen, wie es um die Ausstattung der Bibliotheken steht und ob die Studenten mit dem Studienangebot zufrieden sind. Hochschulrankings richten sich primär an Abiturienten mit Informationen, die für die Wahl der Hochschule hilfreich sind. Rankings dürfen die Ursachen für Defizite ignorieren. Für ihre Zielgruppe reicht es zu wissen, dass die Betreuung an der Uni X schlechter ist als an der Uni Y. Dennoch liefern Ranking-Ergebnisse den Hochschulen Hinweise zu ihren Stärken und Schwächen – und damit einen Anlass, die Qualität zu verbessern. Rankings müssen sowohl von den Hochschulen als auch vom Staat unabhängig sein. Nur dann sind sie glaubwürdig.

Für Forschungsrankings gilt das auch . Diese Ranglisten vergleichen die Forschungsleistungen der Professoren an einer Hochschule. Beispiele sind das Forschungsranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) oder das Förderranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Ein Kriterium, um Forschung zu messen, ist die Menge an Drittmitteln, die eine Fakultät eingeworben hat. Weitere Messpunkte sind Menge und Qualität von Publikationen oder in den Ingenieurwissenschaften die Zahl der angemeldeten Patente. Adressaten der Forschungsrankings sind vornehmlich die Universitäten selbst sowie die Hochschulpolitik.

Ein Forschungsranking lässt sich aus zwei Blickwinkeln erstellen: Zum einen kann man den Beitrag der einzelnen Hochschule (oder außeruniversitären Einrichtung) zu der Forschung in einem Fach in Deutschland beleuchten. Zum anderen kann das Ranking darstellen, welche Leistungen eine deutsche Universität in jeweils einer Disziplin im internationalen Vergleich erbringt. Dabei kann es zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Beispiel Volkswirtschaftslehre: Die VWL-Professoren der Universität Bremen publizieren vor allem Beiträge zur deutschen Wirtschaftspolitik, die – allein wegen der Veröffentlichung in deutscher Sprache – im Ausland kaum wahrgenommen wird. Die Kollegen der Universität Bonn dagegen haben ihre Forschungen stärker international ausgerichtet.

Welche Folgen haben all diese Bewertungen? Wie viele Professoren wohl zu Recht befürchten, geht es der Politik nicht in erster Linie um Erkenntnisgewinn, sondern um eine neue Verteilung der knappen Mittel. Für eine leistungsbezogene Mittelverteilung jedoch kann keines der bisher genannten Verfahren die Grundlage sein. Finanzmittel müssen nach wenigen, klaren und steuerungswirksamen Faktoren verteilt werden. Fast alle Bundesländer finanzieren ihre Hochschulen heute zumindest zu einem kleinen Teil anhand von Leistungskriterien. Dazu gehört unter anderem, wie viele Studienanfänger die jeweiligen Fakultäten tatsächlich zum Examen führen. Macht man dagegen Evaluations- oder Rankingergebnisse zum Kriterium der Mittelverteilung, betreiben die Hochschulen „Schönfärberei“, um möglichst viel Geld zu bekommen. Die Folge: Die Ranking- und Evaluationsergebnisse verlieren an Zuverlässigkeit, die Mittel werden weiter ungerecht verteilt.

Auch wenn Funktionen und Ziele der verschiedenen Instrumente zum Leistungsvergleich oft durcheinander gehen: Sie werden alle bereits eingesetzt und verändern das deutsche Hochschulsystem. So verzeichnen die in Rankings empfohlenen Studiengänge überproportionale Steigerungsraten. Angesichts sinkender Abiturientenzahlen wird sich der Wettbewerb der Hochschulen um Studenten verstärken und die Bedeutung derartiger Rankings wachsen.

Kaum relevante Forschung

Ebenso zwingen uns die Ergebnisse der Forschungsrankings, heilige Kühe unseres Hochschulsystems zu schlachten: zum Beispiel die Einheit von Forschung und Lehre an allen Universitäten unseres Landes. DFG-Förderranking wie CHE-Forschungsranking zeigen, dass sich die Forschungsaktivitäten auf eine vergleichsweise kleine Gruppe von Fakultäten konzentrieren. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Fakultäten, die im Vergleich wenig relevante Forschung vorweisen können. Die Humboldtsche Idee einer forschungsbasierten Universität ist damit mehr Ideologie als Realität.

Heute haben alle Universitätsprofessoren die gleiche Lehrbelastung, je nach Bundesland acht oder neun Wochenstunden im Semester. Es stellt sich die Frage, ob Professoren an ausgewiesenen Forschungsfakultäten nicht weniger lehren und dafür mehr forschen sollten. An Fakultäten ohne nennenswerte Forschungsaktivitäten könnten zum Ausgleich höhere Lehrdeputate gelten.

Weiterhin werden die Ergebnisse der Forschungsrankings auch unser Kastenwesen von Universitäten und Fachhochschulen ins Wanken bringen. Warum sollen Fachhochschulen, die nachweislich Leistungen in Forschung und Entwicklung erbringen, nicht Doktortitel vergeben dürfen? Und: Warum verfügen Universitätsfachbereiche, in denen nahezu keine Forschung betrieben wird, weiterhin über das Promotions- und Habilitationsrecht?

Weder politische Wunschbilder noch angestammte Privilegien oder traditionelle Strukturen werden in Zukunft das deutsche Hochschulsystem prägen. Die Verfahren der Leistungsbewertung helfen, den Blick von politischen Wunschbildern zu den empirischen Realitäten zu wenden.

Detlef Müller-Böling leitet das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), eine Denkfabrik der Bertelsmann Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz

 
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