essay Feindseligkeit

Weshalb Ted Honderichs Buch „Nach dem Terror“ nicht hätte erscheinen dürfen und weshalb unsere Reaktion auf den israelisch-palästinensischen Konflikt ignorant ist

Das in der edition suhrkamp erschienene und inzwischen nicht mehr lieferbare Buch „Nach dem Terror“ des englischen Philosophen Ted Honderich, in dem er Verständnis für palästinensische Selbstmordattentäter äußert, ist auf Kritik gestoßen (ZEIT Nr. 34/03). Die Schriftstellerin Ulla Berkéwicz findet seine Position zynisch und begründet das in diesem Essay. Ulla Unseld-Berkéwicz hat den Vorsitz der Siegfried und Ulla Unseld Stiftung, welche die Mehrheitsanteile an den Verlagen Suhrkamp und Insel hält. Von ihr erschien zuletzt das Buch „Vielleicht werden wir ja verrückt. Eine Orientierung in vergleichendem Fanatismus“ (2002).

Die Ausführungen des Moralphilosophen Ted Honderich zum israelisch-palästinensischen Konflikt sind von Feindseligkeit geprägt. Feindseligkeit ist ein bemerkenswert treffendes deutsches Wort. Feindselig zu sein bedeutet, nicht nur Lust, sondern Seligkeit mit dem Feindbild zu verbinden. Islamischer Fundamentalismus ist Feindseligkeit bis zum Anschlag. Der Feind-Selige jagt sich zusammen mit dem Feind in die Luft, findet, sogleich selig geworden, den Eingang ins Paradies und wird dort, so steht es im Hadith geschrieben, zur Rechten oder Linken des Propheten sitzen mit vielen schönen Huris zum Pläsier.

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Feindselig ist, wenn der Moralphilosoph sich die Hamas-Ideologie zu Eigen macht, indem er die völkermörderischen palästinensischen Anschläge als moralisch rechtens verteidigt und Selbstmordattentate, Massenmorde unterstützt. Genauso feindselig und menschenverachtend wäre es, würde einer daherkommen und die Morde des israelischen Militärs an palästinensischen Zivilisten rechtfertigen. Zynisch ist die Behauptung, „die Juden“ schienen von ihren Peinigern gelernt zu haben. Wenn der Moralphilosoph diese These auf seiner Website noch zuspitzt und mit Blick auf Nazideutschland die Palästinenser als „die Juden der Juden“ bezeichnet, wird es menschenverachtend.

Menschenverachtend? Zynisch? Feindselig? Mit Sicherheit ist es ignorant, sich einzumischen, zu urteilen und zu verurteilen, wenn man nicht weiß, dass sich die 1988 verfasste und bis heute unverändert gültige Hamas-Charta in Artikel 7 auf das Wort des Propheten beruft, dass „Muslime die Juden bekämpfen und sie töten“ sollen, die Zeit beschworen wird, da sich „die Juden hinter Felsen und Bäumen verstecken, welche ausrufen: Oh Muslim! Da ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt; komm und töte ihn!“ Dass in Artikel 20 vom „Nazismus der Juden“ die Rede ist. Dass dort in Artikel 22 zu lesen steht: „Die Feinde […] häuften einen riesigen und einflußreichen materiellen Wohlstand an […], der es ihnen ermöglichte, die Kontrolle über die Weltmedien wie etwa Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Verlagshäuser, Fernsehsender und ähnliches zu übernehmen. […] Auch haben sie ihr Geld benutzt, um Geheimorganisationen zu gründen, die sich in der ganzen Welt ausbreiten, um die Gesellschaften zu zerstören und zionistische Interessen zu verfolgen. Derartige Organisationen sind: die Freimaurer, Rotary Clubs, Lions Clubs, Bnei Brith und ähnliches. […] Was die regionalen Kriege und Weltkriege betrifft, so verhält es sich zweifellos so, daß sie hinter dem Ersten Weltkrieg standen, um das islamische Kalifat auszulöschen. […] Sie standen auch hinter dem Zweiten Weltkrieg, in dem sie immense Profite aus dem Handel mit Kriegsmaterial zogen und den Boden für die Etablierung ihres Staates vorbereiteten. Sie haben die Errichtung der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrates in Nachfolge des Völkerbundes angeregt, um die Welt mit Hilfe ihrer Mittelsmänner zu beherrschen. Es gibt keinen Krieg, wo auch immer, der nicht ihre Fingerabdrücke trägt.“ Und dass in Artikel 13 erklärt wird: „Für die Palästinafrage gibt es keine andere Lösung als den Dschihad. Die Initiativen, Vorschläge und internationalen Konferenzen sind nichts als Zeitverschwendung.“ Es ist gefährlich, wenn man außer Acht lässt, dass in dieser Charta Vorstellungen auftauchen, die man aus Hitlers Mein Kampf und aus Rosenberg-Schriften kennt, dass die so genannten Protokolle der Weisen von Zion herbeizitiert werden, ein Ende des 19.Jahrhunderts entstandenes antisemitisches Machwerk, das als vorgebliche Sitzungsprotokolle einer jüdischen Weltverschwörung unters Volk gebracht und bereits in den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts als Fälschung entlarvt wurde, nichtsdestoweniger aber weiter in West- und Ostköpfen spukt. Dass in dieser Charta der Heilige Krieg gegen Israel als erste Etappe eines weltweiten antijüdischen Vernichtungskriegs dargestellt wird, dass dies das wohl wichtigste programmatische Dokument des islamischen Fundamentalismus ist.

