J enseits von Jedem ist, ich muss es gestehen, mein erstes Blumfeld-Album. Was mich vor diesem Rezensionsauftrag immer davon abgehalten hat, eine Platte von Blumfeld intensiver anzuhören, war deren Image als Popband für den denkenden Menschen mit Abitur, Anspruch und Diskurshoheit, eine Planstelle, die in meiner Generation für die nächsten 250 Jahre legitimerweise nun einmal einzig von den für diesen Job immerhin ausreichend selbstironischen, lustigen und krawallschachtelmäßigen Klassikern Pete Townsend und The Who besetzt ist ("Solange ich The Iron Man noch nicht als CD habe, brauch ich nichts von Blumfeld"). Denn man kann über uns alte Hippies viel gut begründet Abträgliches sagen. Aber wenn wir in der Zeitung lesen müssen, die Lieder von Blumfeld seien "in blinkender, glänzender Hülle kleine eisige kategorische Imperative" (und die Musikpresse kann sich, wenn es um Blumfeld geht, vor solchen Formulierungen artikellang nicht mehr einkriegen), weiß noch der Verkommenste von uns instinktiv sein abgegriffenes Exemplar von New Boots and Panties zu entsichern: "There ain’t half been some clever bastards!" Blumfeld sind Michael Mühlhaus, Jochen Distelmeyer und Andre Rattay

Der erste Höreindruck war dann eine Erleichterung. Sie ging schnell in Behagen, vor- und zurückspulende Entdeckerfreude und schließlich nachmittagelanges Blumfeld-Suchtverhalten über. Es gibt also doch Menschen unter 30, denen der ältere Mensch in popmusikalischen Angelegenheiten Vertrauen schenken kann. Denn es handelt sich bei Jenseits von Jedem um nichts Prätentiöseres als um entspannten, professionell und mit hörbarem Spaß an der eigenen Sache gespielten Gitarrenpop, mit einfachen Mitteln verblüffend nuancen- und dimensionenreich, mit schönen externen Solos (Posaune, Trompete), einem wunderbaren, an klassischen Popvorbildern geschulten Piano und deutschen Texten, bei denen es einem nicht vor Peinlichkeit die Zehennägel aufrollt. Wenn das Diskursrock ist, bin ich dafür.

Was mir besonders gut gefällt, ist der Eindruck, es hier mit einer wirklichen Band zu tun zu haben, die ihre Virtuositäten, Begrenzungen, Idiosynkrasien und Persönlichkeiten in einem ausreichend intensiven Zusammenspiel und bei regelmäßigen Live-Auftritten erworben hat und all das auch in einer Studioaufnahme kommunizieren kann. Auf manchen Stücken klingt die Band, als spiele Richard Ashcroft einen apokryphen Sex-Pistols-Titel mit deutschem Text. Auf anderen erinnern sie mich – und das ist nicht als Beleidigung gemeint, sondern als eine der höchsten Lobhudeleien, die der ältere Mensch zu vergeben hat – an die Travelling Wilburys. Das dem Album den Titel gebende Jenseits von Jedem zum Beispiel ist ein ausgesprochener Ohrwurm in jenem von Bob Dylan inaugurierten "Tombstone-Blues-Schema", das berühmte Figuren aus Funk, Weltliteratur, Weltgeschichte, Film, der eigenen Fantasie und dem Fernsehen bei allerlei turbulent-absurden Verwicklungen zeigt, während das lyrische Ich ("I’m just sitting on a fence…") eine ebenso absurde, aber sorgfältig unerstaunte Beobachterpose beibehält – ein klassischer Coolness-Topos des Pop, von dem ich gar nicht gedacht hätte, dass man ihn so einleuchtend und unpeinlich auf Deutsch rekonstruieren könnte.

