Kurze Stille im Konferenzraum, man hört nur noch den Verkehr von Rio de Janeiro rauschen. "Ja, es stimmt", sagt Juan Carlos Raxach. "Dieses Gespräch könnten wir gar nicht führen, wenn ich Südafrikaner wäre." Aber der schlaksige Mann, der mit seiner schwarzen Mähne und dem markanten Profil ein bisschen an Che Guevara erinnert, ist Kubaner. Er lebt in Brasilien, und das ist sein großes Glück.

In diesem Fall muss man allerdings vorsichtig sein mit dem Wort Glück, denn Raxach, der Arzt, trägt das HI-Virus im Körper, schon seit 20 Jahren. In Südafrika wäre es ihm ergangen, wie es 600 anderen jeden Tag ergeht: Er wäre längst an den Folgen des Immunschwächesyndroms Aids gestorben. Dort, auf der anderen Seite des Atlantiks, hätte er keinen Zugang zu den Medikamenten gehabt, die sein Leben mit dem Virus erleichtern und verlängern. Oder er hätte sie sich nicht leisten können, weil sie viel zu teuer sind.

In Brasilien erhält Raxach die Arzneien kostenlos. Jedem Bürger, der HIV-positiv getestet wurde, werden sie gebührenfrei ausgehändigt, egal ob er arm ist oder reich, ob er in der Favela, im Penthouse an der Copacabana oder im Urwald von Amazonien wohnt. Aids-Kranke haben darauf ein gesetzlich verbrieftes Recht und müssen nur zu einem staatlichen Krankenhaus oder zu einer Ambulanz gehen.

Juan Carlos Raxach arbeitet bei Abia, der größten Aids-Aufklärungsorganisation im Lande. "Unser staatliches Programm funktioniert so gut, dass die Leute schon wieder nachlässig werden. Es ist wie beim Fußball. Wir sind die Champions, niemand kann uns schlagen." Gäbe es eine Weltmeisterschaft der Aids-Bekämpfer, die Brasilianer würden sie haushoch gewinnen – sie haben die finsteren Prognosen der Weltbank widerlegt. Die Herren in Washington hatten vor Jahren hochgerechnet, dass bereits 2000 rund 1,2 Millionen Bürger infiziert sein würden; tatsächlich sind es heute 540000, also nicht einmal halb so viele. Die Todesrate von Aids-Kranken ist landesweit um 50 Prozent gesunken.

Woran liegt dieser beispiellose Erfolg? An unserer freizügigen Lebenskultur, heißt es unisono. Brasilianer reden ziemlich unbefangen über Sexualität. Ein verklemmter Begriff wie Lustseuche ist ihnen fremd, und Lust ist ein durch und durch positiv besetzter Begriff. Der Erfolg im Kampf gegen Aids liegt wohl auch an den Schockplakaten mit erigierten Penissen, die man den Bewohnern anderer Länder niemals zumuten könnte. Und an den Kondomen, die im Karneval vom Himmel regnen. Vor allem aber verdankt er sich der entschlossenen Anti-Aids-Strategie der Regierung. Schon 1983, ein Jahr nachdem das Virus erstmals isoliert wurde, starteten die Stadtväter der Megacity São Paulo die erste Kampagne. 1985 initiierte der erzkonservative Präsident José Sarney einen nationalen Präventionsplan. Und seit sechs Jahren werden Aids-Medikamente verteilt.

Die medizinische Abwehrschlacht war nur bezahlbar, weil Brasilien die Hersteller der teuren Anti-Aids-Cocktails zu massiven Preisreduktionen zwang und jedes zweite dieser Medikamente im eigenen Land produzieren ließ – als Generika, also als Nachahmepräparate, die nur einen Bruchteil dessen kosten, was die Pharmakonzerne für ihre Markenprodukte in den Industrieländern verlangen.

Damit hat das südamerikanische Land bewiesen, dass das Unmögliche möglich ist: Ein vergleichsweise armer Staat mit einem löchrigen Gesundheitsnetz kann die Aids-Pandemie eindämmen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Brasiliens Weg als Modell für die Dritte Welt empfohlen.

1,3 Milliarden Dollar gespart