Das Bündnis der Islamisten und der Nationalsozialisten

Um zu urteilen oder zu verurteilen, sollte man auch wissen, dass es die 1928 gegründete ursprünglich ägyptische Muslimbruderschaft war, die den Heiligen Krieg und die Todessehnsucht des Martyriums neu entdeckte. Dass diese Bruderschaft dann vom europäischen Faschismus inspiriert wurde. Dass der Mufti von Jerusalem Amin el-Husseini im Bündnis mit dieser Bruderschaft den Antisemitismus zum wichtigsten Bestandteil der gemeinsamen Weltanschauung machte. Dass Waffenlieferungen und Finanzhilfen der Nazis den von jenem Mufti geführten Aufstand 1937 gegen die „Gefahr“ eines jüdischen Staates ermöglichten. Man sollte wissen, dass es eine Vereinbarung gab zwischen dem Mufti und Himmler, der Nationalsozialismus solle „als völkisch bedingte deutsche Weltanschauung und der Islam als völkisch bedingte arabische Weltanschauung unter Herausstellung der gemeinsamen Feinde (Judentum, Angloamerikanismus, Kommunismus, Freimaurerei, Katholizismus) gelehrt werden“. Dass der Heilige Krieg von Anfang an untrennbar mit dem Judenhass verbunden war. Nicht als antikoloniale, sondern als antijüdische Bewegung wurden die Muslimbrüder, die heute mit der Hamas die wichtigste palästinensische Dschihad-Organisation sind, zur Massenbewegung. Und man sollte wissen, dass in der Hamas-Charta festgeschrieben ist, jeden Versuch einer friedlichen Lösung des Konflikts und jeden Versuch eines israelisch-arabischen Dialogs, jede Einigung mit den Israelis, die den Rückzug ihrer Siedler und Soldaten aus den besetzten Gebieten beinhaltet, zu torpedieren. Dass sich die islamistischen Attentate nicht gegen Politiker oder Militärs, sondern fast ausschließlich gegen die Zivilbevölkerung richten.

Wenn man aber weiß und dann nicht zu dem Schluss kommt, dass die Selbsttötungsmassaker dem Zweck dienen, den der PLO jeweils feindlichsten israelischen Parteien zur Macht zu verhelfen, und wenn einem dann nicht die Selbstmordattentate Mitte der neunziger Jahre einfallen, die Netanjahu und später Scharon an die Macht brachten, ist einem wie dem Moralphilosophen nicht mehr zu helfen, der sich die Thesen der Hamas-Charta und die antisemitischen Verschwörungstheorien derart zu Eigen macht, dass er unlängst im deutschen Fernsehen die Entscheidung des Suhrkamp Verlages und die Kritik der Medien folgendermaßen zu erklären versuchte: „Deutschland wird von einer Minderheit von Neozionisten gemanagt.“

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