Alles macht weiter, das geistvollste, poetischste und lustigste Stück der CD, war schon Anfang August als Single erhältlich und ist eine moderat punkig gespielte und literarisch sehr starke Variation der aphoristisch durch Michael Rutschky formulierten Einsicht, nach der "Keiner bekommt, was er wirklich will. Deshalb machen wir weiter." Alle konsumistischen und politischen Utopien wollen einem bekanntlich einreden, dass es so wie jetzt eben nicht weitergehen könne und dass wir – der Bürger, der Mittelstand, die Generation Ally, das Weltproletariat, die Jugend – nun endlich bekommen müssten, was wir wirklich wollen (das Ende der Welt oder der Vorgeschichte; das neue, lebensrettende Jackett; der Eintritt ins Wassermann-Zeitalter ist nah). Alles macht weiter ist eine der gelungensten Formulierungen der steinalten Erwachseneneinsicht, dass die Welt in Wirklichkeit nie unter- und im Zweifel sogar ohne uns weitergeht: "Alles geht weiter wie bisher/die Zeit vergeht und steht doch still/die Wünsche wandern übers Meer/und der Wind weht, wohin er will."

Aber auch Krankheit als Weg und In der Wirklichkeit, merkwürdig klangteppichartig wabernde und schillernde Mantras oder Liturgien, die auf ihre Refrains hinauslaufen mit der poetischen Zwangsläufigkeit von Don McLeans American Pie, sind wunderbare Stücke. Überhaupt ist die populistische Unbefangenheit, mit der sich Blumfeld bei den generationenalten, immer jungen und eigentlich nie versagenden Methoden, Kniffen und Tricks des Pop bedienen, eine Erleichterung für Menschen, denen avantgardistische Kunstansprüche in der Popmusik körperlich so wehtun wie in der Oper oder der Literatur.

Was natürlich schrecklich reaktionär ist. Kunst muss schließlich wehtun, verkrustete Hörgewohnheiten gegen den Strich bürsten, die "Wunden offen halten" (Mariam Lau). Und überhaupt, wie steht es mit dem Diskurspop-Slash-Popdiskurs mit großem Binnen-D? Was antworten wir auf die bange Frage, ob Jochen Distelmeyer noch zur gesellschaftskritischen Fahne steht, die gnostischen Jenseitsfunken und gleitenden Signifikanten Attac- und Derrida-inspirierter Weltablehnung eigentlich noch in sich spürt und in seiner Musik zum Ausdruck bringt oder ob er sich vielmehr mit der neuen CD endgültig in der gefallenen Welt des "Kommerzes", der "Glätte", der "Gefälligkeit" verloren, gar "eingerichtet" hat?

Ich weiß nicht. Prinzip des Blumfeld-Diskurs-pop bildet ja wohl überhaupt das beredte, selbstbewusste, freundlich lächelnde und insgesamt stark feuilletontaugliche Schwanken und Wanken Jochen Distelmeyers zwischen schwierigen Wörtern und Lektüreerlebnissen (Ich-Maschine; Heidegger) , kapitalismuskritischer Seinsverneinung und apokalyptischer Verzweiflung einerseits, einer gewissen Schwunghaftigkeit, Kindlichkeit, Naivität, Melodik, kurz (sprechen wir das S-Wort tabulos aus) Schlagerhaftigkeit andererseits. Protestantismus und Anmut. Legitimität durch Selbsterfahrung. Schuld und Sühne.

Aber ist das alles nicht doch sowieso das Prinzip der protestantischen Popmusik überhaupt? (Die katholische hat dann wieder gern etwas Queen-, Phil-Spector- oder Tamla-Motownhaftes und ist überhaupt eine andere Geschichte.) In den sechziger Jahren war der eifrige Bibel-Leser Bob Dylan das klassische Beispiel: Gerade hatten wir uns an krächzend und prinzipiell in der falschen Tonart gejaulte Coverversionen zu Recht vergessener Dustbowl-Agitpropgesänge aus den dreißiger Jahren als an die richtige Musik im falschen Leben gewöhnt, schockte uns unser Judas mit unerträglich "gefälligen" Rockarrangements. Um dann wieder ungebremst ganz und gar evangelisch zu werden. Und so weiter. Ich glaube, man soll sich davon letzten Endes nicht verrückt machen lassen. Es gibt wahrscheinlich gar keinen Slash zwischen Diskurs und Pop. Das Gefällige ist in der Popmusik praktischerweise zugleich das Kritische.